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Dariusz Muszer "Schädelfeld" Die eigene Sippe retten

Dariusz Muszers neuer, glänzend unterhaltsamer Roman „Schädelfeld“ schickt Menschen auf Abwege ins Multiversum.

11.03.2016 16:38
Artur Becker
Wenn es dort letztlich auch Menschen gäbe, wäre der Mars gar nicht so fremd. Das „Marathon-Tal“, fotografiert vom kleinen Nasa-Rover Opportunity. Foto: REUTERS

Den polnischen Schriftsteller Dariusz Muszer, geboren 1959 im Lebuser Land, kennt man hierzulande durch sein deutsches Romandebüt „Freiheit riecht nach Vanille“ von 1999: Das hinreißende Buch voller grotesker Komik erzählt von dem osteuropäischen Massenmörder Naletnik, einem trotz seiner dunklen Profession sympathischen Schelm, und ist schnell zu einem Glanzstück der Migrationsliteratur avanciert.

In Polen, das Muszer Ende der Achtziger wegen einer drohenden Gefängnisstrafe für seine regimekritische Haltung verlassen musste, gehört er zu einer seltenen Spezies: Er schreibt mit Erfolg sowohl in seiner Muttersprache als auch auf Deutsch. Der ehemalige Dissident der Solidarnosc-Ära bezeichnet sich auch ungerne als einen Emigranten, obwohl er seit 1988 in Hannover lebt. Im Prinzip führt er ein Doppelleben: in der BRD mit seinen auf Deutsch verfassten, grotesk-absurden Romanen, in seiner Heimat – stets aufwieglerisch – mit seinen polnischen Büchern. Zudem ist er Übersetzer, auch seiner eigenen deutschen Werke. Seit 1982 entstand so ein abwechslungsreiches Oeuvre, das den Philologen in beiden Ländern einiges Kopfzerbrechen bereitet.

Auch sein neuestes Werk „Schädelfeld“ beschäftigt sich mit dem Problem der Freiheit des Individuums und ist als eine Parabel gedacht, die unsere moderne Epoche samt ihrer Hypokrisien und selbst verschuldeter Tragödien mehr oder weniger aufs Korn nimmt. „Schädelfeld“ kommt zwar im Gewand eines utopischen Science-Fiction-Romans à la Lem daher. Die Abenteuer der „Multiversumrassen“ auf einer Parallelerde täuschen aber nicht darüber hinweg, dass Muszer in Wirklichkeit über unsere irdischen Schädelfelder schreibt. Und wir alle kennen die Konzentrationslager des 20. Jahrhunderts nicht nur als etwas, das nie hätte passieren dürfen, sondern auch als eine Ausgeburt unserer gescheiterten Utopien und Ideologien, die erst den Alptraum auf Erden wahr gemacht haben.

Muszer ist vor allem aber ein glänzender Unterhalter: In „Schädelfeld“ wird die Geschichte von den ewigen Rivalen Triglahn und Kalong erzählt, die auf der Parallelerde einen privaten Krieg führen. Dabei stehen beide im ständigen Zwist mit der regierenden und mörderischen Union: Triglahn als ihr blutrünstiger Leutnant und Kalong als ein gutherziger Outsider. Die postopakalyptische Welt, in der sie sich täglich mit Schlitzohrigkeit durchschlagen müssen, erinnert an die „Mad Max“-Filmreihe.

„Star Wars“ und „Mad Max“

Doch Muszer wäre nicht Muszer, wenn er nicht einen explosiven Mix aus „Star Wars“, „Star Trek“, „Mad Max“, Kurt Vonneguts „Galapagos“ und den utopischen Romanen „Shikasta“ und „Die sirianischen Versuche“ von Doris Lessing gebraut hätte. Und so scheinen Triglahn und Kalong irdische Zeitgenossen zu sein: mit all ihren menschlichen Schwächen, ihrer Sehnsucht nach Freiheit, ihrer Moralvorstellung, die in ihren kriegerischen Zeiten unter dem Relativismus des Bösen leidet. Aber ihre Parallelerde, auf der sie im Namen ihrer eigenen Freiheitsvorstellung agieren, wird von unzähligen fremdartigen Spezies des „Multiversums“ bevölkert, die nur eines im Sinn haben: Die Rettung ihrer Sippe vor dem Aussterben. Da sind die Kannibalen, die sogenannten „Metzger“ der Union; „Lunakis“, die „Grauen“ vom Mond; „Buddler“ vom Schädelfeld, die überlebensnotwendiges Knochenmehl herstellen; „Dazwischer“, humanoide Roboter; und da sind die „Wächter des Multiversmus“, die die unzähligen Menschheiten auf verschiedene Planeten verteilen, damit sich jede Spezies ihrem Bewusstsein entsprechend entwickeln kann.

Was diesen Roman so fesselnd macht, sind die penibel ausgearbeiteten Charaktere der Hauptfiguren, von denen jede eine plausible Vorgeschichte einbringt. Und noch etwas: Die Liebesgeschichte zwischen Kalong und Liv, die der Outsider aus den Händen Triglahns und seiner Metzgerbrüder rettet, drückt nicht auf die Tränendrüsen des Fantasyliebhabers. Sie trägt psychologisch den ganzen Handlungsrahmen, denn sie ist in dieser Postapokalypse die einzige Hoffnung auf bessere Zeiten.

Die Frage lautet aber: Möchte man im „Multiversum“ leben? Nein, natürlich nicht, aber die gleiche Frage müssen wir uns auf der Erde stellen: Ob wir auf einem Planeten leben wollen, den wir – wie „Schädelfeld“ suggeriert – jederzeit in ein Inferno verwandeln können. Man muss diesen wunderbar verrückten Roman in erster Linie als Warnung an die Menschheit verstehen, die mit dem Feuer spielt und eigentlich nur eine Aufgabe hat: Eine Utopie zu realisieren, in der Konzentrationslager und Massenvernichtungswaffen keinen Platz mehr haben. Dariusz Muszer ist ein Moralist par excellence, der getrost zu den Guten gezählt werden darf, denn – so der polnische Autor – die Freiheit sei ein Gut, das man um jeden Preis verteidigen müsse.

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