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Deutscher Buchpreis Auf dem Schachbrett der Literatur

Im Schauspielhaus Frankfurt stellen sich vier der sechs Nominierten für den Deutschen Buchpreis vor.

Shortlist-Autoren
Drei von sechs: Stephan Thome, Susanne Röckel und María Cecilia Barbetta (v.l.n.r.). Foto: Rolf Oeser

Mit harschen Worten hat Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Bundesregierung dafür kritisiert, dass sie zu diesem Zeitpunkt den „Despoten“ Recep Tayyip Erdogan zu einem Staatsbesuch einlade. Dies sei ein Schlag ins Gesicht aller inhaftierten Journalisten und Autoren in der Türkei. Seit Jahren setze sich die Buchbranche für die Meinungs- und Publikationsfreiheit ein, doch müsse man feststellen, dass diese Freiheitswerte dann Grenzen finden, wenn wirtschaftliche oder machtpolitische Interessen angesprochen sind. Aus Protest werde der Börsenverein am Freitag, 28. September, eine Livestream-Lesung von Texten inhaftierter türkischer Autoren einrichten.

Gefährdet sei auch, so Skipis, das gedruckte Buch. Ein solch sinkendes Interesse an der Literatur war an diesem Abend mit den Nominierten auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreises 2018 allerdings nicht zu spüren. Nach zehn Jahren fand die Präsentation erstmals nicht im Literaturhaus Frankfurt, sondern im Schauspielhaus statt. Fünfmal mehr Menschen hatten die Chance, die aus 199 Büchern ausgewählten Werke mit ihren Autoren live zu erleben. Nach einer Woche war die Veranstaltung ausverkauft – ein solcher Andrang gilt in der Regel großen Bestseller-Autoren. Dass der Buchpreis in diese Liga eingezogen ist, kann als Erfolg einer umfassenden Marketing-Initiative des Börsenvereins gelten.

Auch viele junge Besucher sind gekommen. Der Druck der sozialen Medien – „Man muss immer dabei sein“ –, der, so Skipis, den Buchverkauf eher bremst, hat hier ganz offensichtlich zum Vorteil der Buchwelt ausgeschlagen. Nino Haratischwili, die mit ihrem in der Frankfurter Verlagsanstalt publizierten Roman „Die Katze und der General“ auf der Liste steht, und Maxim Biller, dessen verzweigte Familiengeschichte bei Kiepenheuer & Witsch unter dem Titel „Sechs Koffer“ erschienen ist, fehlten bei dem Lesungsritual.

Als erste spricht Inger-Maria Mahlke mit Sandra Kegel über ihr Buch „Archipel“ (Rowohlt). Die Handlung spielt auf Teneriffa, hier hat die Autorin, deren Mutter Spanierin ist, Teile ihrer Kindheit verbracht. Ihre Erzählung erfolgt von der Gegenwart aus zurück in die Vergangenheit. „Ich misstraue Kausalitäten“, darum habe sie sich für diesen komplizierten formalen Weg entschieden. So treten zunächst, wenn Ereignisse aus dem Jahr 2015 beschrieben werden, zahlreiche „blinde Motive“ (Sandra Kegel) auf, die sich erst gegen Ende, im Jahr 1919, ganz entschlüsseln werden.

Die Handlung des Abenteuerromans „Gott der Barbaren“ (Suhrkamp) von Stephan Thome führt zurück in das China des 19. Jahrhunderts, wo von 1851 bis 1864 einer der größten Bürgerkriege der Weltgeschichte stattgefunden hat. Diese Ereignisse zeigten, so Thome, das Gewaltpotential, das von Religionen ausgehen könne. „Wir bringen heute religiösen Fanatismus fast automatisch mit dem Islam in Verbindung“, erläutert er im Gespräch mit Alf Mentzer. In China sei es jedoch um eine Rebellion von Christen gegangen. „Barbaren“ waren aus dieser Perspektive diejenigen, die aus Europa kamen, um mit religiösen Lehren oder auch Opium zu handeln.

Susanne Röckel hat einen Schauerroman geschrieben. Der Sog des Bösen, den „Der Vogelgott“ (Verlag Jung und Jung) entfaltet, hat Gesprächspartnerin Kegel erkennbar irritiert. Ob es keine Hoffnung für diese, dem kollektiven Wahn verfallene Welt gebe, will sie wissen. Die Antwort der Autorin, die über ursprünglich aus dem Krieg zurückkehrende, traumatisierte Soldaten schreiben wollte, lautet: „Horror funktioniert anders. Es gibt keinen Ausweg.“

Abschließend spricht Literaturkritikerin Insa Wilke mit María Cecilia Barbetta, die bei S. Fischer ihren zweiten Roman unter dem Titel „Nachtleuchten“ veröffentlicht hat. Auch sie wendet sich einem Ort zu, den sie aus eigener Erfahrung sehr gut kennt: Buenos Aires, wo sie in einem Einwandererviertel gewohnt und die Deutsche Schule besucht hat.

Die Handlung spielt in der Zeit nach dem Tod von Juan Perón und vor der Machtübernahme der Militärjunta. In diesen Kontext habe die Autorin, wie sie sagt, ein literarisches Schachbrett gestellt und fordert den Leser zum Mitspielen auf.

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