Lade Inhalte...

Der "Elektriker"

Das Leben Alfred Herrhausens

08.03.2006 00:03
RUDOLF WALTHER

Alfred Herrhausen war in vieler Hinsicht ein ganz ungewöhnlicher Mensch: Privat hat der spätere Banker nur einmal Schulden gemacht, als er sich bei Kommilitonen Geld pumpte, um die Gebühren für die Diplomprüfung zu bezahlen. Der Marktliberale las kein Buch so genau wie die unter dem Titel Dialektik ohne Dogma? erschienenen Vorlesungen über Naturwissenschaft und Weltanschauung des Marxisten Robert Havemann. Herrhausen galt als aufrichtig, aber arrogant. Und wie sein politischer Freund Helmut Kohl verstand er sich als Generalist.

Der FAZ-Redakteur Andreas Platthaus, dereinst Lehrling der Deutschen Bank, legt nun ein Buch vor, das Herrhausens Leben als Eine deutsche Karriere präsentiert. Trotz der Weltwirtschaftskrise genoss Herrhausen, Jahrgang 1930, eine sorgenfreie Jugend, denn sein Vater hatte als Ingenieur bei der Ruhrgas AG einen krisensicheren Job. Lehrer empfahlen den begabten Schüler 1942 für die "Reichsschule der NSDAP", wozu der unpolitische Vater aus katholischem Milieu in die Partei eintreten musste. Herrhausen empfand den Drill, die Disziplin, die Indoktrination und den Sportbetrieb in der NS-Kaderschmiede am Starnberger See als angenehm, wie Briefe an die Eltern belegen. Auch nach dem Krieg bekannte er freimütig: "Ich habe aus diesen drei Jahren keinen Schaden, sondern eine ganze Menge an preußischen Tugenden mitgenommen."

Nach dem Abitur studierte Herrhausen von 1949 an in Köln Betriebswirtschaft, fünf Jahre später legte er seine Dissertation vor. Sie sei "in auffallend gestelztem Ton verfasst", bemerkt Platthaus. Das Gestelz sollte wohl den dürftigen Gehalt kaschieren: "Die grundsätzlichen Entscheidungen (in der Wirtschaft, die Red.) werden in der Seele des Menschen getroffen, und was sich in seinem Inneren abspielt - nun, das kann nicht ,mathematisiert' werden." Das ist lebkuchenvers-taugliche Interessentenprosa aus der Adenauerzeit. Dennoch hält Platthaus die Arbeit für "bedeutsam", schließlich sei darin bereits die Maxime seines späteren wirtschaftlichen Handelns enthalten: "50 Prozent der Wirtschaft sind nun einmal Psychologie" (Herrhausen).

Herrhausen heiratete die Tochter des Chefs der Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen (VEW), wurde 1955 zunächst kaufmännischer Leiter, fünf Jahre später Direktor der VEW, die 153 Städten und Gemeinden gehörte. Mit dem Börsengang von VEW wurde der Einfluss und die demokratische Kontrolle der Energieversorgung durch die Kommunen beseitigt. Das gelang Herrhausen mit einem "revolutionären Beteiligungskonstrukt" (Platthaus). Bei Licht besehen, handelt es sich dabei um einen winkeladvokatorischen Trick: mit Gründung einer GmbH wurde den Spekulanten und Banken eine Sperrminorität gegenüber den kommunalen Anteilseignern verschafft.

Standesbewusste Banker wie Hermann Josef Abs nannten Herrhausen zwar wegen dessen bankfremder Herkunft etwas abschätzig "Elektriker", sie übersahen dabei aber das wichtigste Ergebnis der beginnenden Privatisierung der Energiepolitik. Der Börsengang der VEW hatte das Ziel, in die wirtschaftliche Nutzung der Atomenergie einzusteigen. Den enormen Kapitalbedarf dafür mobilisierten die Banken, und insofern ist es kein Zufall, dass der "Elektriker" 1970 zur Deutschen Bank wechselte. Platthaus schildert Herrhausen anachronistisch als "Visionär" oder gar als "Revolutionsführer". Die Vision vom billigen Strom durch Atomenergie führte jedoch in eine technologische Sackgasse und zu ungelösten Entsorgungsproblemen.

Platthaus beschreibt, wie Herrhausen als "Manager der Deutschland AG" die Fäden zog bei Firmenfusionen oder beim Umbau von Daimler-Benz zu einem "integrierten Technologiekonzern". Dass dieses Konstrukt alsbald scheiterte, schadete dem Manager nicht. Sein politisch wichtigstes Vorhaben, den armen Ländern durch Schuldenerlass unter die Arme zu greifen, stieß bei der Politik wie bei den anderen Banken aber auf Widerstand, obwohl die Kosten des Erlasses weitgehend auf die Steuerzahler abgewälzt worden wären. Die jahrelangen Debatten blieben deshalb völlig ergebnislos.

Insgesamt bietet Platthaus' Buch, das langatmig erzählt und von Wiederholungen nur so strotzt, wenig mehr als apologetische Hofberichterstattung. Den schlichten, psychologisch gestützten Markt-Determinismus, der Herrhausens rustikale "Philosophie" ausmachte, feiert Platthaus als "eine Art Versöhnung des Finanzkapitalismus mit sich selbst". Versöhnung mit sich selbst ist fast so komisch wie die Heirat mit sich selbst. Völlig banal ist das Kapitel, das der Autor der Ermordung Herrhausens 1989 durch Terroristen der Rote Armee Fraktion widmet. Wer sich dafür interessiert, ist mit Andres Veiels herausragendem Film "Black Box BRD" und dem gleichnamigen Buch weitaus besser bedient.

Andreas Platthaus: Alfred Herrhausen. Eine deutsche Karriere. Verlag Rowohlt, Berlin 2006, 304 Seiten, 19,90 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen