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DAGMAR PöPPING Lob der Langeweile

Edgar Wolfrums Geschichte der Bundesrepublik

16.03.2006 00:03
Wortreich demonstriert die gewerkschaftsjugend 1954 gegen die Widerbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland. Foto: dpa

Die Zäsur der deutschen Geschichte ist die Geschichte der Bundesrepublik selbst, schrieb der Historiker Hans-Peter Schwarz 1990. Schwarz fand die 1945 schlagartig einsetzende zivilisierte Ruhe in Deutschland befremdlich. Er fragte sich, wie ein Volk, das noch bis 1945 als hochgradig "hysterisiert" galt, sich so schnell in eine unauffällige, ja langweilig stabile Bundesrepublik verwandeln konnte. Schwarz gefiel diese Ruhe nicht. Die Deutschen seien durch den Abgrund des Jahres 1945 von ihrer eigenen Geschichte abgeschnitten worden, beklagte er. Die Bundesrepublik sei deshalb "kontur- und perspektivlos".

Dieses wenig schmeichelhafte Bild hat sich grundlegend geändert. Heute porträtieren jüngere Historiker die Bundesrepublik als Erfolgsgeschichte. Zwar können auch sie noch über die nahezu langweilige Stabilität der bundesdeutschen Demokratie staunen. Doch finden sie gerade darin den Grundstein für eine neue nationale Identität, auf die man stolz sein kann. Das ist jedenfalls der Tenor von Edgar Wolfrums Geschichte der Bundesrepublik 1949 - 1990, die im Oktober 2005 in der renommierten Reihe des "Gebhardt" erschienen ist. Das bereits als neues Standardwerk gefeierte Lehrbuch des Heidelberger Professors für Zeitgeschichte gefiel dem Verlag so gut, dass es nun noch einmal unter dem Titel Die geglückte Demokratie erscheint - allerdings erweitert um eine Reihe von Bildern und um die Jahre 1945 bis 1949 und 1990 bis 2005. Während der "Gebhardt" ein Lehrbuch für Historiker ist, soll Die geglückte Demokratie ein breiteres Publikum erreichen.

Der Schwerpunkt liegt auf der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung. Im Unterschied zu anderen Darstellungen wird aber auch der Kulturgeschichte Platz eingeräumt. Die Kapitel über die mit wachsender Intensität geführten Identitäts- und Erinnerungsdebatten gehören zu den besten des Buches. Andere Abschnitte, wie die über Musik, Architektur und Lebensstile wirken dagegen nur illustrativ. Mehr noch als bei Heinrich August Winkler, der die deutsche Geschichte als "langen Weg nach Westen" beschrieben hat, geht es bei Wolfrum um die nachträgliche Akzeptanz und Anerkennung dieses Weges, der im Rückblick alternativlos erscheint. Daran hat auch der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik im Jahr 1990 nichts geändert. Der neue deutsche Nationalstaat ist in dieser Darstellung trotz aller Veränderungen, die die Wiedervereinigung mit sich brachte, nur eine vergrößerte Bundesrepublik.

Wolfrum beginnt mit der Befreiung der Konzentrationslager durch die Alliierten, doch schon bald tritt die 1949 gegründete Bundesrepublik aus dem düsteren Kraftfeld des Nationalsozialismus heraus. Die gesellschaftliche Entwicklung gewann schon in den fünfziger Jahren eine solche Dynamik, dass sie sich gegen alle Unkenrufe von links und rechts behauptete. Die standhafte Politik der Westbindung, der beginnende Kalte Krieg und nicht zuletzt das Wirtschaftswunder bewirkten, dass sich die Bundesbürger die politischen Standards des Westens aneigneten und dass aus ehemaligen Nazis überzeugte Demokraten wurden.

Dieser Phase der von Adenauer geprägten Kanzlerdemokratie, die unter dem Begriff der "Stabilisierung" analysiert wird, folgte Mitte der sechziger Jahre eine zweite Phase der "Pluralisierung": Vor dem Hintergrund eines neuen Wohlstandes setzten zahlreiche Reformdebatten ein. Oft ist man erstaunt über die scheinbar zyklische Wiederkehr längst vergessener Debatten wie die um den schlechten Bildungsstand der Deutschen, der schon Anfang der sechziger Jahre in einer Studie der OECD mit dem Bildungsstand in Uganda verglichen wurde und eine Bildungsoffensive nach sich zog.

Die größten Kritiker der Westintegration kamen in den fünfziger Jahren aus den Reihen der SPD. Sie fürchteten um die Chancen der deutschen Einheit. Mit der neuen Ostpolitik Brandts verteidigte die SPD plötzlich den Status Quo zweier deutscher Staaten. Nun allerdings wurde sie von der CDU des "nationalen Verrates" bezichtigt. Der Beginn der letzten Phase der Geschichte der Bundesrepublik, der "Internationalisierung", wird in den achtziger Jahren angesetzt und beschäftigt sich mit den Folgen der Globalisierung.

Die hier erzählte Erfolgsgeschichte gründet vor allem auf der gewaltigen Integrationskraft der Bundesrepublik. Innenpolitisch gelang ihr, was noch keinem deutschen Staat zuvor gelungen war: Arbeiterschaft und SPD söhnten sich mit dem Kapitalismus in Form der Sozialen Marktwirtschaft aus und die demokratiefeindliche Rechte wurde von CDU und FDP aufgesogen.

Nicht zu vergessen: die Integration von fast 9 Millionen Heimatvertriebenen aus den im Krieg verlorenen Ostgebieten, von 17 Millionen heimkehrenden Soldaten und zuletzt von 16 Millionen DDR-Bürgern. Hinzu kommen die außenpolitischen Integrationsleistungen der Bundesrepublik, verbürgt in der Westbindung Adenauers, der Ostpolitik Brandts und schließlich in der europäischen Integration. Sie wurden - zum Zeitpunkt ihrer Durchsetzung oft heiß umstritten - zum stabilen Fundament des außenpolitischen Handelns der Bundesrepublik bis heute.

Mit der Geglückten Demokratie empfiehlt sich Wolfrum als Vertreter einer neuen Generation von Historikern, die sich nach einer langen Phase des "post-nationalen Geschichtsbewusstseins" (Schwarz) wieder durch ein hohes Maß an Identifikation mit ihrer Nation auszeichnen. Doch im Unterschied zu früheren Generationen präsentiert er sich unaufdringlich, kritisch, weltoffen und durchaus optimistisch. Hier wird keine Krise diagnostiziert, um dann vom Katheder herab den Unwissenden den Weg zu weisen. Es geht um nüchterne Würdigung. Gegensätzliche historische Bewertungen stehen meist angenehm ausgewogen nebeneinander. Auch hier also eine hohe Integrationsleistung? So viel Harmonie mag manchem zu glatt erscheinen. Lehrreich ist sie alle Mal.

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