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Comics Was Menschen einander antun

Wahre Geschichten: Neue und wiederzuentdeckende Comics von Guy Delisle, Riad Sattouf sowie dem Duo Juan Díaz Canales und Juanjo Guarnido.

Delisle
Wände, eine Matratze, eine Heizung: Hier zeigt sich Guy Delisles Meisterschaft. Foto: Delisle/Reprodukt

Ein französischer Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen wird im Juli 1997 im Nordkaukasus von tschetschenischen Rebellen entführt. „Länger als 24 Stunden wird das ganze wohl nicht dauern“, denkt er sich. Ein Krisenstab würde gebildet werden, es gibt Kontaktleute vor Ort. Wird schon werden. Das Gehirn rattert, rationalisiert die irrationale Situation, schiebt die Einsicht in die eigenen Ohnmacht weit von sich. Am Ende wird Christophe André 111 Tage in Geiselhaft verbracht haben, die meiste Zeit auf einer Matratze in einem leeren Zimmer, mit einer Hand an einen Heizkörper gekettet.

Guy Delisle hat aus Andrés Geschichte ein Comic gemacht, „Geisel“. Der Kanadier ist selbst mit einer Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen verheiratet und hat seine Auslandsaufenthalte an ihrer Seite – und seine eigenen exotischen Arbeitsplätze als Trickfilmzeichner – zu eine Reihe gefeierter autobiografischer Comics verarbeitet: „Shenzhen“, „Pjöngjang“, „Aufzeichnungen aus Birma“, „Aufzeichnungen aus Jerusalem“. Dort konnte er seine Beobachtungsgabe für die Absurditäten des Alltags nutzen, um erhellend Enthüllendes über den jeweiligen Ort und seine politischen Konflikte per Stift festzuhalten. Und natürlich standen ihm jede Menge selten gesehener Schauplätze Modell.

Die Geschichte einer doppelten Flucht

In „Geisel“ muss er sich dagegen auf lange Interviews, die er mit André geführt hat, stützen. Bildlich geben eine Wand, eine Matratze, eine Heizung naturgemäß auch nicht allzu viel her. Wahrscheinlich zeigt sich aber gerade dank dieser Einschränkungen hier Delisles ganze Meisterschaft. Er widersteht der Versuchung, der Eintönigkeit des Motivs abenteuerliche Perspektiven entgegenzusetzen oder nach Manier des Filmregisseurs David Fincher die Kamera durch die Heizungsrohre zu führen.

Stattdessen erzählt er die Geschichte einer doppelten Flucht. Zum einen Andrés permanente Suche nach einer Gelegenheit, seinen Entführern zu entkommen, zum anderen den Ausweg ins eigene Gedächtnis: Der Entführte stellt im Kopf berühmte Schlachten nach, um nicht verrückt zu werden. Bis sich endlich, nach 428 Seiten, der Blick Christophe Andrés am endlosen Horizont verlieren kann, hat der Leser den absoluten Stillstand als rasend spannende Story, als Triumph von Vorstellungskraft und Ausdauer erlebt.

„Der Araber von morgen“

Noch eine wahre Geschichte, aber ein radikaler Wechsel des Blickwinkels. In „Der Araber von morgen“ erzählt Riad Sattouf – ehemaliger „Charlie Hebdo“-Zeichner – von seiner eigenen zerrissenen Kindheit als Sohn einer Französin und eines Syrers. Entscheidende Figur ist hier der Vater, der selbst zwischen seiner akademischen Bildung – er hat an der Sorbonne promoviert – und den Traditionen seines ärmlichen Dorfes schillert, sich mal als Zyniker, mal als Träumer, mal als pan-arabischer Großredner, mal als Macho-Mistkerl gibt.

Wie schon in den ersten beiden Teilen von „Mein Leben als Araber“ schockiert zuerst die Melange aus Korruption, religiöser Bräsigkeit und Antisemitismus, die man hier durch die Augen eines Siebenjährigen erlebt. Aber ist es in der Bretagne – in den Ferien darf Riad seine französische Großmutter besuchen – so viel anders? Der eigentliche Skandal, den Sattouf in seiner Autobiografie anprangert, ist die allgemeine Lieblosigkeit, die beiläufige Selbstverständlichkeit, mit der hier Frauen unterdrückt, Kinder geschlagen und Tiere gequält werden – und Sattouf ist ein Meister darin, immer die schlimmstmögliche Wendung zu finden, insofern nicht das Leben diesen Job schon vorher für ihn erledigt hat.

Der Detektiv ist ein großer armer schwarzer Kater

Dem Leid, das sich die Menschen untereinander und auch anderen Kreaturen zufügen, kann man wohl nur mit sturer Lakonie begegnen, wie ein dritte Comic-Edition zeigt. Jammern gilt nicht, es zählt die großzügige Geste im richtigen Moment. Die zeichnet seit je den Hardboiled-Detektiv aus, wie er zuerst von Dashiell Hammett beschrieben und von seinem Bewunderer Raymond Chandler ins Existenzielle gehoben wurde. Der Privatdetektiv John Blacksad steht genau in dieser Tradition. Er schlägt lieber attraktive Angebote aus, als dass er auf seine Freiheit verzichtet.

Er schützt Gleichgültigkeit vor, nur um am Ende doch noch der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, auch wenn das für ihn mal wieder in einer Niederlage endet. Gut, das kennt man schon. Aber die Figur des Szenaristen Juan Díaz Canales und des Zeichners Juanjo Guarnido ist ein großer, armer, schwarzer Kater. Und auch die anderen Protagonisten ihrer Film-Noir-Kulissenwelt gehören dem Tierreich an. Oder vielmehr dem Reich der Fabel. Guarnido ist ein Virtuose des Ausdrucks, selten kann man gezeichneten Menschen so genau ihre Gefühle ablesen wie den vermenschlichten Hunden, Eisbären, Flamingos des Spaniers.

Aus Anlass seines 50-jährigen Bestehens bringt der deutsche Comic-Verlag Carlsen einen Prachtband mit den bislang erschienenen fünf Blacksad-Episoden heraus, ergänzt um zwei Short Stories und einen Blick ins Skizzenbuch. Die erste Geschichte, „Irgendwo zwischen den Schatten“, ist in ihrer brutalen Geradlinigkeit unerreicht. Dafür entwickelt Juan Díaz Canales in den folgenden Kapiteln aus dem Leben der gutmütigen, aber kampferprobten Raubkatze einen erzählerischen Ehrgeiz, der die Möglichkeiten einer Fabelwelt eigentlich übersteigen sollte, doch sie stattdessen erweitert.

„Blacksad“ erzählt von Jazz und Rassismus, von der Moral der Wissenschaft und der Schuld der Kunst. Ein Meisterwerk, durchweg.

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