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„Der Zorn der Einsiedlerin“ Mit Loxosceles reclusa Mordsgeschichten spinnen

Die Französin Fred Vargas rührt wieder ihre großartige Mischung aus Polizeiroman und dunklem Märchen an.

Immer wenn ein neuer Kriminalroman der Französin Fred Vargas erscheint, lautet eine der vorfreudigen Fragen: Welche Kuriosität hat die Schriftstellerin diesmal entdeckt und recherchiert, um sie als in höchstem Maße ausgefallene Waffe eines Mordes zum Einsatz zu bringen? Nun, Fred Vargas, Jahrgang 1957, Archäologin, Archäozoologin, Historikerin und sehr öffentlichkeitsscheu, hat sich im jüngsten Fall für sehr öffentlichkeitsscheue Spinnen entschieden, konkret für die Braune Einsiedler(!)spinne, Loxosceles reclusa. Von diesen Wesen braucht es freilich eine stattliche Zahl – und sie sind nicht eben verbreitet –, sie müssten zudem in einer konzertierten Aktion beißen, um einen Menschen umbringen zu können. Schwierig, sehr schwierig. Aber nicht schwierig genug, um nicht einen originellen neuen Roman um Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg zu befeuern.

Adamsberg sitzt auf einem isländischen Felsblock auf Grímsey, als er zurückgerufen wird nach Paris, weil seine 27-köpfige Brigade criminelle – und was für tolle, originelle Köpfe unter den 27 sind – ein Problem mit einem nicht-so-simplen Mord haben. Herauszufinden, ob der Geliebte (war er überhaupt der Geliebte?) oder der Ehemann (s)eine Frau absichtlich überfahren hat, kostet Adamsberg dann nicht übermäßig viel Ermittlungsarbeit. Allerdings eine gute Portion Sherlocksche Denkarbeit, die ihm erstmal durchaus Kopfzerbrechen bereitet.

Trotzdem fällt ihm noch auf, ganz nebenbei, dass sein Untergebener Voisenet eifrig über Spinnen nachliest. Und er beauftragt Froissy, die Computerspezialistin der Brigade, zu spionieren: „Er hat uns schon zur Genüge unterhalten mit Nebelkrähen, Siebenschläferkot und Fischen, dafür ist er bekannt, aber mit Spinnen noch nie.“ Verdächtig. Adamsberg ist zwar einerseits ein Wolkenschaufler, doch möchte er schon auch wissen, was seine Leute treiben und was sie umtreibt.

Und so unterhält Fred Vargas, eigentlich Frédérique Audoin-Rouzeau, ihre Leserinnen und Leser diesmal mit Spinnen-Fakten und zunächst noch dezentem Spinnen-Grusel. Voisenet hat entdeckt, dass, statistisch gesehen, in diesen Frühsommertagen zu viele Franzosen an Spinnenbissen sterben. Nämlich drei, obwohl es, wiederum statistisch gesehen, eher null sein müssten. Zufall? Unter Hobbyarachnologen im Internet verbreitet sich bereits die Theorie, die Spinnen müssten aggressiver geworden oder gar mutiert sein – wegen des vielen vom Menschen auf Äcker gestreuten Gifts.

Regelmäßige Vargas-Leser kennen das wundersame Schema mittlerweile gut, das in ihren Krimis Wissenschaft mit sagen- und märchenhaften Erzählanteilen verbindet und eine so außergewöhnliche wie charakteristische Mischung entstehen lässt. Dem heute so verbreiteten Späßchen-Krimi bleibt sie dabei glücklicherweise ganz fern: Sie nimmt das Leid und die Verletzungen ihrer Figuren ernst.

Hier kommt zur Einsiedlerspinne die Recherche über menschliche Einsiedler in früheren Zeiten, über die Vargas nun berührend erzählt. Dabei erinnert sie an Frauen, die von der Gesellschaft verstoßen wurden und sich nicht anders zu helfen wussten, als in die grausamste Einsamkeit zu gehen. Vargas schreibt zwar keine sozialkritischen Krimis, wirft aber doch scharfe Seitenblicke auf das Geschlechter-Ungleichgewicht (und wird vielleicht auch deswegen von Frauen besonders begeistert gelesen). Sogar die kühl-effektive Froissy wird in diesem jüngsten Roman von einem Stalker, womöglich ist er auch ein Vergewaltiger, terrorisiert. Und kann sich, obwohl relativ wehrhaft, nicht selbst helfen. Die Kollegen sorgen für Gerechtigkeit; aber Vargas bringt in „Der Zorn der Einsiedlerin“ (Orig. „Quand sort la recluse“, 2017) auch einmal mehr das Rachemotiv ins Spiel. Und dabei die Frage, wie die Polizei reagieren muss, ob es jemals statthaft sein kann, sich beim Ermitteln oder gar Festnehmen zurückzuhalten.

Die Französin balanciert erneut und gern auf einem schmalen Grat, was polizeiliche Korrektheit betrifft. Aber ohnehin macht sie in ihren Kriminalromanen nicht wirklich den Versuch, stets auf dem Boden der Realität zu bleiben. Zu kurios und grandios sind schon manche ihrer Ermittlerfiguren, etwa Lieutenant Violette Retancourt, die Frau wie ein Baum, Adamsberg nennt sie schlicht „Göttin“. Oder der gelegentlich auch mal in Alexandrinern sprechende Veyrenc. Oder Danglard, der (Weißwein-)Alkoholiker und doch auch wandelndes Lexikon ist.

Fred Vargas hat sich, seit 1991 ihr erster Krimi „Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord“ erschien, zwar stets aufs Polizeiroman-Erbe gestützt, sich aber gleichzeitig alle Freiheiten genommen, mehr als nur ein wenig zu übertreiben und, wenn man so sagen will, herumzuspinnen. Bisher noch nicht mit Hilfe von Loxosceles reclusa – und kaum ist die Neugier auf die nächste Vargas’sche Mord- und Mordsgeschichte auszuhalten.

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