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Daniel Galera: "Flut" Die Gezeiten der Entscheidung

Daniel Galeras unerschüttlerlich lakonischer Roman "Flut" ist eine auch monumentale Parabel über den Gezeitenwechsel von Vergegenwärtigung und Vergessen, Selbstfindung, die Versicherung des eigenen Ich und den Ichverlust - und wegen seiner mächtigen existentialistischen Grundströmung eine über den freien Willen und den Determinismus.

Daniel Galera. Foto: Raul Krebs/Suhrkamp

Alles, lautet die goldene Regel an einer Stelle, „was man erobern müsse, bereitet später Probleme“. Diese Kalenderweisheit einer Chilenin, die zu diesem Zeitpunkt noch keinen Namen hat, ist als Flirt gedacht, doch im Grunde gilt sie, denn hier weiß der Leser (einmal) mehr als der Erzähler, auch für andere Annäherungsversuche, nicht nur erotische Geplänkel, sexuelle Teilzeitabsichten, die für die Hauptfigur existentiell wichtig sind. Also doch kein Spruch, keine Weisheit letzter Schluss, kein Klischee?

Erobert will die Erinnerung sein, den „Gerüchten, Legenden, pittoresken Geschichten“ entrissen werden soll das mysteriöse Geschehen rund um den Tod des Großvaters. Zu diesem Zweck ist der Erzähler aufgebrochen, in Unruhe versetzt von seinem Vater, der, nachdem er die Geschichte von einer nie aufgeklärten Bluttat, womöglich einem Ritualmord an dem Großvater dem Sohn erzählt hat, sich vor dessen Augen erschießt.

Als Daniel Galera vor einem Jahr mit 33 Jahren seinen Roman „Flut“ in Brasilien veröffentlichte, schickte der Autor einen namenlosen, gleichaltrigen Erzähler auf eine Reise in das Dorf Garopaba an der Südküste Brasiliens, einen Schwimmer und Ex-Triathleten, der, das geschieht so bei ultimativen Aufbrüchen, in seinen uralten Wagen nur das Unumgängliche hineinwirft. Allein wichtig sind die Medaille, die ihn als Teilnehmer des Ironman von Hawaii ausweist, das Fleischermesser, ein Erbstück des Vaters, und Beta, die Schäferhündin, die er entgegen dem letzten Willen des Vaters nicht hat einschläfern lassen. Eine existentielle Entscheidung ist auch das.

Bereits vor dem Spiegel hatte der Erzähler sein Gesicht zurückerobern wollen, leidet doch der Namenlose, und deswegen erscheinen ihm selbst die vertrautesten Menschen zunächst stets wie Fremde, an einer neurologischen Störung, die ihn Gesichter binnen Minuten vergessen lässt, so dass er, als er seinem Vater gegenübersitzt, nicht von ungefähr auf ihn zoomt: „Er sieht eine knollige Nase, glänzend und porös wie eine Mandarinenschale.“ Das ist, im Anschluss an die Vorrede, der erste Satz.

Väter ließen sich gnädiger sehen, zumal zum Freitod wild entschlossene Väter, aber in dem Roman Galeras geht es nicht um einen milden Blick, sondern um einen unerschütterlich minutiösen. Mit dem ersten Satz, der Erinnerung an die poröse Nase, sind die Dinge und Menschen unter ein Vergrößerungsglas gelegt, eine Lupe der unheimlichen Art. Nichts, was anschließend nicht porös würde.

In dem Dorf stehen die Dinge nicht gut, der Atlantik wird industriell leergefischt, das Weltmeer ernährt nicht mehr die einheimischen Fischer. Ebbe, das muss man, so wie es aussieht, so sagen. Ausgesetzt ist der Eindringling in Garopaba einem bleiern durchgehaltenen Schweigen. In dem Enkel, der auf den Spuren des Großvaters Nachforschungen anstellt, sieht die Gesellschaft von Garopaba einen Außenseiter, unausgesprochen die Wiederkehr des Großvaters, der als „Gaucho“ verfemt wurde, ein Stigma, das ihm zum offenbar tödlichen Verhängnis wurde.

Als Inkarnation des „Gauchos“, des Argentiniers, des Ausländers, bekommt auch der Enkel richtig Ärger, seine Suche nach dem Ahnen, obendrein eine auf den Spuren seiner eigenen Identität, konfrontiert den Fremden mit den Identitätsproblemen der brasilianischen Gesellschaft, einem dem Anschein nach massiven Ausländerproblem (und warum sollte der Leser diesem Anschein misstrauen).

Mit der Eroberung fangen die Identitätsprobleme an, Probleme in einem Schritt für Schritt entwickelten Roman, hinter dessen fabelhaft transparenten Sätzen eine weitere Geschichte erzählt wird, eine nicht greifbare, als wäre der magische Realismus neu erwacht, einer, der nicht an den wuchernden „tropicalismo“ erinnert, sondern an die illusionslose Härte eines Carlos Onetti. Ein magischer Existentialismus auch hier: „Die Entscheidung existiert hier und jetzt, sie ist etwas, das passiert und bestimmte Konsequenzen hat, so wie jede Entscheidung“.

Zum fiebrigen Zurechtfinden in der Wirklichkeit gehört die Parallelwelt „skizzenhafter“ Tagträume, „die niemals zu einem nennenswerten Ende“ kommen. In diesem Dorf mit seinen Strandgutexistenzen, Halunken, Dealern, gewaltbereiten Aussteigern, rufen die Nachforschungen des Sportlers, der Surfschülern Lektionen erteilt, Misstrauen hervor. Für den Leser ist es kein Wunder, dass es die Sache nicht besser macht, wenn er sich mit einer jungen Frau aus dem Ort zusammentut, während die Ex, Viv, ihm gelegentlich Nachrichten zukommen lässt aus São Paulo, wo sie mittlerweile mit dem Bruder des Erzählers zusammenlebt. Dass sie schließlich (Kapitel 13) schwanger ist, promoviert ihn zum Onkel.

Gewalttaten geschehen, die die Gemeinschaft gleichgültig lassen. Und während die Saison in diesem Dorf der toten Seelen zu Ende geht, scheint der 33-jährige Bärtige dem Großvater auf die Spur gekommen zu sein, in einer Höhle kommt es zu einer surrealen Begegnung (fulminant erzählt, wie vieles). Begleitet von dem Hund, der ihm ein „lebendiges Totem“ scheint, verbohrten sich die Nachforschungen zuvor in die Desorientierung. Ist er jetzt am Ziel?

Galeras Roman ist eine auch monumentale Parabel über den Gezeitenwechsel von Vergegenwärtigung und Vergessen, Selbstfindung, die Versicherung des eigenen Ich und den Ichverlust, und wegen seiner mächtigen existentialistischen Grundströmung eine über den freien Willen und den Determinismus.

Den Schwimmer, der sich stundenlang im offenen Meer verausgabt, stürzen seine Eroberungen schließlich in Lebensgefahr. Sich verlierend in seiner Suche, verläuft er sich in einem bewaldeten Hügel, an einem Steilufer, oberhalb des nächtlichen Meeres, über einer dunklen Masse Meer, in einer undurchdringlichen Nacht, womit die atmosphärische Dichte dieses Romans nicht ihrem ersten Höhepunkt entgegenstrebt, einem auch nicht letzten, mit der das Eindringen in die Natur von dieser nicht so ohne weiteres hingenommen wird. Den Eindringling aufnehmend, erobert sie sich ihr undurchdringlich-uneinnehmbares Terrain zurück.

Nachdem er von der Felskante abstürzte und der Ozean den Meisterschwimmer eine ganze Nacht gefangen hielt, wird er wieder ans Ufer ausgespuckt. So ist die Flut! Naturgesetzlich von einer ungeheuren Beiläufigkeit. Mythologisch aber was, etwa: mehr? Mit dem Ausspucken des Meersaumgeborenen findet eine Neugeburt statt, mit der Ejakulation des Eroberers durch das Meer eine Bereinigung, eine doppelte, die des Meeres, die des Schwimmenden, der davon nichts weiß. Wie auch in dieser magischen Geschichte von weitläufigster Lakonie.

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