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"Das evangelische Pfarrhaus" Vom Land und vom Rand aus gesehen

Nicht nur Hermann Hesse und Angela Merkel, Friedrich Nietzsche und Gudrun Ensslin: Cord Aschenbrenner wirft einen weiteren, aber doch ganz eigenen Blick auf „Das evangelische Pfarrhaus“, indem er eine Familiengeschichte erzählt.

27.09.2015 16:01
Ruth Fühner
Treffpunkt Pfarrhaus, hier bei einer so genannten Taufvisite. Foto: © epd-bild / Rolf Zöllner

Wenn im ersten Satz eines Artikels „das evangelische Pfarrhaus“ vorkommt, kann man darauf wetten, dass im nächsten Namen wie Hermann Hesse oder Angela Merkel, Friedrich Nietzsche oder Gudrun Ensslin fallen werden. Das evangelische Pfarrhaus als Geburtsort von Genies und Gutmenschen, Nihilisten und Terroristen ist ein Klischee – und hat wie alle Klischees einen wahren Kern: Mitte des 19. Jahrhunderts waren, einer Rechnung der (altkatholischen) Gegenseite zufolge, gut die Hälfte der 1600 bekanntesten Deutschen Pastorenkinder.

Das evangelische Pfarrhaus gilt als exemplarische Verkörperung bürgerlichen Familienlebens. Und so herrscht in Zeiten, wo beide vom historischen Horizont zu kippen drohen, kein Mangel an Literatur darüber. Glücklicherweise fügt dem Cord Aschenbrenners Familiengeschichte „Das evangelische Pfarrhaus. 300 Jahre Glaube, Geist und Macht“ genügend Spezifisches hinzu, um spannende Lektüre zu bieten. Im Mittelpunkt steht die Familie (von) Hoerschelmann, die bis heute neun Generationen von Pastoren, Pröpsten und Professoren hervorgebracht hat.

Ursprünglich aus Thüringen kommend, wirkten die Hoerschelmanns vorwiegend im Baltikum, in Estland. Und so lässt sich das Buch auch lesen als Kontrastfolie zur Geschichte des Protestantismus im Deutschen Reich, die so, vom geographischen Rand her, selbst noch einmal deutlichere Kontur gewinnt.

Die Geschichte der deutschen Diaspora im Baltikum reicht zurück in die Zeiten der Hanse, als Reval/Tallinn praktisch eine deutsche Stadt war. Die Herrschaft der Schweden und danach der Russen überlebte der Standesdünkel des deutschen Adels ungebrochen, umso mehr, als Katharina II. mit Privilegien neue Siedler aus dem Westen anlockte. Erst Ende des 19. Jahrhunderts gerieten sie unter doppelten Druck: durch die Russifizierungspolitik der Zaren einerseits, andererseits durch die estnische Nationalbewegung, die die Unterdrückung durch die deutsche Oberschicht endlich abschütteln wollte. 1939, im Gefolge des Hitler-Stalin-Paktes, siedelten die meisten Deutschen aus dem Baltikum „freiwillig“ ins Reich über.

Die Pfarrer rangierten nicht eben weit oben

Die gesellschaftliche Stellung der Pastoren im Baltikum war eine ganz andere als etwa in Preußen. Dort wurde der Protestantismus zwar zur Staatsreligion, doch die Pfarrer rangierten nicht eben weit oben in der sozialen Hierarchie. Im Baltikum hingegen verkehrte man auf Augenhöhe mit der deutschen Oberschicht. Man lebte weitgehend auf und von bäuerlichem Land. In der tiefen Abgeschiedenheit ländlicher Gemeinden ebenso wie in der Revaler Dompropstei (beides kannten die Hoerschelmanns) war das Teilen von Bildung und musischen Interessen überlebenswichtig.

Gestützt auf Chroniken und Erinnerungsschriften, geht der Historiker und Journalist Aschenbrenner auch den unterschiedlichen Strömungen innerhalb des Protestantismus in der Familiengeschichte der Hoerschelmanns nach – es gab unter ihnen Aufklärer und Pietisten, Weltoffene und Innerlichkeitsorientierte. Kaum einer unter ihnen allerdings, der nicht versuchte, auf seine Weise die Kluft zwischen estnischen Bauern und deutscher Oberschicht zu überwinden – ob im patriarchalischen Bewusstsein gottgegebener Autorität oder aus Überzeugung von der Gleichwertigkeit aller Menschen. Politik war dabei – zumindest explizit – nie ein Thema. Gotthard Hoerschelmann allerdings, 1939 in den Warthegau umgesiedelt, wählte, um nicht als Wehrmachtspfarrer Hitler ins Gebet aufnehmen zu müssen, den Posten eines Russischdolmetschers und bezahlte dafür mit zehn Jahren Kriegsgefangenschaft.

Aschenbrenner zeichnet, bedingt durch die Quellenlage, ein weitgehend freundliches Bild dieser Pastorenfamilie. Dennoch ist sein Buch keine Apologie des evangelischen Pfarrhauses. Immer wieder weitet er den Blick über die Hoerschelmanns hinaus, etwa auf den Konflikt zwischen Deutschen Christen und Bekennender Kirche. Dass es Pastoren gab, die sich ihrer Mordtaten an der Ostfront rühmten, verschweigt er nicht. Auch nicht die Schwierigkeiten der evangelischen Kirche, sich – trotz „Stuttgarter Bekenntnis“ – nach 1945 ihrer Verantwortung zu stellen. Und nicht die systemkonformen Pfarrer der DDR, zu denen übrigens der Vater Angela Merkels gehörte. So ist der Spagat zwischen allgemeinem Anspruch – „das evangelische Pfarrhaus“ – und exemplarischer Darstellung – „eine Familiengeschichte“ – erstaunlich gut und lesenswert gelungen.

Cord Aschenbrenner: Das Evangelische Pfarrhaus. 300 Jahre Glaube, Geist und Macht: Eine Familiengeschichte. Siedler, München 2015. 368 Seiten, 24,99 Euro.

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