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Das türkische Berlin Im Land der Nylonhemden

Eine Heimatkunde: Das Lesebuch „Wir neuen Europäer“ von Aras Ören führt an den Beginn des türkischen Berlins.

Grenzübergang
Am ehemaligen Grenzübergang „Checkpoint Charlie“ in Berlin-Kreuzberg verkaufen türkische Jugendliche aus der Berliner Mauer herausgebrochene Stücke an Touristen. Foto: epd

Z um guten alten West-Berlin gehörten auch die guten alten Türken. Sie waren das Salz und der Safran der Stadt, bewohnten einen Teil von ihr, den alle nur 36 nannten, das wilde alte Kreuzberg, von wo aus sie sich langsam nach 61 ausbreiteten, ins gute bürgerliche Kreuzberg, oder in die andere Richtung, nach Neukölln und damit in einen Stadtbezirk, der wieder einen richtigen Namen tragen durfte, weil er überall gleich öde war.

In diese Zeit der sogenannten ersten türkischen Einwanderergeneration, die zwischen 1961 und 1973 angeworben worden waren, führt ein Buch von Aras Ören zurück, das den etwas irreführenden Titel „Wir neuen Europäer“ trägt. In Wahrheit sind diese Europäer ganz alt, mindestens so alt wie ihr 77-jähriger Autor, und ob sie wirklich Europäer waren, darüber waren sie sich selbst nicht ganz sicher. Sie waren es jedenfalls in größerem Maße als viele Europäer von heute, fühlten sich in Europa mehr zu Hause als in Deutschland, fast so zu Hause wie in SO 36 oder in Bebek und Unkapani, also nirgendwo ganz richtig.

Aras Ören kam 1969 nach Westberlin, engagierte sich dort in der linken Künstlergruppe „Rote Nelke“ und arbeitete ab 1974 als Redakteur für den Sender Freies Berlin. Dort leitete er seit 1996 die türkische Redaktion, die er mitbegründet hatte. Mit seinem Langgedicht „Was will Niyazi in der Naunynstraße“ schuf Ören 1973 ein facettenreiches Porträt dieser Kreuzberger Straße, das zu einem Meilenstein der neueren Berliner Literaturgeschichte werden sollte. Der jetzt erschienene Band „Wir neuen Europäer“ versammelt bis auf zwei Ausnahmen Texte aus dieser Zeit, den 70er und 80er Jahren.

Damals beherrschte nicht die Religion die Agenda, sondern der Klassenkampf. Türken und Deutsche mochten noch so verschieden ticken, an der Werkbank waren sie Kollegen, standen gemeinsam auf der lohnabhängigen Seite der Weltordnung. Ältere Türken redeten fremde Deutsche auf der Straße oder im Geschäft gerne mit „Kollege“ an; die Tarifverträge mit Siemens, Osram, Knorr Bremse oder Gilette sorgten von ganz allein dafür, dass sich die Menschen gleichgestellt fühlten, gleich ausgebeutet oder gleich gut, je nach politischer Couleur. „Es gibt nur die Erde, die allen gehört / und das Ding, das die Welt macht, / ist die Arbeitskraft“ heißt es in „Niyazi zieht Bilanz“.

Aber die Erde ist doch nicht so gleich, wie es ihre Verwertbarkeit glauben macht, und so denkt Niyazi fast im selben Augenblick sehnsüchtig an Bebek zurück, den Istanbuler Stadtteil am Bosporus, wo er einst in einer Blechhütte lebte und in der Camialti-Werft am Goldenen Horn arbeitete. Bis Bebek zum Stadtteil der Superreichen wurde, und Niyazi sich dort wie im falschen Film fühlte, in einem so fremden Film, dass er auch gleich nach Kreuzberg auswandern konnte, ins Land der Nylonhemden und der Geliebten, die man auf der Straße küsst. Eine archaische Melancholie herrscht in diesen Texten, eine harte, poetische Sprache, die unversehens zu Momenten heftiger Schönheit zusammenfließen kann.

Man stand gemeinsam auf der lohnabhängigen Seite

Diese kunstvolle Lakonie, die nur hier und da eine orientalische Verzierung bekommt, vertrug sich bestens mit der Ästhetik der romantischen Linken, die viele Ecken Kreuzbergs in den siebziger Jahren prägte. Es war das Kreuzberg der Malerin Natascha Ungeheuer und des Dichters Johannes Schenk, der viele Jahre als Matrose die See befahren hatte, bevor er in Berlin das Kreuzberger Straßentheater gründete. Und auch die Türkei, aus der Örens lyrisches und prosaisches Personal kam, war ein anderes Land als heute. Es war nicht die Türkei der Re-Islamisierung, sondern die Türkei, in der man sich in der Bar American verabredete, aus deren Lautsprechern die Stimme Sinatras schallte, und die man später, in Almanya erst einmal reich geworden, mit einer amerikanischen Heckflossenlimousine zu bereisen gedachte.

Es war eine Türkei, in der alle Männer Schnauzbärte trugen (wie der Autor bis heute), Raki tranken und an Allah so selten dachten, wie es einem so allmächtigen und unbezweifelbaren Weltenschöpfer ja auch zukommt. Örens ausgewanderte Türken sind Männer wie Ali, der sagt: „Schön Frau du, komm Asbach trinken“ oder „nix fertig, nix gehen, schön Frau!“ und sich bei der körperlichen Liebe so ungelenk benehmen wie Riesensäuglinge. Unbekümmert um Vorwürfe wegen rassistischer Klischees schildert Aras Ören sogar eine Erinnerung an eine Eselstute, hinter der sich eine ganze Schlange sexhungriger Rekruten zum Begatten aufgereiht hatte.

Was waren das für Zeiten! Nix Hybridkultur, nix Exotismusdebatte, nix Hardcore- und Popislamismus. Dafür Fließband, Mittagspause und Stechuhr, die als Metaphern eines gemeinsam getragenen Jochs standen. Und das sprachliche Bemühen um Wahrhaftigkeit und Schönheit im Zusammentreffen von Menschen, die noch kein ideologisches Vokabular entwickelt hatten, um sich substanziell fremd vorzukommen. Und ein Dichter, der 1991, im jüngsten der hier versammelten Texte, den gegeneinander grummelnden Ost- und Westdeutschen aufmunternd zurief: „Mit jedem ,Merhaba‘, das wir an einen anderen richten, lösen sich auch jene alten Bilder, die sich über die anderen in unserem Kopf festgesetzt haben“.

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