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Deutscher Buchpreis 2018 „Blöder Autobiografie-Kram“

Bei der „Blind Date“-Lesung mit Angelika Klüssendorf in Frankfurt.

Das Konzept hat die Deutsche Bank Stiftung, die jetzt zur ersten diesjährigen „Blind Date“- Lesung mit einer oder einem der 20 Nominierten für den Deutschen Buchpreis einlud, offenkundig sehr genau genommen: eine Lesung, die eine Begegnung mit einem Unbekannten beschert – so beginnt auch der Roman „Jahre später“, deren Autorin Angelika Klüssendorf die große Unbekannte war, auf die das Publikum in der Deutschen Bank in Frankfurt treffen konnte.

In Klüssendorfs Roman entspannt sich aus der am Anfang stehenden Begegnung zwischen der schreibenden Protagonistin April und dem Chirurgen Ludwig eine Beziehung. Keine Liebe auf den ersten Blick, aber die gefühlsschwankende und entscheidungsschwache April lässt sich von dem charakterlichen Gegenpart hinreißen. „Ludwigs Werben lässt sie gar nicht zum Luftholen kommen“, schreibt Klüssendorf über die einvernehmenden Avancen, in deren Sog die Protagonistin gerät.

Es ist der dritte und letzte Roman einer Trilogie, die Klüssendorf eigentlich gar nicht schreiben wollte, wie sie am Montagabend erzählte. „Ich wollte über das namenlose Mädchen schreiben und dachte: Das ist es“, sagte sie über ihren Roman „Das Mädchen“ (2011), dem dann doch „April“ (2014) und zuletzt „Jahre später“ (im Januar 2018) folgen sollten. Denn: „Ich wurde auf Lesereisen immer wieder gefragt, was aus dem Mädchen geworden ist. Diese Fragen haben mich zum Nachdenken gebracht.“

Und eben auch zum Weiterschreiben. Heute sei sie aber „sehr froh, dass es keinen vierten Roman mehr geben wird“, sagte die 59-Jährige. Die April-Romane seien „das Anstrengendste“, das sie je geschrieben habe. Wohl auch deshalb, weil sich die Geschichte des Mädchens als Biografiearbeit entpuppte und mit ihrem Erwachsenwerden von Band zu Band immer stärker autobiografische Züge annahm. Kritiker identifizierten den Platzhirschen Ludwig unschwer als den verstorbenen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, mit dem Klüssendorf einige Jahre lang verheiratet war, und nannten „Jahre später“ gar einen Schlüsselroman.

„Natürlich gibt es Parallelen zu meinem Leben“, räumt die Autorin ein, dem „blöden Autobiografie-Kram“ sichtlich überdrüssig, von dem so ungezwungen auch der Moderator Torsten Casimir, Chefredakteur beim „Börsenblatt“, spricht. Sie stellt aber klar: „Frank Schirrmacher ist Frank Schirrmacher und Ludwig ist Ludwig, der Chirurg.“ Am Anfang ihres Schreibens stehe immer die literarische Figur, in diesem Fall das namenlose Mädchen aus Band eins, das für „alle Mädchen steht, die so ein Leben leben“. Und auch in „Jahre später", so ist Klüssendorf überzeugt, könnten sich ihre Leser wiederentdecken: „Ich glaube, es gibt viele Paare, die aufgrund ihrer Defekte zusammen sind.“

Ob das auch auf ihre Ehe mit Frank Schirrmacher zutraf, ließ Klüssendorf offen. Bei April und Ludwig sei es aber so – aber Ludwig ist nunmal Ludwig und nicht Frank Schirrmacher. Ohnehin blickt Klüssendorf lieber in die Zukunft, schreibt schon an einem neuen Roman ganz anderer Art, wie sie das Publikum im vollbesetzten Saal wissen ließ.

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