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Der Arbeitskraft-Unternehmer

Anerkennung durch Arbeit, Kontrolle im Betrieb: Sven Opitz untersucht den neoliberalen Umbau

27.05.2004 00:05
GOTTFRIED OY

Früher war alles besser - auf diese Formel könnte manche Kritik an Sozialabbau und globalisierter Ökonomie gebracht werden. In großer Koalition von Attac über einzelne Gewerkschaften bis hin zum Papst macht sich eine merkwürdige Sehnsucht nach Gestern breit. Doch die vermeintlich goldenen Zeiten des Fordismus zeichneten sich nicht nur durch eine florierende Wirtschaft und nationalstaatliche Sicherungssysteme, sondern eben auch durch ein asymmetrisches Geschlechterverhältnis, den Raubbau an der Natur sowie einen monotonen Lebensstil à la Familie Mustermann aus. Generationen sozialer Bewegungen kämpften gegen diese "Fabrikgesellschaft", in der jeder in die "Gussformen" der Institutionen gepresst wurde. Nicht ohne Erfolg, wie die Ablösung manch starrer Disziplinierungsformen zeigt - doch vor dem Hintergrund all der bekannten negativen Auswirkungen.

Wie nun heute, Gilles Deleuze folgend, moderne "Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen" die alte fordistische Disziplinarmacht ablösen, das hat Sven Opitz in einer interdisziplinär angelegten Analyse moderner Managementliteratur untersucht. Orientierungspunkte sind ihm dabei die Gouvernementalitätsstudien in Anlehnung an Michel Foucault, der Postoperaismus, wie ihn Antonio Negri und Michael Hardt in Empire bekannt gemacht haben und die Regulationstheorie, wie sie etwa Joachim Hirsch mit seinem Konzept vom nationalen Wettbewerbsstaat vertritt. All dies sind Modedisziplinen der Sozialwissenschaften, könnte man anmerken, aber Opitz bewegt sich durchaus jenseits ausgetretener Pfade, indem er die Aufmerksamkeit auf die individuellen Auswirkungen der neuen Herrschaftsformen lenkt.

Einer der zentralen Aspekte der neuen postfordistischen Zeitrechnung ist die Durchsetzung unternehmerischen Denkens als Leitprinzip. Obwohl das Unternehmertum allen Gründerinitiativen zum Trotz auch weiterhin keine empirisch relevante Größe darstellt, wird es mehr und mehr zum ideologischen Bezugspunkt. Es geht dabei um die Übernahme von Verantwortung für die eigene Situation und eine hohe Bereitschaft zu individuellen Risiken. Der Arbeitskraft-Unternehmer, der sein persönliches Schicksal mit dem seines Arbeitgebers verknüpft, simuliert unternehmerische Entscheidungen und kaschiert dadurch seine eigene Unselbstständigkeit.

Doch nicht nur das, die neuen Führungsstrategien, die in der Managementliteratur gepriesen werden, wagen sich an die Formung neuer Menschen, indem sie in das Verhältnis von Unterwerfung und Ermächtigung, das den Subjektwerdungsprozess ausmacht, eingreifen. In Auseinandersetzung mit dem Subjektbegriff Judith Butlers vergleicht Opitz das ausgeklügelte System des modernen Managements, mittels Anerkennung eine intensive Bindung an das Unternehmen zu erzeugen, mit dem Prozess der Subjektwerdung schlechthin. Das Unternehmen sorgt für eine "leidenschaftliche Verhaftung" - ebenfalls ein konstitutives Element der Subjektwerdung - und erlangt somit die Macht über Gewährung und Entzug von "anerkennbarem Sein". Eine Kündigung wird dadurch zur Infragestellung der gesamten Person, was sich nicht zuletzt in aktuellen Therapie- und Analysesituationen niederschlägt, viele Psychologen sprechen hier von einem gänzlich neuen Krankheitsbild.

Diese neue Unternehmenskultur ähnelt schließlich immer mehr dem Mythos, wie ihn Roland Barthes beschrieben hat: Sie wirkt entpolitisierend und stellt soziale Konflikte still. Aber nicht nur das, der Kultur wird zudem die Aufgabe zugesprochen, für die Aktivierung und Motivierung der Belegschaft, die subjektive Bindung des Einzelnen und nicht zuletzt für die Kontrolle im Betrieb zu sorgen. Ihre Funktion, so Opitz, hat sie erfüllt, "sobald das gesamte Menschsein den Weg in die Arbeit findet".

Auch die Perspektiven der Kritik verschieben sich, wie Opitz feststellt: "Die intimsten Ressourcen des Subjekts, welche von einem Gros der kritischen Theoretiker über viele Jahrzehnte als sicher geglaubter point de résistance angesehen wurde, erweisen sich als die zentralen Ressourcen der kapitalistischen Ökonomie." Die neu entstehenden Subjektivitäten könnten sich allerdings ihrer Funktionalität auch widersetzen, so Opitz. Der Überschuss an Spontanität und Kreativität, der im Produktionsprozess benötigt wird, steigert schließlich auch die Möglichkeiten kritischen Denkens und Handelns - wobei Opitz die Antwort schuldig bleibt, was kritische Denk- und Handlungsweisen heute ausmacht.

Wenn sich Opitz auch im Anschluss an die Beschreibung der Ist-Situation mit der Skizzierung von Kritik und Widerstand übernimmt, so stellt seine Analyse der Wirkmächtigkeit der Managementliteratur und somit der Beschreibung des neoliberalen Umbruchs einen wichtigen Baustein in der begrifflichen Durchdringung der Verhältnisse dar. Und dass es derzeit an Konzepten radikaler Kritik mangelt, kann schließlich dem Autor nicht angekreidet werden.

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