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DDR-Literatur Bienenfleißig, nie zufrieden

„Post vom schwarzen Schaft“: Die Schriftstellerin Brigitte Reimann in den Briefen an ihre Geschwister.

Brigitte Reimann
„Wir sind mit einem schweren Gepäck an Idealen losmarschiert“, schreibt Brigitte Reimann. Foto: dpa/pa

Brigitte Reimann hat ihr kurzes Leben ausgenutzt, hat geliebt, gefeiert, ist gereist. Sie hockte auch viel in Versammlungen herum, aber die meiste Zeit muss sie am Schreibtisch verbracht haben – noch in Burg bei den Eltern, in Hoyerswerda oder in Neubrandenburg. Ihre Tagebücher, 1997 und 1998 veröffentlicht, belegen das, die fünf zu Lebzeiten erschienenen Bücher, der postum 1974 gedruckte aus der DDR-Literatur herausragende Roman „Franziska Linkerhand“, aber auch die kaum zählbare Menge an Briefen, die sie schrieb. Und damit war sie noch nicht einmal zufrieden: „Schleierhaft, wie Humboldt jährlich 3000 Briefe schreiben konnte“, notiert Reimann 1965. „Mir wächst schon die Korrespondenz mit einem halben Dutzend Freunden über den Kopf.“

Jetzt erscheint der Geschwister-Briefwechsel in einem Buch. Heide Hampel, langjährige Leiterin des Brigitte-Reimann-Archivs, und Angela Drescher, Herausgeberin auch der Tagebücher und der unzensierten „Linkerhand“-Ausgabe, haben ihn zusammengestellt. Er erweitert, was wir kennen – die in Büchern oder Zeitschriften erschienenen Briefwechsel mit Freundinnen, mit Kollegen wie Christa Wolf, Reiner Kunze, Wolfgang Schreyer oder mit dem Architekten Hermann Henselmann.

„Post vom schwarzen Schaf“ heißt das Buch, eine Formulierung Brigitte Reimanns über ihre Rolle in der Familie aufgreifend. Liest man aber, wie ihre Schwester Dorothea und ihre beiden Brüder Lutz (eigentlich Ludwig) und Ulrich mit ihr umgingen, erscheint sie eher als Schmuckstück denn als Außenseiterin. Interesse, Mitgefühl, Achtung sprechen aus den Dokumenten. Die Geschwister lesen ihre Bücher, hoffen, dass die Schwester ihre Kräfte dosiert, versorgen sie mit Ausschnitten aus der Realität, so wenn Dorothea mit Mann und zwei Kindern in Rostock in einem schimmligen Loch haust und keinen Krippenplatz findet.

Es sind Erwachsene, geboren Anfang der 30er- und 40er-Jahre, die sich hier ab 1960 schreiben, es geht um Arbeit, Familie, Freundschaften. Zwar wird den Eltern einmal die Anschaffung eines Telefons nahegelegt, aber das war in der DDR Mangelware. Der Vater verschickt regelmäßig einen die Neuigkeiten bündelnden „Familienrundschrieb“.

Im ersten Teil des Buches gibt es Misstöne, Hintergrund ist die Politik: 1960 war Lutz mit Frau und Tochter in den Westen gegangen. „An der Bezeichnung ,Deutsche Demokratische Republik‘ ist nämlich leider nur das ,deutsch‘ zutreffend“, schreibt er im September 1961, „das Volk hat diese Leute und diesen Staat nie gewählt.“ Brigitte, die noch glaubt, die Gesellschaft mitgestalten zu können, wehrt sich. Diese Zerrissenheit, den geliebten Bruder im vermeintlich falschen Staat zu wissen, fließt in den Roman „Die Geschwister“, der 1963 erscheint. Da muss sie sich in einem Brief vor den Eltern rechtfertigen, ja, sie habe „das Recht, verdammt, mich mit seiner Republikflucht auseinanderzusetzen“.

Auch als sie sich wieder nähergekommen sind und Brigitte mit den Kontakten der erfolgreichen Schriftstellerin zu SED-Funktionären erreicht, dass der Ausgereiste wieder zu Besuch kommen darf, hält sie sich ihm gegenüber mit Kritik an der DDR zurück, die sie in anderen Briefen äußert („Lutz muss nichts davon wissen, dass ich mit der Partei uneins bin“). Die veröffentlichten Tagebücher, in denen sie in jeder Hinsicht offener schreibt, reichen nur bis 1970. Im Juni 1971, als sie nach wiederholter Krebserkrankung weiß, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt, wagt sie ausgerechnet Lutz gegenüber eine Art Bilanz: Ihre Generation leide unter der Entwicklung in der DDR am meisten, „weil wir mit so einem schweren Gepäck an Idealen losmarschiert sind“.

Brigitte Reimann sehnte sich nach engen Beziehungen zu anderen, hielt Nähe jedoch nicht lange aus, vier Mal war sie verheiratet. Die Arbeit war ihr das Wichtigste – „weil ich selbst in einem Beruf bin, dem ich mit Leib und Seele gehöre, mehr als je einem Menschen“ (an Dorothea). Sie arbeitet „vierzehn Stunden am Tag“ (1964), hängt sich „eine Leistungstabelle an den Schreibtisch“, findet aber, sie „schreibe viel zu langsam, trotz Bienenfleißes“ (1966), schuftet „wie ein Kümmeltürke“ (1969). In den Briefen an Kollegen erörtert sie die Möglichkeiten ihres Schreibens intensiver. Die „Post vom schwarzen Schaf“ überrascht nicht mit Enthüllungen, fügt aber der Wahrnehmung Brigitte Reimanns einen emotionalen Akzent hinzu: die Wärme. Sie sorgt sich um ihre Schwester und die Brüder, fragt nach den Nichten und Neffen. Ihre Geschwisterliebe überwand auch die Grenzen, die sie sich selbst setzte.

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