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Das hat mit seinem Singen der Theodorakis getan

Ein multimediales Buch mit Musik, Filmmaterial, Fotos und Texten zur Annäherung an den Komponisten

Mit zwölf komponierte er seine ersten Lieder. Als er 17 war, hielten ihn während eines Verhörs drei Männer fest, während zwei andere ihm einen Fingernagel herausrissen und ein Dritter ihm die Fragen der italienischen Folterer dolmetschte. Er war 34, da stand er in London im Covent Garden Theatre auf der Bühne. Rudolf Nurejew und Margot Fonteyn hatten unter der Leitung von John Cranko sein Antigone-Ballett aufgeführt. Die Rede ist von Mikis Theodorakis. Asteris Kutulas hat einen schönen Bildband über den griechischen Komponisten vorgelegt, dem zwei CDs und eine DVD beigelegt sind.

Die Bandbreite seines Schaffens wird hörbar von den an Olivier Messiaen – Theodorakis studierte fast ein halben Jahrzehnt bei ihm in Paris – geschulten kammermusikalischen Stücken über die Verwandlung von Pablo Nerudas „Canto General“ in ein revolutionäres Oratorium bis hin zu den späten Opern.

Man muss das Buch dazu lesen. Zum Beispiel auf Seite 72: „Erlass Nr. 13 der Armee: 1. Wir haben beschlossen und befehlen: Es ist im ganzen Land verboten, Musik und Lieder des Komponisten Mikis Theodorakis … zu verbreiten oder zu spielen, diese Musik ist u.a. als Bündnis mit dem Kommunismus zu betrachten… 2. Die Bürger, die dieser Bekanntmachung zuwider handeln, sind vor ein Sondergericht zu stellen und werden dort nach dem Paragraphen „Belagerungszustand“ verurteilt. Athen, den 1.6. 1967, General Odysseas Angelis.“ Das war nicht einmal sechs Wochen nach dem nach Nato-Plan durchgeführten Militärputsch. Im August 1967 wurde Mikis Theodorakis verhaftet und gefoltert.

Lesen muss man das Buch auch, weil Theodorakis zu erzählen versteht. Wenn er zum Beispiel berichtet, dass sein Onkel fand, „Michalis“ sei ein bäurischer Vorname. Der Junge solle einen kosmopolitischen Vornamen haben. Der Onkel fand Micky Maus sei das Modernste überhaupt, und so nannte man ihn von nun an nach der amerikanischen Comicfigur Mikis. Er war gerade vier Jahre alt, und als er sich dann hätte wehren können, war es zu spät.

Byzantinische Noten nahmen einen komplizierten Weg durch die Geschichte

Der Wunsch, die Moderne mit der Tradition zu verbinden, ist ihm geblieben. Freilich war er so modern, dass er sich seine Tradition selbst suchte. Zum Beispiel in der Verbannung. 1968 in dem Bergdorf Zatouna in Arkadien: „Der Dorfpfarrer half mir; er lehrte mich auch das Lesen byzantinischer Noten.“ Diese Tradition war komplizierte Wege gegangen, aus der Antike über Byzanz ins osmanische Reich und zurück nach Griechenland als etwas Neues, das doch das Älteste gewesen war. Theodorakis hat sich für diese Wege und Straßen nicht nur interessiert, er hat sie inkorporiert.

Aber es geht nicht nur um die Klugheit des forschenden Komponisten. Es geht auch um seine immer wieder bedrohte politische Aufrichtigkeit. Asteris Kutulas zitiert sein Tagebuch vom 18. Oktober 1982: „Die Wahrheit ist doch, dass der Sozialismus zwei Fragen nicht klären kann: die der Demokratie und die des Machtmissbrauchs. Darum bin ich gegen das System… Wie kannst Du nur hier leben?! In diesem Staat wäre ich entweder im Gefängnis oder tot.“

Aber da ist auch die Schönheit, der Glanz, der nicht blenden, sondern hell machen soll. Wenn er am Pult stand, mit ausgebreiteten Armen und dichtem schwarzen Haar, begeistert mitsingend Chor und Orchester anfeuerte, dann weckte er im Publikum den mimetischen Impuls, also das Verlangen, es ihm nachzutun und mitzusingen mit allen anderen, einzustimmen in die Begeisterung. Selbst der größte Tanzmuffel wollte raus aus seinem steifen Körper und sich mit allen anderen bewegen zu dieser Musik. Wer das erlebte, bei dem bewirken manche Fotos in dem Buch – zum Beispiel die vom ersten öffentlichen Auftritt von Theodorakis nach dem Sturz der Junta am 9. Oktober 1974 im Karaiskakis-Stadion in Athen –, dass er erst eine Gänsehaut bekommt, ihm dann die Tränen in die Augen treten, und endlich möchte er aufspringen und etwas tun. Die Verhältnisse zum Tanzen bringen oder doch wenigstens sich. Das hat mit seinem Singen Theodorakis getan.

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