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Derek Walcott ist tot Ein Kolibri, ein Rabe, eine Krähe auch

Zum Tod des großen karibischen Dichters und Literaturnobelpreisträgers Derek Walcott, der 87-jährig gestorben ist.

Derek Walcott
Derek Walcott bei einem Literaturtreffen in Caracas 2010. Foto: David Fernandez (epa efe)

Im November 2016 erschien sein jüngstes Buch, sein letztes – müssen wir jetzt sagen. Eine Zusammenarbeit mit dem schottischen Maler Peter Doig. Es geht dabei um sehr persönliche Ansichten über das, was schön ist an der Karibik. In einem von Walcotts Gedichten darin heißt es: „drawing is a sort of duplicity“. Nicht nur Zeichnen, auch Schreiben verdoppelt die Welt.

Manchen macht es auch Spaß, Verdopplungen zu verdoppeln und gerade dadurch ganz persönlich zu werden. Zu denen zählte Walcott. Er liebte Anspielungen. Er liebte es, große Gewichte zu stemmen und dabei zu lächeln. Freundlich heiter und spitzbübisch.

Sein berühmtestes Werk „Omeros“, erschienen 1990, ist ein Versepos von 336 Seiten, in dem er die antike Geschichte von Hektor und Achill verbindet mit der eines Paares auf Walcotts Heimatinsel St. Lucia, das klarkommen muss mit dem britischen Kolonialismus und natürlich mit seiner eigenen Biografie. Es war sofort eine Weltsensation. So ganz und gar Dichter zu sein, mit jener die Welt umspannenden Mischung aus Hochmut und Bescheidenheit – so jemanden hatte man lange nicht mehr gesehen.

Irgendwann im ausgehenden 18. Jahrhundert war diese Spezies ausgestorben. Und nun stand da, vom anderen Ende der Welt auf die Rezensententische in New York, Paris und London geweht, ein lebendes Fossil. Wie einst Fischer aus der Tiefe des Meeres den Quastenflosser, der seit Millionen von Jahren ausgestorben zu sein schien, hochgezogen hatten, so befand sich mit einem Male Derek Walcott mittendrin im Literaturbetrieb der Postmoderne: Geboren am 23. Januar 1930 in der Stadt Castries auf der Antillen-Insel, auf der er am Freitag im Alter von 87 Jahren auch starb.

Als die verblüfften Literaturliebhaber anfingen, den glücklicherweise englisch schreibenden Autor zu lesen, bemerkten sie, dass er zwar „in fernem Land“ auf die Welt gekommen und aufgewachsen war – später ließ er sich in den USA nieder, lehrte unter anderem an der Boston University Literatur und Creative Writing –, aber alles zu kennen schien, was in den Metropolen geschrieben wurde. Der Chic der Pariser Literaturkritik war ihm nicht entgangen und auch für die Klänge der amerikanischen Beatniks und deren Schönheiten hatte er sehr offene Ohren.

Aber der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1992 erlag nicht den Sirenenklängen der anderen. Er hatte die Begabung, sich selbst an einen Mast zu fesseln, so dass er alles aufnehmen konnte, ohne jemals der Versuchung zu erliegen, fremden Melodien nachzulaufen. Das letzte Gedicht seiner letzten Gedichtsammlung beginnt mit der Zeile: „Jetzt hier beginnt das offene Leben der Vögel“. Wann Derek Walcott mit diesem offenen Leben begann, wann er sich freimachen konnte von den Traditionen, so sehr, dass er ihnen auch folgen konnte, in der Gewissheit jeden Moment wieder ablassen zu können von ihnen, weiß ich nicht.

Er war ein solcher Vogel, einen Albatros hätte ihn womöglich ein berühmter Pariser Kollege des 19. Jahrhunderts genannt. Aber Walcott konnte nicht nur schweben. Er verstand sich auch aufs Zwitschern und Flattern. Er war auch ein Kolibri, ein Rabe, eine Krähe auch. Jetzt, da er gestorben ist, liest man die Zeile natürlich noch einmal anders. Es fallen einem die antiken Seelenvögel ein, die den Körper, dieses Gefängnis der Seele, verlassen und hinausziehen in neue Welten, von denen allenfalls Dante, dessen Versmaß Walcott in „Omeros“ neben anderen auch benutzte, eine Ahnung hatte.

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