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DDR-Aussteigerroman „Kruso“ Lutz Seiler bekommt Deutschen Buchpreis

Nein, es war keine Überraschung. Ja, es ist trotzdem prima so. Der Lyriker Lutz Seiler gewinnt für seinen Debütroman „Kruso“ den Deutschen Buchpreis 2014 und vergisst keinen.

Lutz Seiler hat mit seinem Roman "Kruso" soeben den Deutschen Buchpreis gewonnen. Foto: dpa

Die Verleihung des zehnten Deutschen Buchpreises im Frankfurter Römer war eine von jenen ohne Überraschung. So muss es gewesen sein, als Uwe Tellkamp mit „Der Turm“ (2008) gewann, jetzt war es Lutz Seiler mit „Kruso“, erneut ein großer End-DDR-Roman, wieder Suhrkamp, wieder ein klarer Favorit. Ein früh erworbenes „Kruso“-Exemplar hat ohne weiteres den Aufdruck dritte Auflage.

So gab es im Kaisersaal diesmal kein übermäßiges Aufquieken. Aber es ging mit rechten Dingen zu. Andere gute Bücher waren ja auch dabei, andere spielten auch auf Inseln oder in der späten DDR. Dreieinhalb spielten insgesamt auf Inseln, hatte Moderator Gert Scobel ausgerechnet. Und Angelika Klüssendorfs „April“ in der DDR und wäre am ehesten eine Alternative gewesen, jedoch eine apartere.

„Kruso“ jedoch ist eine kaum widerstehliche elegante, glasklare, immens unangestrengte Prosa. Wie Leser des Erzählungsbandes „Zeitwaage“ bereits wussten. „Lutz Seilers erster Roman“, so die Jury, „überzeugt durch seine vollkommen eigenständige poetische Sprache, seine sinnliche Intensität und Welthaltigkeit.“

Lutz Seiler, das zeigte sich, ist zu einer wiederum rührenden Rührung fähig, und er scheint nicht der Mann zu sein, der über Dinge hinweggehen möchte. Sein Romanheld Ed wird am Ende, die neunziger Jahre sind angebrochen, von seinen Recherchen im „Museum der Ertrunkenen“ berichten. Es ist schwierig etwas über Menschen herauszufinden, über deren Leichen offiziell nicht gesprochen wurde.

Ed ist nicht besonders erfolgreich dabei, aber er versucht es. Der furchtbar gefährliche Traum DDR-müder Bürger, über Hiddensee nach Dänemark zu gelangen, die Insel Møn bereits tückisch nah, hat den Leser zuvor durch 400 Seiten getragen. Eine unfassbare Situation, nur 25 Jahre her. Jeder, sagte Seiler, wollte wenigstens einmal im Leben nach Hiddensee, auf die „Sehnsuchtsinsel“.

„Kruso“ ist von eigenem Schwung und voll der Schönheit menschlicher Beziehungen, die sich hier aus einer modernen (obwohl auch schon gar nicht mehr so modernen) Robinsonade ergeben – der wunderliche alte Kruso und Ed als Tellerwäscher sind dabei Robinson und Freitag. Man sieht Menschen hier sinnieren, und schon gibt es einen Satz aus dem Roman, der auch an diesem Abend wieder fiel und Hiddensee auf immer anhängen wird: „Wer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten.“

Aber man sieht Menschen hier auch tragisch scheitern. Man könne das Buch, so die Jury, „als wortgewaltige Geschichte eines persönlichen und historischen Schiffbruchs lesen – und als Entwicklungsroman eines Dichters“.

Großer Bahnhof für einen Lyriker

Lutz Seiler will auch nicht darüber hinweggehen, dass er seit den neunziger Jahren Lyrikbände veröffentlicht. Für einen, der sonst Gedichte mache, sagte er in seiner Dankesrede, nachdem er aus der Jacketttasche flugs ein Zettelchen gezogen hatte, sei das ein großer Bahnhof.

Er wünsche sich einen großen „Kruso“-Zug, viele große „Kruso“-Züge, die nun in die Welt hinausdampfen sollten. Wenn wir es recht verstanden haben. Gezogen würden sie von der Suhrkamp-Lok und ihren 128 Mitarbeitern, mit denen er in 15 Jahren sieben Bücher habe machen können.

Er dankte der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz, die nie Zweifel daran gelassen habe, dass Gedichte ihr so wertvoll seien wie Prosa. Auch dankte er seiner Lektorin Doris Plöschberger, die an „Kruso“ geglaubt habe, als es mehr als den Titel noch nicht gab. „Mensch, Doris“, sagte Lutz Seiler. Auch bedankte er sich bei seiner Frau, ohne die nichts denkbar sei.

Und über noch etwas ging er nicht hinweg. Dass Lyrik einen solchen Preis und Bahnhof nicht kenne, obwohl sich ihr Niveau in Höhen bewegen könne, von denen die meisten Romanciers nicht einmal träumen könnten.

Seiler nannte den Leipziger Kollegen Thomas Kunst, die Berlinerin Nadja Küchenmeister, den Hamburger Farhad Showghi. Hoffentlich sitzen schon jetzt hunderte von Zuhörern vor den Computern und bestellen sich über den Buchhändler ihres Vertrauens die Werke.

An diesem Abend also, an dem alles so klar und einleuchtend war, hatte sich Wiebke Porombka, die Jury-Sprecherin – die weibliche Jury-Sprecherin, wie Scobel hervorhob – zuvor gegen die teils heftige Kritik an der Longlist („Skandal“, „Unverschämtheit“) gewehrt. Das sei eine Respektlosigkeit gegenüber den Nominierten.

Scobel selbst hatte ausgeführt, wie Prometheus mit dem Feuer dem Menschen auch die Literatur gebracht habe. Wie die 55 Minuten zwischen dem Beginn der Preisverleihung und der Nennung des Siegers rumgebracht werden, gehört immer zu den skurrilen Elementen im Buchmessen-Vorfeld.

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