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„Denk an Famagusta“ 1001 Nacht zwischen Baku und Tel Aviv

Von der ehrwürdigen Art gescheiterter Jahrhundertwerke: Alexander Goldsteins Roman „Denk an Famagusta“.

Baku
Die Luft, der Geruch, die Träume unseres Lebens: Baku, Ausgangspunkt des Buches und Lebens von Alexander Goldstein. Foto: afp

1. Der Roman „Denk an Famagusta“ ist eine Art Denkmal in dreifacher Hinsicht: für die 80er Jahre in der Sowjetunion, für ihre vielsprachige, aber gleiche Illusionen teilende Intellektuellenschicht; für die Utopie der Neomoderne; für den zu früh gestorbenen klugen und originellen Menschen Alexander Goldstein.

2. Ich kannte ihn wenig. Eigentlich sprachen wir nur einmal gründlich miteinander. Vor dem Erscheinen meines Romans „Halbinsel Judatin“ in Israel (2000, auf Russisch) wollte eine damals führende russischsprachige Zeitung, in der Goldstein angestellt war, ein Gespräch mit mir. Er hat angerufen. Die Fragen waren klug, die Themen interessant, das einzige, was ich nicht verstanden habe: Woher kommt diese Nervosität – von seiner tödlichen Krankheit (sie war bereits bekannt) oder von seinem Ehrgeiz? Oder von beidem?

Das Gespräch erschien, eines der besten Interviews, die mit mir geführt worden sind, unterschrieben war es allerdings nicht von Goldstein, sondern von seiner Frau, die in derselben Zeitung arbeitete. Für mich war das ein Zeichen dafür, dass er sich nicht mit Essayistik, Kulturjournalistik und Buchbesprechungen, mit allem, was ihn berühmt machte, begnügen, sondern ein „Primärautor“ sein wollte. Und tatsächlich: Zwei Jahre später erschien in Moskau „Denk an Famagusta“.

3. Goldstein, geboren 1957 in Tallin, ist in Baku aufgewachsen, hat dort studiert und seine Doktorarbeit geschrieben. Ab 1991 lebte er in Israel. Von einem nördlichen Rand der Sowjetunion zu einem südlichen, und von dort in den vermeintlichen Westen, der sich bei näherer Betrachtung eher als Osten bzw. Süden anfühlte. Was für Horizonte!

Aus Baku war es in den 90er Jahren wesentlich leichter, nach Israel auszuwandern, als nach Moskau umzuziehen – letzteres verhinderten neue Staatsgrenzen und -bürgerschaften. Aber Moskau, im ideellen Sinn, blieb das Ziel der russischsprachigen Schriftsteller, die sich in Israel, Deutschland, den USA und sonstwo angesiedelt hatten. Und sie waren in „Moskau“ zunächst sehr willkommen. Ein Exilschriftsteller genoss das allgemeine Interesse, wenn nicht die Bewunderung des Publikums – so war die Mode damals. Später änderte sich das schlagartig, man verlor in Russland das übertriebene Interesse an den Exilautoren und begann, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

4. Zurück in die 80er: Während die Prosa in (West-)Deutschland ihren Weg zur „Leserfreundlichkeit“ langsam antritt (das Buch ist doch eine Ware, der Autor muss bedienen), erkämpft sich die sowjetische Literatur ihr Recht auf Komplexität.

Die Sowjetkultur war im Prinzip gegen jede sprachliche und begriffliche Komplexität, nicht aus Marktgründen, sondern aus Ideologieräson (der sowjetische Autor hat als Leserschaft das ganze Sowjetvolk und muss sich an den Mittelwerten orientieren). In den 80ern zeigte die Macht erste Zeichen von Schwäche: Einige Kollegen durften „kraus“ schreiben, besonders die aus den nationalen Literaturen: Georgier, Armenier, Esten ... Für die Russischschreibenden sah das schlechter aus, die Zensur in der russischen Teilrepublik war viel strenger.

Selbstverständlich gab es auch die inoffizielle Literatur, die sich wenig um die Zensoren und Lektoren kümmerte und das schrieb, was sie wollte. Aber sie wollte zumeist dieselbe „krause“ Literatur, nur viel extremer.

5. Ende der 90er, Anfang der 2000er Jahre wurde jegliche Komplexität sehr schnell und nun ohne Zensur an den Rand der russischen Literatur abgedrängt. Goldstein geriet mit seinem „neomodernen“ Roman ganz unvorbereitet geradewegs in diese Entwicklung hinein. Er dachte wahrscheinlich, dass er auf israelischem Umweg den russischen Literaturbetrieb erreichen und sich einen festen Platz darin sichern würde – seine Essaybände waren ja hochgepriesen, preisgekrönt ...

Aber „Denk an Famagusta“ erwartete ein etwas anderes Schicksal. Es gab nur wenige Besprechungen, ein damals angesehener Literaturkritiker hielt es sogar für möglich, den Roman in einem Nebensatz „absolut unleserlich“ zu nennen. Was Alexander Goldstein, in seiner Verletztheit, dazu veranlasste, diesem Kritiker einen privaten Brief zu schreiben (was man als Autor niemals tun sollte), mit Versuchen, ihn auf den „rechten Pfad“ der Literaturliebe zurückzubringen.

Fünf Jahre nach Goldsteins Tod (er starb 2006 in Tel Aviv) veröffentlichte seine Frau dieses traurige Dokument.

6. „Denk an Famagusta“ gehört zur ehrwürdigen Art der gescheiterten Jahrhundertwerke. „Gescheitert“ bedeutet hier nicht „schlecht“, „gescheitert“ bedeutet, wenn wir das ganz nüchtern formulieren: Wenn ein Werk in einer bestimmten kulturell-gesellschaftlichen Situation geschrieben wurde oder gar erschienen ist, aber bald darauf ein Bruch geschieht und eine neue Situation mit anderen sozialgeschichtlichen Eigenschaften entsteht, „scheitert“ dieses Werk zwangsläufig.

Man könnte dieser Gattung auch Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ zurechnen, oder gar Klopstocks „Der Messias“. In der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts ist „Wiktor Wawitsch“ von Boris Schitkow (auf Deutsch bei Hanser, 2003) das Paradebeispiel für ein solches „gescheitertes Großwerk“. Am häufigsten geschieht das, wenn es in einer Kultur keinen Platz mehr für Großprojekte gibt, die das ganze Universum oder ein ganzes Land in der Gesamtheit seiner Gegenwart und Vergangenheit erschließen wollen.

Was ist „Denk an Famagusta“ – jetzt endlich auf Deutsch – noch? Ein schier uferloser Ozean von Geschichten, Stimmen, Personen, Legenden und Anekdoten (überwiegend aus der sowjetischen Provinz), 1001 Nacht zwischen Baku und Tel Aviv. Die Zeiten und Orte wechseln mit unglaublicher Geschwindigkeit, ohne den Leser zu fragen, ob er zumindest so weit informiert ist, um mitzukommen. Die Andeutungen schenken wir uns: Wo Nabokov parodiert, wo Kasparow (der Schach-Liebling des aserbaidschanischen KGB-Schahs) persifliert wird, das versteht nur einer wie ich – selbst eine sowjetische Scheherazade gewesen. Trotzdem bekommt ein interessierter und minimal vorbereiteter deutscher Leser sehr viel von „Denk an Famagusta“ mit: die Luft, den Geruch und die Träume unseres Lebens, das 1001. Märchen der sowjetischen Zivilisation. Vielleicht versteht er uns nun besser. Oder schlechter.

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