Lade Inhalte...

Comic „Die alten Knacker“ Alte auf Abwegen

Immer feste drauf auf die Alten, die aber auch nicht ohne sind: Der Comic „Die alten Knacker“ von Wilfrid Lupano und Paul Cauuet ist wahrscheinlich die klügste und schönste Bilderzählung des Jahres. „Die übrig bleiben“ heißt der erste Band.

In nur sehr seltenen Fällen hält der Inhalt eines Druckerzeugnisses, was sein Klappentext anpreist. Im Falle des gleich folgenden Klappentextes ist das tatsächlich so, man könnte auch guten Gewissens auf die zu löhnenden 14,80 Euro zwei-, dreimal so viel drauflegen; die Lektüre ist es wert. „Ihr seid inkonsequent, rückschrittlich, bigott, ihr wählt rechts, ihr habt den Planeten geopfert, die Dritte Welt ausgehungert! In 80 Jahren habt ihr quasi die Gesamtheit aller Lebewesen ausgerottet, ihr habt Ressourcen aufgezehrt und alle Fische gefuttert! Jedes Jahr werden weltweit 50 Milliarden Hühner in Mastbatterien gezüchtet und die Menschen verhungern! Historisch gesehen seid ihr… die schlimmste Generation der Menschheit!“

Das sagt eine ausgestiegene Hochschwangere einer nervigen Meute von Rentnern. Ja, richtig. Verachtenswerte Wohlstandssenioren. Bremsklötze der Welt. Ihr trefft die richtigen, möchte man Wilfrid Lupano (Text) und Paul Cauuet (Zeichnungen, Colorierung) zurufen, deren ersten Band der Comic-Serie „Die alten Knacker“ es hier zu preisen gilt.

Der bösartige Klops

Wobei: Die drei vertrockneten schmerbäuchigen Herrschaften auf dem Titel sind die Helden der Geschichte, Antoine, Pierrot und Mimile, ein alter Gewerkschafter, ein treu gebliebener Anarchist und ein ehemaliger Seemann, Freunde von Kindesbeinen an, die zur Beerdigung von Antoines Ehefrau Lucette zusammenkommen.

Irgendwo in der französischen Provinz, in der Nachbarschaft des Stammsitzes eines weltweit agierenden Pharmakonzerns, dessen Besitzer eine gewichtige Rolle im Leben des Gewerkschafters Antoine gespielt hat und sogar Motor der vorliegenden Geschichte ist. Auch wenn er jetzt nur noch ein bösartiger dementer Klops ist. Bevor sich jetzt jemand – alt oder jung – über unschöne, respektlose Beschreibungen älterer Mitbürgerinnen und Mitbürger erregt: Sie sind nur der Versuch, die skrupellos ehrliche Karikierung der Alten durch Lupano/Cauuet einigermaßen korrekt widerzugeben.

Zurück in die französische Provinz: In dem ersten Band, „Die übrig bleiben“, spielen noch Lucettes und Antoines Enkelin Sophie (die Hochschwangere), arg verspätete Eifersucht, ein Marionettentheater, ein roter Lieferwagen und ein fürstliches Anwesen in der Toskana eine Rolle. Zu einem so nostalgischen wie kritischen Ganzen vereint in dem von Tanja Krämling hervorragend übersetzten, wunderbar klugen und pointierten Text Lupanos und in den Zeichnungen Cauuets.

Cauuet gehört nämlich nicht zu den Vertretern der „L’Association“-Jahrgänge, die seit den Mittneunzigern gegen die arbeitsintensiven „schönen“, von den Verlagen bevorzugten Stile recht ungelenke Kritzeleien oder wenig ansprechende „naive“ Striche setzen. Cauuet hat genau den richtigen warmen, vollendet runden und doch auch messerscharf sezierenden Strich, den „Die alten Knacker“ verdienen. Jeder andere Stil wäre für diese Geschichte schlicht falsch.

In Deutschland erscheinen seit einigen Jahren immer mehr frankobelgische Comics, seit deutsche Verlage Druckkooperationen in Frankreich eingehen, wo nur der Text ausgewechselt wird in einem Druckvorgang. Das hat Vorteile und auch Nachteile: Viel Müll wird auf den immer noch sträflicherweise überschaubaren Markt geworfen. „Die alten Knacker“ stechen aber aus dieser Masse von Wegwerfcomics meilenweit heraus. Wahrscheinlich sind die drei gehbehinderten Musketiere die klügste Bilderzählung des Jahres.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum