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Der Aufstieg des Staates

Klaus Roth geht dem neuzeitlichen Politikverständnis nach

09.08.2004 00:08
BERND LADWIG

Der Staat hat seine Aura verloren. Erstmals erprobt im späten Mittelalter, mustergültig begründet in der frühen Neuzeit, verherrlicht von Hegel, von Marx in Grund und Boden kritisiert, steht er heute windschief und durchlöchert da. Seine Rolle scheint reduziert auf die eines Vermittlers zwischen und eines Mitstreiters unter privaten Mächten. Erhebliche Störungen traut man ihm noch zu, positive Gestaltung immer weniger. Einst aber war der Staat das große Ordnungsmodell, auf das politisches Denken und Handeln bezogen waren; seine Durchsetzung nachzuzeichnen, hat der Politikwissenschaftler Klaus Roth in seiner umfangreichen Habilitationsschrift unternommen. Dem Staat im Augenblick seines Sturzes auch rückblickend sein fragloses Recht abzusprechen - für diesen Anspruch steht der Ausdruck "Genealogie" im Titel der Studie.

Genealogien sind verfremdende Erzählungen. Sie führen das Offenbare auf das Verdeckte, das Geschätzte auf das Abscheuliche zurück. Mit Blick auf den Staat ist das eigentlich nicht neu. Ausgeburt der Kriege, wurde er in Teilen der Welt zum gebändigten Hüter des Friedens. Innere Sicherheit bot er um den Preis immens vergrößerter äußerer Gefährdung. Diese von Autoren wie Norbert Elias, Heide Gerstenberger und Charles Tilly erwiesenen Spannungen gehören zur Realgeschichte des Staates. Roth will sie um eine Theoriegeschichte ergänzen, die mit dem Neuen auch das Alte, mit dem Erfolgreichen auch das Verdrängte bedenkt. Dazu holt er weit aus: Die antike Polis wird ebenso gewürdigt wie die Reiche Alexanders, der Diadochen und der Römer. Auf fast 200 Seiten kommt schließlich die jüdisch-christliche Tradition zur Sprache. Ihr verdanken wir die Ideen des Exodus, des Bundes, der Gemeinde und des Gottesreiches, die später staatsfreundliche wie staatsfeindliche Bestrebungen angeregt haben.

Territorium und stehendes Heer

Damit allerdings der Staat auf den Plan treten konnte, musste zunächst die Klammer der christlichen Weltordnung gesprengt werden, was Roth zufolge im Investiturstreit des späten elften und frühen zwölften Jahrhunderts geschah: Die Maßlosigkeit des Machtanspruchs der Päpste führte zu einer Besinnung auf das Eigenrecht weltlicher Herrschaft. Das heilige römische Reich deutscher Nation, dem Kaiser und Papst einträchtig vorstehen sollten, war fortan Makulatur. Die weltliche Gewalt wurde partikular und gewann territoriale Gestalt. Ein point of no return sollte allerdings erst mit den Religionskriegen erreicht werden: Der westfälische Friede von 1648 etablierte ein System von Souveränen, die einander als Gleiche anerkannten, sich jedoch ein Recht zum Krieg vorbehielten.

Nun erst war der Staat die Norm. Territorialität und Gewaltmonopol, stehendes Heer und hierarchisch gebundene Verwaltung unterschieden ihn von allen früheren Ordnungsformen des Politischen. Alle gegen kirchliche Bevormundung gerichteten Bestrebungen bekräftigten sein Eigenrecht. Die Liberalen, angetreten, ihn zu begrenzen, werteten ihn auf zum Hüter bürgerlicher Freiheiten. Die Demokraten und Sozialisten, ursprünglich bestrebt, ihn zu stürzen, gaben ihm neue Legitimität und neue Aufgaben. Der Nationalismus verschaffte ihm eine Massenbasis und lenkte die Suche nach Sinn in seine Bahnen. Im Nationalstaat kam er ganz zu sich.

Klaus Roth erzählt diese Geschichte, wie es sich für Genealogien gehört, als eine Geschichte von Zufällen und Brüchen. Dabei wird eine doppelte Zielsetzung der Studie deutlich, die ihre erhebliche Spannweite und enzyklopädische Fülle erklärt. Roth zeichnet nicht nur nach, was verursachend oder begründend zum neuzeitlichen Staat hinführte. Er würdigt auch Vorläufer und Gegenmodelle: das "ganz Andere", das nur aus sich heraus, aber nicht in zweckhafter Hinordnung zum Staat begreiflich wird. So wird seine Arbeit zu einer Fundgrube für alle, die in der Geschichte des politischen Denkens Anregung suchen, um vom "methodologischen Nationalismus" (Michael Zürn) der deutschen Politikwissenschaft wegzukommen. Inhaltlich liegt ihre produktivste Irritation in der Aufwertung des späten Mittelalters. Nicht erst mit Renaissance und Reformation, bereits mit der "Papstrevolution" des Investiturstreits und mit der Aristoteles-Rezeption des 13. Jahrhunderts sei das politische Denken auf innerweltliche Gleise geraten und erneut reflexiv geworden.

Hegelianische Gedanken

Aber Roth erzählt seine Geschichte auch, was zu Genealogien nicht passen will, in hegelianischem Geist. Die verschiedenen Ordnungsmodelle bilden demnach eine logische Abfolge. Entstehung, Wandel und Verbreitung der Staatsidee gelte es "als vernünftig zu begreifen und darzustellen". Hegelianisch ist auch der Hang zur Überschätzung der Rolle von Begriffen in der Geschichte. Roth versteht die politische Theorie als umfassende und stimmige Fortführung vortheoretischer Deutungen, durch die Menschen ihre soziale Welt bilden. Indem sie das Selbstverständnis politischer Akteure verändert, wird sie selbst zur weltverändernden Gewalt. Das ist sicher wahr. Doch gehören zum Gegenstand der politischen Theorie nicht auch Phänomene wie Hunger, Flucht, Mord und Totschlag? Ist es nicht zweierlei, dass Cäsar erdolcht und wie seine Erdolchung dann gedeutet wurde? Gibt es wirklich nur Texte, aber keine hinter ihnen liegende Realität, wie Roth an einer besonders konstruktivistischen Stelle behauptet?

Dass Materielles in Symbolischem und Sozialstruktur in Semantik nicht aufgeht, gibt Roth in den realgeschichtlichen Abschnitten seiner Arbeit selbst zu erkennen. Ausdrücklich sagt er es im methodischen Teil der Einleitung, wo er sich zu einer wissenssoziologisch belehrten Hermeneutik bekennt. Dieses Bekenntnis kommt allerdings in der primär geisteswissenschaftlichen Durchführung der Studie nur ansatzweise zum Tragen. Zudem droht es unterzugehen in einer Überfülle theoretischer Verweisungen, die vor allem die Einleitung verstellen. Lässt man sich davon jedoch nicht beirren, so wird man mit einer ungemein materialreichen theoriegeschichtlichen Verfremdung reich entschädigt.

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