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Das abgestorbene Innenleben

Julia Francks zweiter Roman verfolgt die Biografie einer Frau durch ein halbes Jahrhundert

18.09.2007 00:09
CHRISTOPH SCHRÖDER

Der Krieg ist beinahe vorbei, der Schrecken hat ein absehbares Ende. Die Menschen fliehen vor den Russen aus Stettin; eine Mutter nimmt ihren Sohn an die Hand; beide steigen in einen Zug. Am nächsten Umsteigebahnhof sagt sie "Ich bin gleich zurück, wart hier." Der Junge wartet. Die Sonne geht unter, irgendwann fallen dem Jungen die Augen zu. Als er wieder aufwacht, ist die Mutter noch immer nicht wieder da. Sie wird erst viele Jahre später zurückkommen.

Der Prolog ist ein beklemmender und atmosphärisch dichter Einstieg in einen Roman, der den Moment dieses ungeheuerlichen Entschlusses, das eigene Kind am Bahnhof zurückzulassen, aufzuschlüsseln und zu erklären versucht.

"Die Mittagsfrau" erzählt von einem Leben über zwei Weltkriege hinweg, von einer Kindheit in der Lausitz, die durch die Rückkehr des Vaters aus dem ersten Krieg eine völlig neue Wendung bekommt. Von der jüdischen Mutter, die hier nicht hineinpasst und von den Bewohnern Bautzens misstrauisch beäugt wird. Von der Beziehung Helenes zu ihrer älteren Schwester Martha, in der ein fein austariertes Verhältnis von (sexueller) Anziehung und Machtausübung herrscht.

Langer Anlauf

Leider hält "Die Mittagsfrau" nicht, was der aus der Sicht des kleinen Peter geschriebene Prolog verspricht. Es braucht einen langen, zu langen Anlauf, bis das Buch wieder Erzähltempo aufnimmt. Helene entwickelt sich nach dem Tod des Vaters zu einer eigenständigen, klugen und selbstbewussten jungen Frau, die gemeinsam mit der Schwester beschließt, die Mutter in eine psychiatrische Anstalt zu geben und nach Berlin zu gehen.

Dort finden sie Unterkunft bei der Tante, die ein ausschweifendes Bohème-Leben führt, während im Hintergrund bereits der Nationalsozialismus lauert. Spätestens hier wird man misstrauisch - man glaubt, diese Szenen schon mindestens einmal irgendwo gesehen und gelesen zu haben; sie wirken wie Abziehbilder, die Julia Franck in die Kulissen der Zwanzigerjahre hineingeklebt hat.

Es geschieht ziemlich viel, ein knappes halbes Jahrhundert wird durchlebt. Und doch ist "Die Mittagsfrau" ein irritierendes, unsinnliches Leseerlebnis. Den Grund der Irritation stellt man erst nach einiger Zeit fest: "Die Mittagsfrau" liest sich passagenweise wie das Drehbuch zu einer Verfilmung des Romans "Die Mittagsfrau" (die es mit Sicherheit auch irgendwann geben wird), so brav werden die Lebensphasen der Protagonistin hintereinander abgehakt, so blutleer und hölzern bleibt Julia Francks Sprache über weite Passagen, die immerhin von einer Frau erzählt, die sowohl persönliche Demütigungen und Schicksalsschläge zu ertragen hat als auch eine düstere historische Epoche durchläuft.

Allein - das Leidenspotential, das hinter diesen Geschehnissen steckt, erscheint als bloße Behauptung und nicht als literarisch ausgearbeitete Gefühlslage. Kurz - es mangelt diesem Roman an Leidenschaft und an sprachlicher Differenzierung.

So kommt es auch, dass der Auslöser für Helenes spätere emotionale Versteinerung, der Unfalltod ihres Verlobten Carl und dessen Folgen, mit der gleichen Distanz erzählt werden wie das angeblich erst daraufhin abgestorbene Innenleben Helenes. Danach macht sie weiter, arbeitet als Krankenschwester, gliedert ihre Tage in "überschaubare und regelmäßige Einteilungen", um alles aushalten zu können.

Hin und wieder erliegt Julia Franck, die ansonsten stets dicht an ihrer Protagonistin bleibt, der in historischen Romanen nahe liegenden Versuchung einer rückwirkenden Kommentierung: "Helene brachte den Frauen ihre Säuglinge aus dem Säuglingszimmer und legte sie ihnen an die Brüste. Rosa gesunde Kinder saugten süße Milch aus den gefüllten Brüsten ihrer Mütter, während ihre Väter fern im Osten und im Westen, zu Land, See und Luft an der Front kämpften und die Aushungerung Leningrads überwachten." Das ist nicht nur ein höchst banales Bild, es sind zudem Sätze, die aus der Erzählperspektive herausfallen.

Kleine Unebenheiten

Wie mit den nicht wenigen kleinen Unebenheiten in diesem Roman, so ist es auch im Großen und Ganzen: Es wäre ungerecht zu behaupten, dass "Die Mittagsfrau" ein komplett misslungenes Buch wäre, und doch ruft es an vielen Stellen Missfallen hervor, weil es in jeder Hinsicht nahe am Klischee angesiedelt ist.

Das ist vor allem an den Männern festzumachen. Die kann Julia Franck, um es salopp zu sagen, überhaupt nicht. Während die Frauenfiguren zumindest teilweise psychologisch ausdifferenziert sind, so beispielsweise die der tyrannischen Mutter, die später in den Wahnsinn kippt, sind die Männer bloße Pappkameraden: Entweder sind sie, wie der Vater, vom Krieg gezeichnete Wracks, oder es sind gierige und brutale Grapscher oder stramme Nazis oder ein wenig weltfremde, vertrottelte Idealisten.

Unter anderem dies lässt auch wiederum Helenes Beziehung zu Carl mit all ihren Folgen so unglaubwürdig wirken: Wie, so fragt man sich, soll ein solcher Mann eine so nachhaltige Wirkung gehabt haben können?

Helene lernt Wilhelm kennen, einen Ingenieur, der vom Aufbruchgedanken des Nationalsozialismus begeistert ist. Diese Begeisterung, die Helene vollkommen fehlt, und die schlichte Überlegung, einfach weitermachen zu müssen, auf welche Weise auch immer, bewegt sie dazu, nach drei Jahren des Werbens Wilhelms Heiratsantrag anzunehmen. Wilhelm besorgt Helene einen arischen Stammbaum und verbietet ihr, künftig in jüdischen Geschäften einzukaufen.

Diese letzten rund 100 Seiten des Romans sind seine stärksten. Wie Julia Franck die Intimhölle der Ehe mit einem so selbstsüchtigen, tyrannischen und zugleich weinerlichen Mann schildert; die Teilnahmslosigkeit Helenes, die nun Alice heißt, die sich steigernde Wut Wilhelms, die kleinen und großen Drangsalierungen und Demütigungen; die gleichgültigen bis brutalen Geschlechtsakte - das ist höchst gekonnt und berührend. Da spürt man, was aus diesem Buch hätte werden können, nämlich mehr als nur eine gute Geschichte.

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