Lade Inhalte...

„Der falsche Überlebende“ Die Häutung der Zwiebel

Javier Cercas begegnet einem Mann, der sich als Naziopfer stilisierte. 2005 flog die seltsame Geschichte von Enric Marco auf.

Enric Marco
Enric Marco mit einer Flagge der spanischen Republikanter im ehemaligen Lager Mauthausen, 2003. Foto: afp

Der Begriff der alternativen Fakten ist noch jung. Gelogen wurde aber immer schon im Privaten wie in der Öffentlichkeit. Einen Fall von großem Ausmaß behandelt Javier Cercas in seinem Buch „Der falsche Überlebende“: Am 8. Mai 2005, als der 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen gefeiert wurde, verschwand kurzfristig der Name des Präsidenten der spanischen Überlebenden-Organisation von der Rednerliste.

Dieser Enric Marco aus Barcelona war buchstäblich am Vorabend als Lügner enttarnt worden. Marco, der sich seit Jahrzehnten in einem eigenen Buch, in Interviews, vor Schulklassen, gegenüber seiner Frau und seinen Kindern als Häftling des KZ Flossenbürg ausgegeben hatte, hat erst lange nach Ende der Hitlerdiktatur Konzentrationslager von innen gesehen. Als Tourist. Dennoch gab er sich als ehemaliger Insasse aus, reiste zu Überlebenden-Treffen, engagierte sich in deren Verein. Seine Lüge war so schamlos, dass deren Aufdeckung nicht nur in Spanien für Furore sorgte.

Mit Cercas’ Buch hat es nun eine besondere Bewandtnis. „Ich wollte dieses Buch nicht schreiben“, lautet sein erster Satz. Berühmte Kollegen, der Peruaner Mario Vargas Llosa und der Italiener Claudio Magris, drängten ihn. Lange Zeit hemmte ihn die Bedeutung des Themas. Als Ergebnis liegt nun eine besonders intensive Beschäftigung mit Wahrheit und Lüge, Moral und Geschichte vor.

„Der falsche Überlebende“ lässt sich schwer klassifizieren. Es ist ja kein Roman, sondern ein Buch nach der Wirklichkeit. Es handelt von einem Hochstapler, der sich nach einem kleinen Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg Heldentaten erfand, der sich in der Gewerkschaft CNT einen Posten erschlich, in einer Elternorganisation zu Amt und Würden kam und dessen Karrierehöhepunkt die Rolle als Opfer des Nationalsozialismus war. Cercas zeichnet den Weg dieses Mannes nach, einerseits in vielen mehrstündigen Interviewsitzungen mit Marco, nutzt andererseits alle Möglichkeiten, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die ihn auf den verschiedenen Lebensstationen begleiteten. So stößt er auf Widersprüche und Brüche, auf Momente der Neuerfindung. Diese akribische Recherche liest sich wie ein Spionagethriller, arbeitete der Held doch mit wechselnden Identitäten. Cercas häutet die Zwiebel Schicht für Schicht.

Parallel dazu befragt der Autor sich selbst, was ihn an der Geschichte abstößt und dennoch reizt, er zieht Parallelen zu Don Quijote, versucht herauszufinden, warum Enric Marco so erfolgreich war. Intuitiv benutzte der genau das Konzept, womit Fake News funktionieren: Er setzte seine Lügen aus kleinen Wahrheiten zusammen.

Es ist nur zu verständlich, warum Schriftsteller-Kollegen gerade Javier Cercas um dieses Buch baten. Der Autor, Jahrgang 1962, vielfach ausgezeichnet, ergründet in seinem verzwickten Roman „Soldaten von Salamis“, warum am Ende des Bürgerkriegs ein Republikaner einen Franco-Anhänger verschont, der ihm vor der Flinte steht. Er rekonstruiert in „Anatomie eines Augenblickes“, warum am 23. Februar 1981 der Putsch gegen die junge spanische Demokratie scheiterte. Auch sein Roman „Outlaws“, vorgeblich fiktional, behandelt fein austarierte Kräfteverhältnisse in der Gesellschaft. Sein neuestes Buch erzählt zwar die Biografie des Mannes, der alle täuschte, aber es erzählt zugleich von einem vielfach verwundeten Land, in dem so etwas möglich war. Und es handelt von dem Schriftsteller Javier Cercas.

„Wenn man Wahrheit und Lüge mischt, kommt am Ende stets eine Lüge heraus“, schreibt Cercas, „außer im Roman, wo diese Mischung eine Wahrheit ergibt.“ Was darf die Literatur? Macht sich der Autor mit einer falschen Sache gemein, wenn er dem Lügner zugesteht, dass er in Teilen Recht hat? Marco hat den KZ-Überlebenden so überzeugend gespielt, dass er nicht nur die Anerkennung erhielt, nach der er strebte, sondern auch Herzen berührte. Cercas lebt schließlich dermaßen intensiv in dem Stoff, dass er sich in Marco spiegelt und ahnt, der fast neunzigjährige Mann benutze ihn nur, um neuerlich zu Popularität zu kommen.

In einem Artikel für „El País“ über Enric Marco schrieb Cercas: „Wir alle stellen etwas dar, wir alle spielen bestimmte Rollen. Wir alle sind Menschen, die wir nicht sind.“ Indem er das Beispiel eines Mannes, der sich aus Lügen ein Heldenleben gezimmert hat, so eng mit dem eigenen Leben verknüpft, begibt er sich auf eine heikle Mission. Gerade die Stufen des Zweifels machen die Faszination, ja: Spannung des Buches aus. Sein „Wir“ bezieht auch den Leser mit ein. Javier Cercas hat das Buch nicht schreiben wollen, sagt er am Anfang. Am Ende ist klar, warum er es hat schreiben sollen – weil er den Deutungen der Vergangenheit mit einem feinen, scharfen Messer zu Leibe rückt. Warum man dieses Buch lesen muss, weiß man zum Glück sehr schnell.

Javier Cercas: Der falsche
Überlebende. Aus dem Spanischen
von Peter Kultzen. S. Fischer,
Frankfurt a. M. 2017. 496 S., 24 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum