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David Foster Wallace Der Mensch dem Menschen ein Helfer

Das essayistische Gesamtwerk von David Foster Wallace.

David Foster Wallace
David Foster Wallace im Juni 2006 in seinem Haus. Foto: dpa

Am Freitag, den 12. September 2008 erhängte sich David Foster Wallace in der Scheune seines Hauses. Am Samstag fand ihn seine Ehefrau, die Malerin Karen L. Green. Im Februar war er 46 Jahre alt geworden und hatte nach eigenen – von Freunden und Verwandten nicht bestätigten – Angaben von seinem neunten oder zehnten Lebensjahr an mit Depressionen zu kämpfen. Dazu kamen Alkohol und Drogen, dazu kam eine geniale Intelligenz. Er musste scheitern. Aber, was heißt scheitern. Es war ein Sieg. Nach ich weiß nicht wie vielen Selbstmordversuchen hatte es endlich geklappt. David Foster Wallace hat eines der wichtigsten literarischen Werke der vergangenen einhundert Jahre vorgelegt, gegen und mit den Höllengeistern, die ihn plagten, die ihn ja nicht nur depressiv, sondern auch aggressiv machten, ihn mit paranoischen Ängsten verfolgten und dazu führten, dass er andere – meist Frauen – schlug und verfolgte. 
Die Heilmittel waren Elektrokrampftherapie, Lithium, Xanax, Valium, Prozac, Zoloft und am Ende Phenelzine. Heilmittel, an denen er ebenfalls starb.

Es ist nicht zu fassen, wie ein von tausend Teufeln gejagter Mann es schafft, nicht nur den – in der deutschen Fassung – 1400 Seiten umfassenden Roman „Unendlicher Spaß“ zu Ende zu bringen und zu veröffentlichen, sondern auch ein umfangreiches Oeuvre, dessen essayistischer Teil jetzt in einem Band von mehr als eintausend Seiten unter dem Titel „Der Spaß an der Sache“ vorliegt. 

Ein empfindsamer Riese. Beginnen Sie Ihre Reise durch den essayistischen Kosmos des David Foster Wallace mit der Rede, die er 2005 vor der Abschlussklasse des Kenyon College in Ohio hielt. Sie trägt den Titel „Das hier ist Wasser“. Er erzählt darin, wie schwierig es für Fische ist, zu erkennen, dass sie im Wasser leben. Es ist so verdammt schwer, zu erkennen, worum es wirklich geht. In einer konkreten Situation und im Leben. 

Wer es eilig hat, dem sind alle anderen im Weg. Er stellt sich nicht vor, dass er einem anderen, der es aus einem sehr guten Grund noch eiliger hat als er, im Weg steht. Wir erkennen unsere Lage nicht, weil wir uns nicht um die der anderen kümmern. „Das hier ist Wasser“ ist eine Einladung zur Empathie. Wir lesen solche Texte gerne als Meinungsäußerung. Als moralische Belehrung gar. Wir sehen den erhobenen Zeigefinger auch da, wo es – eigentlich nicht zu übersehen – um etwas ganz Anderes geht. 

Wallaces Text, der so tut, als sage ein älterer Mitbürger den jungen Leuten mal, worum es geht, ist in Wirklichkeit der Hilferuf eines Menschen, der sehr genau weiß, dass wir alle zugrunde gehen werden, wenn jeder von uns sich nur um sich kümmert. Er weiß das, weil er es von sich weiß. 

Wallace war darauf angewiesen, sich nur um sich zu kümmern, nicht nur, weil er Tag und Nacht darauf achten musste, das richtige, korrekt flektierte Adjektiv zum richtigen, korrekt flektierten Substantiv zu stellen, er musste auch Scherz, Satire und tiefere Bedeutung so mischen, dass das eine das andere erhellte; und unter die Haut mussten die Texte gehen, sie mussten aufwühlen, die Empfindungen der Leser umpflügen, damit das Unterste nach oben kam und sichtbar wurde. Das alles aber musste ihm gelingen – sie nutzend – gegen seine Krankheiten und Süchte. Die Zeit, die er in Kliniken verbrachte, musste wiedergewonnen werden fürs Schreiben, fürs Leben. 

Er musste also fortwährend sich beobachten, durfte sich nie aus den Augen verlieren. Aber genau dabei entdeckte er wohl, wie sehr er darauf angewiesen war, von anderen erkannt zu werden. Dass er nicht nur süchtig nach der Einsamkeit war, sondern auch nach einem Gegenüber, das ihm dabei half, sich für eine Zeit zu vergessen. „Das hier ist Wasser“ gibt sich ganz unaufgeregt, einfach nur vernünftig und klug. In Wahrheit ist gerade diese Ruhe gefährlichsten Stürmen abgerungen. Hätte er geschrien, wonach ihm oft war und was er oft tat, er hätte die jungen Leute und die Leser erschreckt. Sie wären weggelaufen. Wichtiger aber war, dass er die Ruhe brauchte, um sich selbst zu erreichen. 

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