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Das Weltbild des Terrorfürsten

Osama bin Ladens gesammelte Reden liegen nun in deutscher Übersetzung vor / Rhetorische Rechtfertigungen

26.04.2006 00:04
MARKUS MEßLING

Osama bin Laden ist der meistgesuchte Terrorist unserer Tage. Sein Konterfei ist eingebrannt ins kollektive Gedächtnis. Anders als in der islamischen Welt, wo seine Reden - von Al Dschasira gesendet und in Zeitungen in voller Länge abgedruckt - rezipiert und in Chatforen im Internet diskutiert werden, ist bin Laden für die westliche Öffentlichkeit ein Phantom geblieben, von ikonischer Aussagekraft zwar, aber doch schattenhaft, unbekannt.

Aufgrund der gelungenen Arbeit von Ruth Bigalke und Marwan Abou Taam ist es nun möglich, sich bei uns ein Bild von bin Ladens Weltbild und Persönlichkeit zu machen. Die beiden jungen Islamwissenschaftler haben bin Ladens gesammelte Reden kommentiert herausgegeben. Die Äußerungen sind durchgängig in den politischen Kontext eingeordnet und von einem detaillierten Fußnotenapparat begleitet, der sachdienlich ist und nur bei der Datierung der zahlreichen saudischen Thronfolgen zweimal aus der Spur gerät.

Die Medienstrategie des Terrors

Die gesammelten Texte sind streng genommen nicht ausschließlich Reden, sondern auch offene Briefe und Interviews, und bin Laden ist vermutlich auch nicht ihr alleiniger Verfasser. Denn dafür sind sie stilistisch zu inkonsistent. Vielmehr stehen dahinter Ideologen und Medienstrategen aus seinem Umfeld wie der Ägypter Ayman al-Zawahiri, was bereits ein Zeichen für die generalstabsmäßige Planung der terroristischen Agitation ist. Dies macht auch die Lektüre der im Netz abrufbaren Leitfäden zum Aufbau von Al-Qaeda-Zellen und zur Destabilisierung ganzer Staaten wie Jordanien und Nigeria deutlich, die ebenfalls in das Buch aufgenommen wurden.

Rhetorisch und inhaltlich sind die Reden redundant - die von den Herausgebern angeführte Wirkung des Koran-Arabisch kann sich im Deutschen natürlich nicht entfalten. Zumeist enthalten sie Aufrufe zum Mord und all jenen ideologischen Wahnsinn, den man erwartet: Getragen von einem wahhabitischen Fundamentalismus in Reinform, der jeden Säkularismus verteufelt, wird Gewalt gegen eine Welt gepredigt, die sich gegen alle Muslime verschworen habe. Es sei daher die religiöse Pflicht eines jeden Muslim, sich dem Verteidigungskrieg anzuschließen, dem "Dschihad".

Theorie der Weltverschwörung

Nuancen kennt bin Laden nicht, alles wird von seiner dualistischen Weltverschwörungstheorie mitgerissen. Darin liegt auch das propagandistische Hauptziel: Seine Adressaten vom "Krieg der Religionen" zu überzeugen, alle nationalen und ethnischen Unterschiede der islamischen Welt nichtig erscheinen und in der "Umma", der Gemeinschaft der Gläubigen, aufgehen zu lassen, als deren von Gott berufener Heerführer bin Laden sich begreift.

Die Stilisierung zum Zivilisationsvertreter ist dabei einer "Entwicklung" geschuldet: Der Führer-Duktus und die Selbstbezeichnung als Scheich treten erst 1998 mit der Gründung der "Internationalen Islamischen Front für den Dschihad gegen Juden und Kreuzritter" in Afghanistan auf, die dann zu Al Qaeda werden sollte. Biografisch bedeutet er bin Ladens "Entwicklung" vom gefeierten Afghanistan-Veteranen mit regionalem Geltungsanspruch zum internationalen Terrorchef auf der Flucht.

Bin Ladens erste Auftritte in der Öffentlichkeit, die offenen Briefe aus den Jahren 1994 und 1995 an Ibn Baz, den damaligen obersten Rechtsgelehrten Saudi-Arabiens, und König Fahd, sind vielleicht am aufschlussreichsten, denn in ihnen entlädt sich der Zorn über den empfundenen Verrat: Die saudische Führung hatte dem Afghanistanhelden 1994 die Staatsbürgerschaft entzogen, weil er für sie zur innenpolitischen Bedrohung geworden war. So wird bin Laden, der im Alter von zehn Jahren seinen einflussreichen Vater verloren hatte, vom vaterlosen zum "vaterlandslosen Gesellen".

Vor dem Hintergrund der patriarchalen Strukturen, in denen bin Laden groß wird, bedeutet dies eine doppelte narzisstische Kränkung. Bin Laden selbst thematisiert die empfundene "Kastration" in einem Interview, das er 1998 dem Journalisten Dschamal Ismail gibt, und zwar politisch, als Entmännlichung der islamischen Welt. In allen seinen Reden spielt die Metaphorik der Demütigung eine entscheidende Rolle.

Die Frankfurter Psychoanalytikerin Mahrokh Charlier hat kürzlich beschrieben, wie die durch Geschlechtertrennung gekennzeichnete Sozialisation in islamischen Gesellschaften bei Männern eine "mildere Form des Hasses mit sadistischer Komponente" generiert, die im Wunsch nach Selbstvergewisserung durch Dominanz zum Ausdruck kommt.

Dem gegenüber steht nun die empfundene Ohnmacht vieler junger Männer in den islamischen Gesellschaften, die aufgrund des rasanten Bevölkerungswachstums und der wirtschaftlichen Malaise keine der patriarchalen Struktur angemessene Stellung mehr einnehmen können. In ihrer guten Einleitung zeigen die Herausgeber, dass in der Gemeinschaft dieser existenziellen Erfahrung ein wesentliches symbolisches Kapital liegt, mit dem bin Laden wuchern kann. In ihm ist die mögliche soziale Distanz des Multimillionärs zur Kern-Zielgruppe junger Männer aufgehoben.

Die politische Machtlosigkeit gegenüber dem Westen weiß der Demagoge bin Laden geschickt auf diese Demütigungsgefühle zu spiegeln. Vielen Menschen in der islamischen Welt, selbst wenn sie Gewalt ablehnen, spricht seine Rhetorik identitärer Resistenz aus der Seele. Das wird eine westliche Realpolitik endlich berücksichtigen müssen. Denn in einem Punkt hat bin Laden Recht: Es geht nicht unwesentlich um eine weltanschauliche Auseinandersetzung. Sie wird aber nicht militärisch, sondern nur durch überzeugende Argumente zu entscheiden sein. Hier hat der Westen bedauerlicherweise durch seine Politik in den vergangenen Jahrzehnten entscheidendes Vertrauen im Nahen Osten verspielt.

Das BuchMarwan Abou-Taam und Ruth Bigalke(Hrsg.): Die Reden des Osama bin Laden. Übertragung aus dem Englischen von Fiona Pappeler, aus dem Arabischen von Marwan Abou-Taam, Ruth Bigalke und Nermin Sharkawi. Diederichs, München 2006, 256 Seiten, 19,95 Euro.

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