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Deutsche Sprache Almrausch für den Alkolenker

Deutsch außerhalb Teutoniens – ein neues Wörterbuch lädt zu einer überraschenden Entdeckungsreise ein.

Verstehen Sie folgenden Dialog?

A: Ich will nicht auf die Seife steigen, aber hast du endlich den Zwölfer im Toto gewonnen? B: Ich kann mir den Zwölfer im Toto nicht aus den Fingern zuzeln. Dampf deine Hoffnung ein. Ich bin schließlich keine Cervelat-Prominenz. A: Ich habe dich nicht aus reinem Wunderfitz gefragt. Mir jankert halt das Grundstück nebenan. Ich würd’s gern kaufen. B: Ich geh in den Ägrisch, wenn du nicht aufhörst. A: Also gut, lassen wir es fürs erste. Schauen wir uns lieber die allfälligen Pistenflöhe an, ein echter Jö-Effekt. B: Übrigens, wie spät ist es? A: Viertel über neun. A: Das glaube ich nicht. Ich werde mal die grüne Nummer wählen und nachfragen. B: Lass uns lieber in die Shebeen gehen. A: Wenn uns da nur nicht der Ohm sieht!

Der Dialog ist durchaus kein Dialekt, anders als man es vielleicht vermuten könnte. Er besteht aus Wörtern und Redewendungen, die verschiedenen Ausprägungen der deutschen Standardsprache entsprechen. Allerdings nicht der „deutschländischen“, wie ein neu eingeführter Ausdruck das Hochdeutsche in Deutschland bezeichnet, sondern verschiedenen hochsprachlichen Varianten der deutschen Sprache, und zwar außerhalb Deutschlands. Ein ungewohnter Blick auf unsere Sprache! Ist denn nicht das Hochdeutsch, das in Deutschland gesprochen wird, das Deutsche schlechthin? Und werden denn nicht in anderen deutschsprachigen Ländern liebenswürdige, manchmal absonderliche Dialekte gepflegt, während aber ansonsten „unser“ Hochdeutsch als Standard gilt?

Der Germanist Ulrich Ammon, ausgewiesener Fachmann für die Stellung des Deutschen in der Welt, ist bereits in den 90er Jahren angetreten, dieses Fehlurteil mit beharrlicher Arbeit anzugehen. Seine These, die im Jahr 2004 in ein mit dem Schweizer Germanisten Hans Bickel verfasstes erstes „Variantenwörterbuch des Deutschen“ mündete und die mittlerweile in einer völlig neu bearbeiteten zweiten Auflage auf 916 Seiten mit 12 500 Wörterbuch-Einträgen belegt wird, lautet: „Unser“ Hochdeutsch ist nicht die alleingeltende Variante – im Fachjargon „Varietät“ – des Deutschen. Auch in den anderen deutschsprachigen Staaten, ja auch dort, wo Deutsch nur regionale Amtssprache oder gar nur anerkannte Minderheitensprache ist, haben sich über dem Dialekt, gewissermaßen als „Überdachung“ (Ammon), weitere Spielarten der deutschen Standardsprache herausgebildet, die gerade nicht den Dialekten zuzurechnen sind. Denn es sind Wörter und Redewendungen, die offiziell gebraucht werden: in der Schule, in den Tageszeitungen, in der Verwaltung. Viele Wörter stammen aus der staatlichen Verwaltung, so zum Beispiel die Genietruppe, eine technische Einheit der Schweizer Armee, oder das Schulprogramm aus dem Rumäniendeutschen, auf Deutschländisch: der Lehrplan. Vieles stammt auch aus den Bereichen Haushalt und Nahrung: das Schweizer Abtrocknungstuch oder der österreichische , aber auch südwestdeutsche Kehrwisch (Kehrbesen), eine geniale Kombination aus zwei Verben. Der rumäniendeutsche Ägrisch bezeichnet Stachelbeeren, die luxemburgische Kratzeti macht Appetit: ein Gericht aus verrührten und gebackenen Eiern.

In zehn Staaten und Regionen haben sich die Sprachforscher umgetan, unterstützt durch ein Netzwerk von Germanisten außerhalb Deutschlands. Erleichtert wurde die Herkulesarbeit durch elektronische Datenbanken, die beispielsweise Jahrgänge von Zeitungsausgaben enthielten. Aber auch Sachtexte, Belletristik, Lehrbücher wurden herangezogen. So ist eine umfassende Darstellung der Spielarten der deutschen Standardsprache entstanden. Welche Staaten und Regionen wurden einbezogen? Zunächst die Zentren: Deutschland, Österreich, Schweiz, dann natürlich auch Liechtenstein und Luxemburg, außerdem Ostbelgien, Südtirol und Rumänien sowie schließlich Namibia, denn dort ist das Deutsche anerkannte Minderheitensprache von 25 000 Bürgern – mit erheblicher Wirtschaftskraft. Überraschend ist die Einbeziehung des Mennoniten-Deutsch in Mexiko. Deutsch ist aber die gemeinsame Sprache der 1,6 Millionen Mennoniten, die seit über hundert Jahren in Mexiko und Nordamerika siedeln.

Gemeinsam mit seinen beiden Mitstreitern, Hans Bickel und der österreichischen Germanistin Alexandra Lenz, ficht Ammon für die Anerkennung eines erweiterten, aber auch realistischen Verständnisses der deutschen Standardsprache. Das große Wörterbuch macht deutlich, dass das Deutsche durchaus eine plurizentrische Sprache ist. Eine solche Einsicht macht im Übrigen den sprachlichen Kontakt zu unseren deutschsprachigen Nachbarn gewiss noch leichter. Ihre eigenen Leistungen für die deutsche Standardsprache anzuerkennen ist an der Zeit. Die Anerkennung fällt aber auch nicht schwer. Allein schon deswegen, weil von ihnen mit Verstand und Witz so viele prägnante und plastische Ausdrücke erfunden worden sind, die unsere Sprache und unsere Sprachgemeinschaft insgesamt bereichern.

Deshalb zum Schluss die Auflösung der Überschrift und des Kurzdialoges: Almrausch ist eine Alpenrose (österreichisch), der Alkosünder braucht keine Erklärung, auch er stammt aus Österreich. Auf die Seife steigen (österreichisch) bedeutet ins Fettnäpfchen treten. Der Zwölfer im Toto (Schweizer Hochdeutsch) ist der deutsche Sechser im Lotto. Etwas aus den Fingern zuzeln ist allgemeinverständlich, die Redensart stammt aus Österreich. Eindampfen ist luxemburgisch und bedeutet eindämmen. Die Schweizer Cervelat-Prominenz ist eine Lokalgröße. Der hübsche Wunderfitz ist die weniger schöne Neugier. Wenn einem etwas jankert, so möchte man es bei den Mennoniten erwerben. Wenn Rumäniendeutsche in den Ägrisch gehen, dann wollen sie sich davonmachen. Allfällig ist Schweizer Hochdeutsch und bedeutet jeweilig, die österreichischen Pistenflöhe lernen schon als Kinder das Skilaufen. Der Jö-Effekt wirkt bei den Schweizern, wenn sie etwas Niedliches sehen. Das österreichische Viertel über neun ist allgemeinverständlich, aber die kostenlose grüne Nummer gibt es nur in Südtirol. Die Shebeen ist ein Alkoholausschank in Namibia, und dass einen der Ohm, der menonnitische Prediger, dort nicht sehen soll, ist nicht schwer einzusehen.

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