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Der Pirat als "Der Feind aller" Homo sacer der Weltmeere

Wie geht es weiter mit den somalischen Piraten, die vor ein deutsches Gericht kommen? Daniel Heller-Roazens Studie über den Piraten als " Feind aller" bietet einen rechtshistorischen Hintergrund. Von Robin Celikates

20.05.2010 00:05
Robin Celikates
Innerhalb der Rechtsordnung nur schwer zu verorten: Der Pirat als solcher. Foto: afp

Seit kurzem findet sich im Internet ein laut Spiegel TV "spektakuläres Video", in dem zu sehen ist, wie Soldaten der niederländischen Marine unter martialischem Geschrei ein entführtes deutsches Containerschiff stürmen und die militärtechnisch hoffnungslos unterlegenen somalischen Piraten abführen. Letztere sitzen inzwischen in Holland in Untersuchungshaft und sollen bald vor ein deutsches Gericht gestellt werden. Man darf gespannt sein, wie die Hamburger Richter mit diesem unwahrscheinlichen Effekt der Globalisierung umzugehen gedenken.

Zur geistigen Vorbereitung sei ihnen schon heute ein Buch ans Herz gelegt, das die Geschichte nicht so sehr des Piraten als vielmehr seiner diskursiven Repräsentation vor allem im Medium des Rechts nachzeichnet. In "Der Feind aller" vertritt Daniel Heller-Roazen - Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft in Princeton und mit Mitte Dreißig eine Art Wunderkind der gegenwärtigen Theorieszene - die These, dass man nicht Pirat ist, sondern dazu gemacht wird. Seine äußerst gelehrte und doch flüssig zu lesende Genealogie zeigt den Piraten als rechtliche Konstruktion, die immer wieder als Vorwand für letztlich der dauerhaften Machtkonzentration dienende Sondervollmachten herhalten musste.

Piraten - diese "küstenumirrenden Räuber, die ihr Leben verachten, um fremden Völkern zu schaden" (Homer) - sind sonderbare Wesen: weder legitime Gegner noch ordinäre Kriminelle. Ob nun mit oder ohne Totenkopfflagge halten sie sich im Niemandsland der Weltmeere auf und provozieren selbst einen philosophisch gesinnten Staatsmann wie Cicero dazu, sie in einer paradoxen Formulierung zum "gemeinsamen Feind aller" zu erklären, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gelte.

Angesichts eines unrechtmäßigen und deshalb entrechteten Feindes sind auch die Regeln der Kriegsführung ausgesetzt. Daran konnte auch das frühneuzeitliche Intermezzo nichts ändern, als Kaperer gerne in herrschaftlichen Dienst genommen wurden, um den Gegnern das Leben schwer zu machen. Sobald diese Form der Machtsicherung nicht mehr dem technischen Entwicklungsstand gemäß war, wurden die irregulären Seefahrer wieder in die Staaten- und Rechtlosigkeit verbannt.

Diese von Heller-Roazen noch weiter differenzierten rechtshistorischen Entwicklungslinien laufen im Paradigma des Piraten als "Feind aller" zusammen, das sich aus den folgenden vier Elementen zusammensetzt: einem Gebiet, wie die hohe See, das kein klassisches Territorium ist und deshalb einen rechtlichen Sonderstatus besitzt; einem Akteur, der nicht als regulärer Gegner, sondern als Feind aller angesehen wird; der Auflösung der Unterscheidung zwischen Strafrecht und Politik; und dem durch die ergriffenen Anti-Piraten-Maßnahmen bedingten Bedeutungswandel des Krieges.

Folgt daraus, dass jeder Pirat ein "Feind aller" ist, dass jeder "Feind aller" ein Pirat ist? Diese etwas seltsame Logik lässt Heller-Roazen vom rechtshistorischen Pfad abkommen, auf dem er uns so kenntnisreich geführt hat. Mit der ciceronischen Formel sieht er eine unheilvolle Dynamik in Gang gesetzt, die über die Rede von "Feinden der Menschheit" bis hin zu den in Guantánamo internierten "illegalen Kombattanten" führt. "Menschheit" sei ein "dunkles Wort", erfährt der Leser, bevor er mit der nicht weniger dunklen Humanismus-Kritik Carl Schmitts ("Wer Menschheit sagt, will betrügen") konfrontiert wird, die einer recht forcierten Kant-Interpretation geschuldet ist.

In einer an den nur zwischen den Zeilen präsenten Giorgio Agamben gemahnenden Übersteigerung wird der Pirat - dieser "homo sacer" der Meere - nun zur Schlüsselfigur für das Verständnis des Politischen überhaupt stilisiert. Aber nicht jeder "Feind aller", der heute zur Rechtfertigung einseitig erklärter Ausnahmezustände konstruiert wird, ist deshalb schon sinnvoll als Reinkarnation des Piraten zu betrachten. Und wenn Kant am Ende als Advokat eines "ewigen Kriegs im Namen des unmöglichen Friedens" dasteht, dann ist das vielleicht auch eher ein Beleg für die Verengung der Perspektive durch die Einseitigkeit der leitenden These als für die notwendig bellizistischen Konsequenzen des Humanismus.

Hier hätte ein Blick auf die realhistorischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Zusammenhänge durchaus etwas mehr Licht ins Dunkel bringen können. Für das Verständnis der Piraterie vor dem Horn von Afrika - und die Frage, was die deutsche Marine eigentlich dort zu suchen hat - sind Cicero und Kant vermutlich weniger wichtig als der Hinweis, dass auch in diesem Fall die Piraten erst zu Piraten gemacht werden mussten, nämlich durch die europäischen und asiatischen Hightech-Flotten, die den lokalen Fischern durchaus auch unter Anwendung von Waffengewalt die Existenzgrundlage entzogen haben.

Die genannten Schwächen tun der Faszination der Lektüre keinen Abbruch, und sie schmälern auch nicht die Kraft der Warnung, die Heller-Roazen seinen Rechtsgenossen - also uns - mit auf den Weg gibt und die das erwähnte Video anschaulich bebildert: Im Kampf gegen den Piraten droht man selbst zum Piraten zu werden.

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