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Debütroman Elly ist weg

Maike Wetzel erzählt umfassend und doch ökonomisch von einer Familienkatastrophe.

Maike Wetzel.
Gernhardt-Preisträgerin Maike Wetzel. Foto: Andreas Potthoff/Schöffling & Co.

Das ist ein hochkonzentrierter, auf Genauigkeit bedachter Roman über das, was nicht passieren darf. In Friedenszeiten kann es einem wie das Allerschlimmste vorkommen. Zeit heile angeblich alle Wunden, heißt es einmal, aber für Judith, Hamid und Ines stehe die Zeit still. Elly ist weg und nicht zu finden.

Die Berliner Schriftstellerin und Drehbuchautorin Maike Wetzel, 1974 in Groß-Gerau geboren und für ihr erstes Romanprojekt 2017 mit dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichnet, erzählt davon ökonomisch und aufmerksam. Alles verengt sich ja darauf, dass Elly nicht mehr da ist, aber es gibt andererseits nichts mehr dazu zu sagen. Elly ist elf gewesen, sie war mit dem Fahrrad unterwegs zum Judo. Leute haben sie an einer Kreuzung noch gesehen. Die Jahre vergehen. Das Leben, das anders als die – auch im Buch wie übereinandergelagerte, erstarrte – Zeit weiterläuft, wird zu einer zweiten, unwichtigen Tonspur. „Das Schweigen gehört zu meiner Familie. Es ist schwer zu beschreiben, es zu fassen zu kriegen, denn das Schweigen besteht nicht aus Stille. Meine Eltern und ich reden über dies und das. Dazwischen fällt eine Wahrheit. Sie fällt tief. Kein Satz fängt sie auf.“

Dass Maike Wetzel vom Film kommt, merkt man vielleicht auch am sehr effektvollen Eingangskapitel, das sich von der Seite aus an die Geschichte heranschleicht. Ein Mädchen lernt im Krankenhaus ein anderes Mädchen kennen. Das ist Ines, von der wir noch nicht wissen können, wer sie ist. Sie spielen ein Spiel, bei dem immer klarer wird, dass Ines das andere Kind in eine Rolle drängt, sanft, aber bestimmt. Ein ausgezeichnetes Gespür hat Maike Wetzel für Machtverhältnisse unter Kindern. Die Bedrohlichkeit hält sich in Grenzen, aber die Widerstandskraft erst recht. Das Kind, selbst einsam – für alles Wesentliche findet Wetzel Platz –, spielt gerne Elly und es erscheint ihm auch alles noch logisch, als es gefährlich wird. Sie können ja nur im Krankenhaus weiter zusammen spielen, müssen also krank bleiben. Die Erwachsenen bekommen lange nichts mit. Das ist wie eine Erzählung in sich und beängstigend genug, um für einen Moment erleichtert zu sein, als klar wird, was Ines antreibt.

„Elly“ schwenkt aber jetzt zu Ellys Familie. Die Perspektive wechselt von Kapitel zu Kapitel. Die Selbstvorwürfe der Eltern Judith und Hamid, die Not der Schwester Ines werden beiläufig verbunden mit Einblicken in das dezent prekäre Leben von Geisteswissenschaftlern, die keine Lehrer geworden sind, oder in Hamids Probleme, wenn es wieder einen islamistischen Anschlag gab. Er sagt dann, er sei Grieche, aber sein Name ist verräterisch, aber was verrät der Name eigentlich? Hamid kann nicht mal richtig Arabisch. Die Polizei sucht nach Elly, die Polizei hat aber auch ein durchaus zartes Misstrauen gegen die Eltern. Was bleibt ihr anderes übrig? Leben geht in die Brüche und schleppt sich weiter. „Das Haus zerfällt um uns herum.“

Während sich der lesende Zuschauer und Ellys Familie im Alptraum einrichten, hat Maike Wetzel jedoch noch längst nicht alles erzählt, was sie erzählen wollte. Erst denkt man: Jetzt erzählt sie zu viel. Oder spätestens jetzt. Dann merkt man, wie durchkalkuliert das ist und wie scharf nicht nur das Unglück einer Familie, sondern auch die schockierende Fremdheit unter den Menschen gerade durch das beharrliche Weitererzählen skizziert wird. Und wie Lösungen und mögliche Lösungen manchmal alles nur schlimmer und noch schlimmer machen.

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