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David Mitchells brillanter Jugend-Roman Bloß nicht mit Mama gesehen werden

Für alle, die frühere Romane von David Mitchell gelesen haben, ist "Der dreizehnte Monat" vielleicht eine Überraschung. Doch wer einen Autor entdecken will, der ist mit seinem vierten Buch genau richtig bedient.

30.10.2007 00:10
ULRICH SONNENSCHEIN
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David Mitchell: Der dreizehnte Monat. Aus dem Engl. von Volker Oldenburg. Rowohlt 2007, 495 Seiten, 19,90 Euro.

Für alle, die schon frühere Romane von David Mitchell gelesen haben, ist "Der dreizehnte Monat" vielleicht eine Überraschung. Doch wer einen Autor entdecken will, der in der englischsprachigen Welt zu den jungen Genies gehört, der ist mit seinem vierten Buch genau richtig bedient.

In seinen Romanen zuvor hatte Mitchell mit großer erzählerischer Kraft Raum und Zeit aus ihren Angeln gehoben, hatte in "Der Wolkenatlas" in einem virtuosen Stilmix einen Forschungsreisenden, einen Musiker, einen Atomwissenschaftler, einen Verleger, einen Ziegenhirten und einen Klon zusammenkommen lassen; oder in "Chaos" einen japanischen Sektierer, der einen Giftgasanschlag plant, mit einem Jazzfan in einem Plattenladen.

Unter dem Eis

Mitchell begann als Meister der unvorhersehbaren Zusammenhänge und hat nun eine Geschichte erzählt, die irgendwo zwischen dem Porträt des Künstlers als junger Mann und Adrian Mole als biographisches Bekenntnis, als Weltentwurf in eigener Sache, zu Buche schlägt. "Der dreizehnte Monat" ist eine coming-of-age Geschichte wie man sie schon so oft lesen konnte, bei Jonathan Coe, Jonathan Safran Foer oder Michael Cunningham, und so immer wieder gern lesen möchte.

Mit seinem vierten Roman hat Mitchell den literarischen Druck, der bei den anderen Büchern als Teil der Faszination spürbar war, hinter sich gelassen. Ein Buch wie "Der Wolkenatlas" war weder zu wiederholen noch zu übertreffen. Aber es hat den Weg geebnet zu einer schonungslosen Innensicht der eigenen Person. Jason Taylor ist eine Form der Autorschaft, ein Bild der schreibenden Instanz, über die wir einen Teil von David Mitchell erfahren, so wie wir über Stephan Dedalus die Essenz von James Joyce erfahren sollten. Der Rest ist Wahrheit, und die ist nur selten Teil der Literatur.

Jason Taylor ist 13, lebt 1982 in einem kleinen mittelständischen Ort in Worcestershire und fragt sich, was man tun muss, um den Mädchen zu gefallen. Er weiß, dass mit der Mutter im Kino gesehen zu werden "extrem schwul" ist und dass er es sich nicht leisten kann, auf dem Schulhof mit den Losern zu sprechen. Und doch kann er es nicht vermeiden, über kurz oder lang in der Hierarchie noch unter ihnen zu landen.

In Black Swan Green, so der Name des Ortes und der Originaltitel des Romans, ist das Profane, das Alltägliche nur die Matrix für eine zutiefst verstörende Adoleszenz-Geschichte. Jason bewegt sich fragend in einer Welt, die nicht mit einfachen Worten zu erklären ist. Unter dem Eis des Waldteiches lagern ertrunkene Kinder, daneben steht ein verwunschenes Haus, das eine verrückte Frau bewohnt, der Falkland-Krieg bricht aus, der Bruder eines Klassenkammeraden kommt darin um und Jason versucht, mit Henker fertig zu werden. Henker ist eine seiner inneren Kreaturen, die ihn daran hindert, Worte auszusprechen, die mit N oder S beginnen. Daneben mischt sich sein ungeborener Zwilling ständig in moralische Entscheidungen ein. Ruhe findet Jason nur in der Literatur. Leider sind Bücher auch "extrem schwul", von den Gedichten, die er heimlich und unter Pseudonym für das Gemeindeblatt schreibt, ganz zu schweigen.

David Mitchell hat sich in der komplexen Struktur, die sein neuer Roman eben auch noch aufweist, nicht wirklich geändert. Auch hier werden Phantasie, Literatur, Wünsche, Gedanken, Erfahrungen und Wahrnehmungen zu einem Netz individuellen Erlebens vermischt. Wir sehen einen Jugendlichen im England der Vororte und sein Protokoll des Jahres 1982. In der Schrift erhält sich etwas, das es in der Wahrnehmung der anderen nicht gibt.

Diese Differenz ist konstituierend für Mitchells Roman, für eine Geschichte. Sie ist in einer Sprache verfasst, die weder dem dreizehnjährigen Jason alleine gehört noch einer dritten Instanz zuzuschreiben ist. "Würde sich doch die Zukunft auftun und mich verschlucken." Solche Sätze wechseln sich ab mit ironischen Weisheiten, die Adrian Mole gern gesagt hätte: "Der Krieg ist eine Auktion, die derjenige gewinnt, der am meisten Verluste hinblättern kann, ohne in die Knie zu gehen."

Vor allem aber ist es der Kampf gegen das Stottern, der zu einem poetischen Zwang wird. Immer wieder muss Jason sich neue Begriffe einfallen lassen, um im Gespräch N- und S-Worte zu vermeiden, muss den Satzbau blitzschnell ändern und entwickelt sich so zu einem immer stummer werdenden Sprachvirtuosen. Der innere Dialog ist viel reicher als das, was Jason offen sagt beziehungsweise sagen kann. So ist dieses Buch auch ein Dokument des vielsagenden Schweigens.

"Der dreizehnte Monat", der Monat an dem das Jahr sich wiederholt, der Kreislauf in eine neue Runde eintritt und die Karten neu gemischt werden, ist auch ein Buch über die Literatur und die Kraft, aus Worten Wirklichkeiten zu machen. Die faktische Welt ist weit davon entfernt harmonisch zu sein, doch das Denken ist an einem Punkt angekommen, an dem Reflexion über Emotion zu siegen beginnt. "Am Ende wird alles gut sein" heißt es am Schluss dieses wunderbaren Romans. "Mir kommt es nicht besonders gut vor." entgegnet Jason. "Das liegt daran, dass es noch nicht zu Ende ist."

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