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Cormac McCarthy „Ein Kind Gottes“ Die Ermordung eines Rotkehlchens

Endlich auf Deutsch, auch wenn sich der Verlag merkwürdigerweise für eine Taschenbuchausgabe entschieden hat: Der frühe, dritte, sehr düstere Roman des großen Cormac McCarthy, „Ein Kind Gottes“.

03.12.2014 16:20
Christoph Schröder
Schön, aber nicht heil, und erst recht nicht im Roman von Cormac McCarthy: Tennessee. Foto: imago/All Canada Photos

Es gibt viele Szenen in diesem Roman, die als Beleg dafür dienen könnten, welche Ruchlosigkeit, welche Fühllosigkeit und welche Niedertracht Cormac McCarthy dem Menschen, und zwar jedem Menschen, zutraut. Nur eine davon, stellvertretend: Da findet sein Protagonist, „Held“ sollte man ihn keinesfalls nennen, Lester Ballard heißt er, ein halb erfrorenes Rotkehlchen, steckt es ein und geht zum Haus eines Bekannten, dessen grenzdebilen kleinen Sohn er den Vogel übergibt, „zum Spielen“, wie Ballard sagt.

Wenige Minuten später ist das Hemd des Jungen blutbefleckt, er kaut, der Vogel zappelt auf dem Boden, das Kind hat ihm die Beine abgebissen. „Hol ihm die Schweinerei aus dem Mund“, sagt die Mutter, als sie ins Zimmer kommt, zu ihrer älteren Tochter, „sonst wird ihm noch schlecht davon.“ Schnitt, Szenenende. Was gibt es dazu auch noch zu sagen?

Man darf derartige Episoden abstoßend finden, ekelhaft sogar, aber wer mit dem Universum des 1933 geborenen Cormac McCarthy einigermaßen vertraut ist, wer gerade seine frühen Romane wie „Outer Dark“ oder „Blood Meridian“ gelesen hat, kann von der Drastik der Darstellung zumindest nicht mehr überrascht werden.

„Ein Kind Gottes“ ist McCarthys dritter Roman, im Original erschienen im Jahr 1973 und nun erstmals überhaupt in deutscher Übersetzung erhältlich, als Taschenbuch. Eine erstaunliche Verlagsentscheidung angesichts der Größe und des Rangs eines Autors, der immerhin regelmäßig und völlig zurecht als Nobelpreis-Kandidat im Gespräch ist. Dass McCarthy den Preis, ebenso wenig wie Philip Roth, niemals bekommen wird, steht auf einem anderen Blatt.

Die Geschichte von „Ein Kind Gottes“ ist schnell erzählt. Es ist der Abstieg eines Mannes von ganz unten nach ganz ganz unten, hinab in Tiefen, für die die Vorstellungskraft nicht mehr ausreicht, weswegen wir uns, um Worte dafür zu finden, in die Semantik der Medizin und der Pathologie begeben müssten. Das tut McCarthy nicht. Er wertet nicht, er psychologisiert nicht, er erzählt mit größter Selbstverständlichkeit.

Ein willfähriges Werkzeug des Teufels

Tennessee, Anfang der sechziger Jahre. Lester Ballard verliert sein Heim; der Vater hat sich umgebracht, das Haus wird versteigert. Ballard ist eine typische McCarthy-Figur, Bruder im Geiste des namenlosen Jungen in „Blood Meridian“, über den es heißt, dass früh ein Hang zu sinnloser Gewalt in ihm gebrütet habe; ein, um in McCarthys alttestamentarisch aufgeladenem Kosmos zu bleiben, willfähriges Werkzeug des Teufels. Aber vielleicht auch, wie es gleich auf der zweiten Seite heißt, „ein Kind Gottes ganz wie man selbst“.

Das ist das Unheimliche an allen Büchern dieses Autors – dass das Böse nicht als Unfall und auch nicht versehentlich in die Welt gekommen ist, sondern dass es in uns schlummert, als Urgrund unseres Daseins. Ballard wird zum Vagabunden, zum Nekrophilen, zum Serienmörder. Eine einsame, verlorene Gestalt. Er streift durch das Land, findet ein junges, totes Liebespaar, nimmt die Frauenleiche mit, kleidet sie ein, lebt mit ihr. Bis ein Brand diesen Zustand beendet und Lester Ersatz beschaffen muss.

Das klingt wie Stoff aus einem billigen Splatterfilm. Doch wo verläuft die Trennlinie in der zweckfreien Darstellung von Gewalt im Sinne von Trash und dem literarischen Werk von McCarthy? Eindeutig in der Sprache.

Denn McCarthy ist ein begnadeter Stilist, ein virtuoser Maler, der immer wieder die Naturschönheit des Augenblicks in sprachlichen Kontrast zur Widerwärtigkeit des menschlichen Daseins inszeniert, als Spiegel und Kontrapunkt zugleich: „Die Hunde querten als dünne, dunkle Linie den Schnee auf dem Hang des Höhenrückens. Weit unter ihnen lief der Eber, den sie verfolgten, mit seinem merkwürdig steifbeinigen Schritt dahin, hochrückig und tiefschwarz vor der Winterlandschaft. Das Geläute der Hunde hallte in dieser riesigen fahlblauen Leere wider wie die Rufe dämonischer Jodler.“ Wer so etwas pathetisch findet, hat mit großer Literatur nichts zu tun. Es ist ein Glück, dass McCarthys Romane zunächst in Hans Wolf und mittlerweile in Nikolaus Stingl Übersetzer gefunden haben, die sowohl die aufgeladene Atmosphäre der Landschaft als auch den Tonfall der kargen Dialoge exzellent treffen.

„Ein Kind Gottes“ ist ein weiterer Baustein auf dem Weg zu Romanen wie „Suttree“ oder eben „Blood Meridian“, ein mitreißendes, verwirrendes, erschütterndes und erschreckendes Buch. McCarthy ist vor allem in den neunziger Jahren mit Romanen wie „All die schönen Pferde“ (seinem schwächsten Buch) berühmt geworden; die Verfilmung seines Romans „No Country for Old Men“ durch die Coen-Brüder im Jahr 2007 hat ihn möglicherweise in einen popkulturellen Diskurs gesetzt, in den er nicht gehört.

McCarthys Debütroman „The Orchard Keeper“ von 1965 ist nach wie vor unübersetzt. Wohl dem, der ganz vorne anfangen kann mit McCarthy. Demjenigen steht die Entdeckung einer der unfassbarsten Schriftsteller der Welt bevor. Man kommt bei ihm nur nicht einfach mit dem Schrecken davon.

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