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Debütroman Körper aus Luft

Brutal und doch zart: Anuk Arudpragasam erzählt in seiner „Geschichte einer kurzen Ehe“ von einem vergessenen Krieg in Sri Lanka.

Anuk Arudpragasam. Foto: Halik Azeez Foto: Abdul Halik

Einatmen, ausatmen. Dinesh versteckt sich am Rande eines riesigen Lagers aus Evakuierten. Er schläft hinter Farnen in einer Lichtung des Dschungels. Abertausende Geflüchteten sind hier gestrandet. Bald geht es nicht mehr weiter, im Osten ist das Meer. Dorthin, an den Strand wagt sich Dinesh, um zu scheißen. Es ist ein Ritual. Er gräbt ein Loch in den Sand. Er hat Mühe, denn er hat seit Tagen fast nichts gegessen. Es beginnt zu regnen. Ein Bad kann er nicht nehmen, es ist zu gefährlich, die Rebellen, die Kämpfer der Bewegung, könnten ihn entdecken und rekrutieren.

Mit seiner Familie ist er aus seinem Dorf geflüchtet, später ist nur noch die Mutter bei ihm. Anfangs gab es noch einen Karren mit Topfpflanzen, Fernseher, Nähmaschinen, Kunststoffmöbeln. Jetzt hat Dinesh nichts mehr, alle sind tot. Manche Dinge sammelt er auf seinem Weg auf, einen Türknauf aus Messing im Schlamm, bis er ihn wieder ablegt. Die Dinge haben ihre ursprüngliche Bedeutung verloren. Zwei Taschen hatten sie am Ende noch. Dinesh hat sie neben der Leiche seiner Mutter stehenlassen. An ihr Gesicht kann er sich nicht mehr erinnern.

Tagsüber macht er sich im Lager nützlich oder läuft ziellos herum. Er birgt Verletzte nach den Bombardements, die jede Nacht, meist im Morgengrauen, über sie hereinbrechen. Er trägt ein Kind mit zerfetztem Arm und bereits amputiertem Bein zum provisorischen Hospital, wo ein Arzt ohne Medikamente stoisch den Strumpf absägt.

Ein alter Mann bietet Dinesh seine Tochter Ganga als Ehefrau an. In der Hoffnung, dass die Krieger eine verheiratete Frau nicht vergewaltigten werden und dass sie versorgt ist. Der Priester ist tot, die Heirat wird durch das Wort des Vaters vollzogen. Ganga kocht Reis und Linsen. Dinesh isst, er spürt jedem Korn in seinem Mund einzeln nach. Er ist sich bewusst darüber, dass er sterben wird. Jeder Moment ist kostbar.

Sie gehen zu seinem Lager im Dschungel. „Es war, als hätte sein Körper in den vielen Stunden dort eine warme, nicht spürbare Substanz an den Boden und den Stein abgegeben, die diesen Platz mit einem Wissen um ihn angereichert hätte, so dass er gewissermaßen ein Teil von ihm geworden war, fast ein Zuhause.“ Ganga breitet einen Sari auf der Erde aus, sie legen sich nebeneinander. Sie schläft ein, er sieht, wie ihr Atem ihre Brust hebt und senkt. „Luft strömte in ihren Körper hinein- und wieder heraus, wie Wellen, die leise vor- und wieder zurückrollen.“ In ihrer Tasche findet er eine Seife. Wie schmutzig er ist. Er geht durch das nächtliche Lager zum Brunnen und wäscht sich, er pult sich die Krusten aus Dreck, die Schichten aus Schweiß und Staub vom Körper, er schneidet sich die verfilzten Haare. Ganga ist aufgewacht, sie berühren, umarmen, sie halten sich.

„Die Geschichte einer kurzen Ehe“ spielt an einem Tag und dieser einen Nacht. Der Autor Anuk Arudpragasam ist noch keine dreißig, als er diesen schmalen und bei aller Brutalität so zarten Roman, sein Debüt schreibt. Er kommt aus Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas, studiert derzeit in New York. Er nennt nicht die Tamil Tigers, nicht die Zeit – um 2009 – als die Rebellen ihre letzten Gefechte führten und Hunderttausende tamilischer Zivilisten den Bombardements der Regierung wehrlos ausgeliefert waren und in Lagern im Nordosten der Insel zusammengepfercht dem Tod entgegensahen. Diese aufs Rudimentärste der körperlichen Regungen minimalisierte Geschichte bleibt im Universellen von Raum und Zeit. Dinesh und Ganga sind auf das Elementarste des Lebens reduziert, das Letzte, was bleibt ist der Körper und seine Funktionen. Sind sie einmal, in einer Vergangenheit, zur Schule gegangen, waren sie gut in Mathe oder Biologie? Selbst die Sprache ist Körper. Sie materialisiert sich als Klangstrom, bewegte Luft. „Gedanken verließen in Form von Lauten seinen Mund und flossen durch ihre Ohren in ihren Kopf hinein.“

Sterben, denkt Dinesh am Anfang, ist die Abwesenheit jeglicher menschlicher Verbindung. Die Brust wird ihm eng. Einatmen, ausatmen.

Anuk Arudpragasam: Die Geschichte einer kurzen Ehe. Roman. A. d. Engl. von Hannes Meyer. Hanser Berlin 2017. 224 Seiten, 22 Euro.

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