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Debütroman In aufbrausenden Nächten

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse: Anja Kampmanns „Wie hoch die Wasser steigen“ führt in dunkle Bezirke der Globalisierung.

Anja Kampmann
Anja Kampmann. Foto: Juliane Henrich

In eine harte Männerarbeits- und -lebenswelt führt der Debütroman von Anja Kampmann zunächst, und zwar mittenhinein. „Die See bei Nacht ist das Dunkelste, was einem begegnen kann.“ Waclaw aus Bottrop, Anfang 50, arbeitet schon lange auf Ölplattformen, eine schonungslos anstrengende und unbehagliche Tätigkeit, die er auch deshalb angenommen hat, weil es bei den Ölbohrungen auf dem Land noch viel schlimmer, unerträglich schlimm war.

Anja Kampmann, die ausführlich recherchiert hat, führt uns auf den ersten Seiten Gefahren, Erschöpfung, Kargheit, Dauerfeuchtigkeit, Kälte, Hitze, Gerüche, Bewegungen vor, geschickt immer eng an Waclaw entlang, seinen Gedanken und Erinnerungen. Andere Namen fallen, die Männer sind ja hier draußen nicht allein, aber winzig im Atlantik, der sich hier vor der marokkanischen Küste „als aufbrausende Nacht gebärdete“. Freundschaft keimt, aber sie kommt meist nicht weit und die im Schatten der Globalisierung weltumspannende Tätigkeit der Männer reißt Grüppchen schnell auseinander. „Wir sind kein verdammter Club, hatte Mátyás gesagt, mit einer Stimme, die brüchig klang und erschöpft.“

Zwischen ihm und Waclaw muss es etwas anderes gewesen sein. Jetzt aber kommt Mátyás, mit dem Waclaw sich „seit sechs Jahren die Kabine teilte“ und den wir nur noch in Rückblenden kennenlernen, nicht von der Schicht zurück. Allen ist klar, dass er ins Meer gestürzt ist. „Sie werden niemanden schicken, um ihn zu suchen, nicht wahr?“

Waclaw geht in Sidi Ifni an Land, hat Mátyás’ Sachen dabei, bricht zu einer Reise nach Ungarn auf, unstet, zugleich verhalten und Zeit schindend, eine Reise durch Mitteleuropa, nach Norditalien und schließlich ins ungenannte Bottrop, das sich anhand der Straßen identifizieren lässt. Ohne den Schichtdienst und die gewohnten Abläufe zwischen Arbeit und Schlafen, ohne Mátyás zeigt sich, in welchem Ausmaß Waclaw offenbar vor langer Zeit und nicht erst auf der Plattform im Meer den Boden unter den Füßen verloren hat.

Anja Kampmann und Waclaw schreiben beziehungsweise erwägen nie Wörter wie Liebe, Trauer oder Depression. Der Satzbau geht geradeaus, hat aber einen langen Atem und ist geschliffen, der Ton poetisch – Kampmann, 1983 in Hamburg geboren, in Leipzig ausgebildet, hat mit Lyrik debütiert –, die Wendungen und Bilder sind ausgesucht. „Aber während draußen die Anhänger über das Pflaster knatterten, ein ihm fremder Körper sich umdrehte zum Aufeinanderschlagen leerer Kisten, während Händler pfiffen und er durch einen Spalt im Vorhang das Fliegengitter sah, das im leichten Wind schwankte, und als er sich schließlich aufsetzte, die knöchernen Schienbeine und der Rest der Nacht auf seiner Haut, musste er an einen Eisrand denken, der sich bis zu seinem Rippenbogen ausgebreitet hatte und ihn überdeckte. Eine Art Eis, das neu war, das aus ihm selbst kommen musste.“ Mátyás nennt seine Heimat ein „Land, ausgedünnt wie altes Fell, die Haare herausgerissen“, von Budapest hat er Waclaw erzählt „wie von einer schönen hustenden Frau“.

Über weite Strecken ist „Wie hoch die Wasser steigen“ also eine Reisegeschichte und nachher sogar eine klassische Roadnovel mit Pick-up und per Anhalter mitreisenden alten Leutchen als Gegenstück zum tödlich einsamen Waclaw. „In dieser Nacht war er zweiundfünfzig Jahre alt geworden. Es gab keinen Rasen, den er mähen musste, und dieser Rasen umschloss kein Haus, gefüllt mit Stimmen und vertrauten Gerüchen. Es gab keine Quitten und keine Marmelade. Es gab die Nacht und einen Nebel, der aus einem kurzen Schauer am Nachmittag gekommen war. In dem frühen Grau ging er auf dem Asphalt, um seine eigenen Schritte zu hören.“

Seine Reiseroute wird inzwischen bestimmt durch einen Zettel mit einer Anschrift, „er hatte die Adresse in seiner Brusttasche und er konnte sie auswendig. Sonst war da nichts“. Spürbar wird, wie vorsichtig die Autorin – jünger und auf fremdem, wenngleich auf Reisen und in Gesprächen abgeschrittenem Terrain – mit ihrem Protagonisten umgeht. Vielleicht spürt man etwas zu sehr, dass sie keinen dramaturgischen Fehler machen, Waclaw auch nicht überstrapazieren will. Gleichwohl bleibt er über weite Strecken Gedankentransportmittel und Kunstfigur.

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