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Deutsch-Israelische Literaturtage Zu blaue Augen

„Was ist gerecht?“ lautet die Frage auf den Deutsch-Israelischen Literaturtagen in Berlin.

Trotz zahlreicher Gegenbeispiele hält sich hartnäckig die Annahme, dass Schriftsteller berufen sind, die sozialen und politischen Verhältnisse der Gesellschaft zu deuten, in der sie leben. Das hat wohl auch die Organisatoren der Deutsch-Israelischen Literaturtage, die am Mittwoch bereits zum 13. Mal unter der gemeinsamen Regie des Goethe-Instituts und der Heinrich-Böll-Stiftung eröffnet wurden, bewogen, die israelische Autorin Mira Magén und ihren Leipziger Kollegen Clemens Meyer in ein Gespräch über soziale Gerechtigkeit in ihren Ländern zu verwickeln. „Fair enough? Was ist gerecht?“ lautet die Leitfrage, unter der in den nächsten Tagen an verschiedenen Orten insgesamt neun israelische und deutsche Literaten in einen sympathisch-ambitionierten Kulturvergleich einzutreten sollen.

Mira Magén, die in den 50er Jahren in einer jüdisch-orthodoxen Familie aufgewachsen ist, sich aber im Widerspruch zu ihrem Herkunftsmilieu als kritische Linke versteht, machte gleich zu Beginn des Abends klar, was es heißt, als israelische Schriftstellerin in Deutschland aufzutreten. Es falle ihr schwer, am Vorabend des Holocaust-Gedenktages nicht in Israel zu sein. Sie und ihre Geschwister tragen alle Vornamen, die an Familienmitglieder erinnern, die zu Opfern der NS-Verbrechen wurden: „Wir dürfen nicht vergessen.“ Sie stellte ihren auf Deutsch bei dtv erschienenen Roman „Zu blaue Augen“ vor, in dem es um eine Liebesgeschichte zweier alter Menschen geht, neben der zugleich auch die unzureichende Sozialpolitik thematisiert wird.

Die Idee der Veranstalter, ihr den 40-jährigen Clemens Meyer gegenüberzustellen, leuchtet unmittelbar ein, handeln dessen Romane und Erzählungen häufig vom Leben gesellschaftlicher Randexistenzen, die man zuletzt in unzutreffend-despektierlicher Beschreibung „die Abgehängten“ genannt hat. Clemens Meyer wies die Bezeichnung seines Personals als Randfiguren jedoch entschieden zurück. Es seien zunächst einmal Menschen mit ihrer jeweils eigenen Geschichte. Literatur lebe von Konflikten, und wenn es in seinen Büchern um Reinigungskräfte auf Bahnhöfen geht, folge er dabei keinem sozialkritischen Impetus.

Clemens Meyers Romane mögen soziologische Erkenntnisse vermitteln, aber der Schriftsteller, der sie hervorbringt, ist kein Soziologe, und so schlugen die Versuche der Moderatorin Shelly Kupferberg vom RBB durchweg fehl, ihn in ein kontroverses Gespräch mit Mira Magén zu bringen, die zwar mit gesellschaftspolitischem Scharfsinn aus ihrem Land berichtete, am Ende aber doch lieber bei ihren Romanfiguren Hanna und Bruno blieb, die es als Glück des Alterns betrachten, dass die Gesellschaft von ihnen nichts mehr wissen will. „Niemand rechnet mehr mit uns“, sagt Bruno in dem Roman „Zu blaue Augen“.

Ein Gespräch fand nicht statt, das minderte aber weder den Erkenntnisgewinn des Abends noch den Unterhaltungswert dieser künstlerischen Versuchsanordnung. Indem Clemens Meyer munter bereit war, sich um Kopf und Kragen zu reden, lieferte er indirekt den Beweis, dass man als Schriftsteller eine sehr genaue Beschreibung der sozialen Verhältnisse liefern kann, ohne das dann in einen sozialpolitischen Jargon übersetzen zu müssen.

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