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Cora Stephan "Angela Merkel - Ein Irrtum" Die wahre Tina

Cora Stephan demontiert den Götzen, den sie sich geschaffen hatte: Angela Merkel. Ihr Ideal, so schreibt sie, hat sich in Tina verwandelt. Das ist ein Akronym und steht für "There is no alternative".

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist die wahre Tina. Foto: REUTERS

Wer alt wird, landet beim Happy End. Bei Cora Stephan, Jahrgang 1951, war es im September 2005 so weit. Ihr Happy End hieß Angie. In Angela Merkel hatte Stephan endlich jemanden in der Politik gefunden, den sie nicht nur billigen, sondern auch bewundern konnte. Aber Cora Stephan ist natürlich viel zu jung, um schon beim Happy End angekommen zu sein. Das ist ihr bald klar geworden, und jetzt demontiert sie ihr Ideal. Angie habe sich, so schreibt sie, in Tina verwandelt. Tina steht für „There is no alternative“. Das ist schön gesagt, und man kann es sich gut merken.

Heute wirft Stephan Angela Merkel vor, sie stehe nicht mehr für die freie, offene, sachbezogene Diskussion unter freien, offenen Bürgern, sondern sie stehe für „Mutti“. Der Staat übernehme wieder volkserzieherische, volksversorgende Funktionen. Stephan meint damit nicht, dass die Gemeinschaft den Bedürftigen beisteht, sondern sie meint jene Laissez-faire-Haltung, die einfach hinnimmt, dass die arbeitende Mitte von den Rändern – oben und unten – ausgenutzt wird.

Moralkeule für die Wessis

Man wird Stellen wie diese, auch wo man nicht Stephans Einschätzung teilt, mit Amüsement lesen und den wahren Kern darin gerne zur Kenntnis nehmen: „Im Westen liebte man Ostikonen wie Regine Hildebrandt, die die Frustrationsbereiten unter den Ostdeutschen unermüdlich mit ideologischer Nahrung versorgte und den verwöhnten Wessis gab, was die am liebsten hatten: die moralische Keule.“

Die Pointe ist freilich nicht, so Cora Stephan, dass Angela Merkel „etwas ändern wollte und sich modern, liberal, freiheitsbewusst“ zeigte. Die Pointe ist, dass Angela Merkel den verwöhnten Wessis die Keule gab. Ganz ohne Adjektiv. Sie hat die Herrenriege der CDU nicht moralisch in Frage gestellt, sondern real aus der Partei gekippt. Man kann das bewundern. Aber mit Freiheit, Offenheit usw. hat das wenig zu tun. Stephan hatte sich einen Götzen geschaffen. Besonders deutlich ist das, wenn sie an der CDU-Vorsitzenden rühmt, dass die niemals „den bräsigen Antiamerikanismus des linken Milieus zeigte“. Angela Merkel war ja nicht nur Kohls sondern auch Bushs Mädchen. Jedenfalls scheinen sich beide Herren eine Weile in diesem Irrtum befunden zu haben.

„Angela Merkel – Ein Irrtum“ ist der Titel des Buches, in dem Cora Stephan weniger mit Angela Merkel als mit dem Bild, das sie sich von ihr gemacht hatte, abrechnet. Wer Stephans frühere Begeisterung nicht teilte, der wird das Buch schnell aus der Hand legen. Das ständige Überschlagen der Stimme, die nie nachlassende Erregtheit, mit der sie ihrem einstigen Idol auflauert, ist nicht zu ertragen. Wenn Stephan sich gar durch Merkel an Honecker erinnert fühlt – ausgerechnet in dem Moment, da die Thilo Sarrazin vor die Tür setzt –, dann winkt der genervte Zeitgenosse ab und wendet sich anderen Lektüren zu. Viele aber mögen diesen schrillen Sound. Seit 30 Tagen steht das Buch unter den ersten hundert Titeln der Amazon-„Politik und Geschichte“-Liste, gestern auf Platz 19. Falls die CDU die Landtagswahlen in Baden-Württemberg nicht gewinnen sollte, wird die Partei sich umgucken und verblüfft bemerken, dass ihr kurz vor diesen Wahlen mit Karl-Theodor zu Guttenberg die einzig mögliche Alternative zu Merkel weggeschossen wurde. Angela Merkel ist die wahre Tina.

Cora Stephan: Angela Merkel – Ein Irrtum. Knaus-Verlag, München 2011, 223 Seiten, 16,99 Euro

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