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„Der Unfall auf der A35“ Vorsätzliches Versteckspiel

Der Schotte Graeme Macrae Burnet erweist sich auch mit seinem Krimi „Der Unfall auf der A35“ als ein Außenseiter in seinem Genre.

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Die Kapelle Saint Denis im Dorf von Wolxheim, im französischen Elsass. Foto: AFP

Der Schotte Graeme Macrae Burnet hat es geschafft, auf dem schon ziemlich abgegrasten Feld des Kriminalromans eine originelle Außenseiterposition zu beziehen. In seinem um 1870 im Nordwesten Schottlands spielenden Erstling, „Sein blutiges Projekt“, hat er das Manuskript eines 17-Jährigen plus Zeitungsberichte plus ärztliches Gutachten erfunden. So gut, dass nicht wenige Leser zunächst darauf reinfielen. Dann kam „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“, diesmal angeblich der Roman eines mysteriösen französischen Autors namens Raymond Brunet. Und nun ist, was für ein Zufall, ein weiterer Roman jenes Brunet aufgetaucht, „Der Unfall auf der A35“. „Übersetzt und kommentiert“ hat das Buch erneut Graeme Macrae Burnet.

Einerseits kann man sich nun fragen, ob dieses Versteckspiel – inklusive Vor- und Nachwort, wo von Raymond Brunet, seinem Leben und seinen Manuskripten die Rede ist – nicht anfängt, ein wenig albern zu werden. Andererseits liest sich auch „Der Unfall auf der A35“ wieder wie ein französischer Kriminalroman aus den 70er, 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Burnet ist ein Meister der Mimikry, er könnte einem wohl auch noch andere fiktive Autoren unterjubeln, wenn er es darauf anlegen würde.

Brunet/Burnet pfeift auf Konventionen

Gleichzeitig lässt er sich in kein Krimi-Klischee drängen und unterläuft die allermeisten Erwartungen. Die verschwundene Kellnerin Adèle taucht einfach wieder an ihrem Arbeitsplatz auf – und Kommissar Georges Gorski muss sich doch ziemlich umorientieren bei der Frage, was genau er nun herauszufinden hat. Und auch diesmal führen ihn sein Instinkt und seine Recherchen nur teilweise in die richtige Richtung. Und der Mord in diesem Buch wird so nebenbei, ganz unspektakulär und zufällig aufgeklärt, auch findet sich die Auflösung auf einer einzigen Seite, dass ein eiliger, unaufmerksamer Leser sie komplett verpassen kann. Brunet/Burnet pfeift auf Konventionen.

Im Vordergrund steht eine Familiengeschichte und erneut, wie in „Sein blutiges Projekt“, ein verunsicherter, Angst mit Aggressivität überspielender junger Mann, der von jenen alleingelassen wird, die ihm eigentlich zur Seite stehen sollten. Raymond Barthelme erinnert sich im Zusammenhang mit seinem tödlich verunglückten Vater vor allem an dessen Spruch „Sparsamkeit ist keine Schande“. Als Kind fühlte er sich abgeschüttelt wie ein störende Fliege, wenn der Vater, die eine Hälfte der Kanzlei Barthelme & Corbeil, arbeiten wollte – also fast immer. Eingeschüchtert von einem kalten Ehemann/Arbeitgeber waren auch die deutlich jüngere Frau und die Haushälterin.


Nach dem Unfalltod Bertrand Barthelmes sät Kommissar Gorski einen ersten Zweifel bei Mutter und Sohn, ob der strenge und geizige Vater wirklich einmal die Woche wichtige Bekannte zum Abendessen traf. Kam er mit dem Auto nicht aus der falschen Richtung, war er nicht auf der falschen Straße? Der Sohn findet im Schreibtisch des Vaters einen Zettel mit einer Anschrift und macht sich, verstört, verbittert, auch selbst auf die Suche.

 Vielleicht nimmt Graeme Macrae Burnet die Rolle eines (fiktiven) Schriftstellers an, der seit Jahrzehnten tot ist, weil er eine andere, eine viel leisere Art von Krimi schreiben will, als sie heute üblicherweise geschrieben werden. Dass seine Bücher tatsächlich aus einer anderen Zeit zu kommen scheinen, das verleiht ihnen auch einen altmodischen, feinen Charme.

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