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Das Beste draus machen

Kapitalismuskritik mit Karl Marx, Dekonstruktivismus mit Judith Butler - oder beides? Ein Sammelband versucht Positionsbestimmungen der aktuellen feministischen Theorie

10.11.2003 00:11
RAPHAELA KULA

Zum aktuellen Stand der feministischen Debatte ist im Ulrike Helmer Verlag ein ungewöhnlicher Band erschienen mit dem Titel Hand aufs dekonstruierte Herz - und dieser Titel ist Programm. Sehr persönlich und konkret reflektieren die Autorinnen "eigene politische Erfahrungen und die Geschichte dieser Erfahrungen"; und sie tun dies in Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen (feministischen) Diskurs, der sich bekanntlich Anfang der neunziger Jahre von marxistisch beeinflussten Positionen immer stärker dem Dekonstruktivismus zugewendet hat. Die Offenheit, mit der die hier versammelten Autorinnen ihr Thema angehen, lässt ihre Perspektiven und Positionen nachvollziehbar, allerdings auch angreifbar werden: Gemeint sind ihre Beiträge als Angebot zur Debatte.

Hat die feministische Bewegung ihre Ziele erreicht oder ist sie systemimmanent, gezähmt und integriert? Claudia Koppert versucht eine Bestandsaufnahme: Die feministische Bewegung konnte zwar, ausgehend von einem starken "Wir" und selbstbewussten "Ichs", einige gesellschaftliche Veränderungen erkämpfen. Aber das Erreichte erfüllte nicht unbedingt das Erwünschte, Erhoffte. Ideologischer Streit und persönliche Enttäuschung, auch über die teilweise gescheiterte Suche nach alternativen, gemeinschaftlichen Lebensformen, habe zu dem Gefühl geführt, dass irgendwie nichts richtig geht. "An dem Punkt machen selbst wir, was fast alle Frauen immerzu versuchen: das Beste daraus."

Geld verdienen, arbeiten lassen

Maria do Mar Castro Varela schlägt zur Überwindung dieses "Zustandes von Lähmung und Leere" die Entwicklung einer oppositionellen Politik vor. Es bleibt die altbekannte Frage nach dem politischem Subjekt. Im Westen gelte, dass eine emanzipierte Frau ihr Geld selbst zu verdienen und karrierebewusst zu sein habe. Selbstverständlich würde die Akademikerin oder Managerin im Gegensatz zur gebrochen deutsch sprechenden Putzfrau oder Arbeiterin als emanzipiert betrachtet. Hier biete die dekonstruktivistische Theorie neue Denkmöglichkeiten und Denkräume, um einen Umgang mit gesellschaftlichen Widersprüchen zu finden, bisherige feministische Strategien zu überdenken und neue utopische Phantasien zu entwickeln.

Aber ist eine konstruktive Auseinandersetzung überhaupt möglich - oder ist der Generationenkonflikt unter Feministinnen unüberbrückbar? Die einen fordern, der Zweigeschlechtlickeit radikal den Kampf anzusagen, die anderen glauben sich bereits am Ziel. Beate Selders ist skeptisch, weil sie hier gänzlich unterschiedliche Argumentationslinien einander gegenüber stehen sieht. Unangebracht sei das angstvolle oder auch überhebliche Zurückweichen vor Überlegungen, die erkämpften feministischen Werte infrage stellen. An den Dekonstruktivistinnen bemängelt Selders, sie blendeten gesellschaftliche Strukturen "wie die Verteilung von Einkommen und Besitz, der Zugang zu Machtpositionen, die Arbeitsteilung und die Organisation der Reproduktion" aus, die aber doch die materiellen Bedingungen für das Geschlechterverhältnis darstellten. So würde es "ausgesprochen schwierig, noch eine Vorstellung davon zu bekommen, wo und wie gesellschaftliche Veränderungsprozesse ablaufen könnten". Als ebenso problematisch bewertet sie es auch, wenn Dekonstruktivistinnen jegliche Art von Identitätspolitik als falsch und unbrauchbar zurückwiesen.

Zu einer gänzlich anderen Einschätzung kommen Patricia Purtschert und Maja Ruef in ihrem Briefwechsel über die Entwicklung des Feminismus in den neunziger Jahren. Die Frauenbewegung ihrer Mütter und die erreichten Ziele können sie nur kritisch bewerten: Gemessen an den einstigen politischen großen Ziele erschienen die real gelebten Lebensentwürfe der Vorkämpferinnen widersprüchlich und zwiespältig. Als junge Feministinnen der heutigen Gesellschaft fänden sie kaum Bezüge und keine Verortung im Angebotenem, Tradierten. Zudem nerve sie der stets unterschwellige Vorwurf, die junge Generation habe keinen Kampfgeist. Angesichts der komplexen und widersprüchlichen gesellschaftlichen Verhältnisse begreifen Purtschert und Ruef dekonstruktivistische Theorien als adäquates und notwendiges Rüstzeug, als Bereicherung und auch als Angebot, Streit und Konflikt als positive Triebkräfte zu verstehen. Die Abkehr von "revolutionären Umsturzphantasien" ermögliche netzwerkartige Strukturen der feministischen Bewegung. "Feministische Politik lässt sich kaum mehr als gemeinsames Programm formulieren; sie besteht vielmehr aus punktuellen Interventionen. Flexible und kontextabhängige Strategien wie das Gender-Mainstreaming tragen diesen Veränderungen Rechnung."

Zitieren oder bloß imitieren?

Spätestens seit Judith Butler sehen dekonstruktivistische Feministinnen in der Parodie gern eine gesellschaftsverändernde Strategie: Durch "das subversive Zitieren" von Geschlechtercodes gelänge es, gängige Vorstellungen zu unterlaufen und ihre Bedeutungen zu verschieben. Selders hinterfragt diese Wirkung der Parodie, da diese sich immerhin noch an der Norm orientiere und diese somit bestätige - ein weiterer unlösbarer Konfliktpunkt im Streit zwischen den Generationen? Immerhin, die Hoffnung auf eine neue feministische Visionen, unter der ältere und jüngere klingt an, wenn Purtschert resümiert: "Vielleicht steht eine (post)marxistische Wende des Feminismus an: eine kapitalismuskritische, dekonstruktive, offene und zugleich verbindliche Analyse, welche sich der Verschränkung von Geschlecht, globaler Ungleichheit und Kapital annimmt."

Ein anregender Sammelband, der Interesse an feministischen Positionen weckt und Lust auf eine weitergehende Auseinandersetzung vermittelt.

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