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Comic Von Werwölfen und Dealern in Chicago

Emil Ferris ist Autorin und Zeichnerin der Graphic Novel „Am liebsten mag ich Monster“. Ihr gelingt damit ein Meisterwerk.

Comic
Es mag nicht so aussehen, aber die Menschen sind die wahren Monster. Foto: Panini Verlag

In einem Moment des Sinnierens kreist der Kugelschreiber wie von selbst über das Papier. Das geschieht intuitiv und macht Spaß. Wenn man Glück hat, kommt am Ende sogar eine hübsche kleine Zeichnung dabei heraus.

Scheinbar inspirierte dieses Phänomen – das man vor allem aus der Schulzeit kennt – auch die 56-jährige US-amerikanische Künstlerin Emil Ferris, deren Graphic-Novel-Debüt „Am liebsten mag ich Monster“ im Juni auf Deutsch erschienen ist. Auf überwältigenden 420 Seiten im College-Block-Look trifft der Betrachter auf eine Bilderexplosion – als wären unzählige bunte Kugelschreiberkreise über das Papier gelaufen. Dass es sich hierbei um eine Meisterhand handelt, erkennt man nicht zuletzt am Bruch zwischen Medium und Umsetzung. Collage, Kohle, Bleistift, Pastell – Ferris lässt ihre Monster virtuos tanzen.

Diskriminierungen und Phantasiewelten

Die Geschichte handelt von dem zehnjährigen Werwolfmädchen Karen Reyes, das ihre täglichen Erlebnisse im Chicago der 1960er Jahre in einem Tagebuch festhält. Neben Gruselgroschenheften, deren nachgezeichnete Cover die einzelnen Buchkapitel einleiten, und Horror-B-Movies mag Karen die Kunst. Ihr erwachsener Bruder, der wegen seines mexikanischen Aussehens auf der Straße diskriminiert wird, nimmt sie regelmäßig mit ins Art Institute of Chicago und gemeinsam studieren sie dort Goya, Daumier, Da Vinci, Monet und viele andere der großen Meister. Deren Gemälde finden sich sogleich im Buch nachgezeichnet. Dann begleitet man Karen beim Besuch der katholischen Schule, wo die Lehrerin ihr beizubringen versucht, dass man fürs Comic-Lesen in die Hölle kommt, oder lernt ein paar der zahlreichen Liebschaften ihres Bruders kennen, von dem nicht auszuschließen ist, dass er sich sein Geld mit Zuhälterei und Dealen verdient. Die alleinerziehende Mutter versinkt in ihrem Aberglauben und Karen zieht sich immer weiter in ihre Phantasiewelt zurück.

Nachdem die Nachbarin Anka Silverberg unter mysteriösen Umständen erschossen wird, begibt sich das Mädchen als Detektivin auf die Suche nach dem Mörder. Und bald wird klar: die Menschen sind die wahren Monster - von vornherein ein Monster zu sein ist vielleicht besser als ein Mensch zu sein.

Eine Erzählung über das Erwachsenwerden

„Am liebsten mag ich Monster“ ist eine Erzählung über das Erwachsenwerden und das Gefühl, sich im eigenen Körper fremd zu fühlen. Ferris verarbeitet darin ihre eigene Lebensgeschichte, etwa, dass sie als Kind an einer Wirbelsäulenverkrümmung litt, was sie wie eine Bucklige aussehen ließ und weshalb sie sich immer als „Monster“ fühlte, eine Ausgestoßene. Darüberhinaus bespricht die Künstlerin in ihrem Werk nicht weniger als die Monstrositäten des Lebens: Faschismus, Rassismus, Kindesmissbrauch, Morde. Emil Ferris ist dem Horror auf der Spur, aus der Perspektive einer Zehnjährigen.

Wer sich vornimmt, die gesamte Graphic Novel am Stück zu lesen, wird sich wohl bald überfordert fühlen. Für manch einen mögen die Thematik und die überbordenden Seiten verstörend wirken, hässlich oder beklemmend. Und gerade das ist grandios. Art Spiegelman, der Erfinder von „Maus“, Pulitzerpreis-Träger und Zeichnerlegende, nannte Ferris eine der bedeutendsten Comic-Künstlerinnen unserer Zeit. Umso erfreulicher ist es, dass bereits ein zweiter Band geplant ist.

Emil Ferris: Am liebsten mag ich Monster. Graphic Novel. Panini Verlag 2018, 420 S., 39 Euro.

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