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Comic Bleistift-Projekt

Wie fein, wie genau lässt sich mit dem Bleistift noch arbeiten? In einem Comic zumal? Die Hamburger Zeichnerin Isabel Kreitz schafft Bilder zu der Geschichte des Serienmörders Fritz Haarmann, die uns unerbittlich kein Detail ersparen.

Foto: Carlsen Verlag

Wie fein, wie genau lässt sich mit dem Bleistift noch arbeiten? In einem Comic zumal? Die Hamburger Zeichnerin Isabel Kreitz befindet sich seit geraumer Zeit auf dem Weg der Verfeinerung. Nicht, dass ihr das Flächige und Farbenfrohe nicht auch liegen würde. Das zeigen allein schon ihre jüngsten Arbeiten im Zeichen des von ihr hoch geschätzten Illustrators Walter Trier: die Erich-Kästner-Adaptionen „Der 35. Mai“ (2006) sowie „Pünktchen und Anton“ (2009). Doch nicht erst seit „Die Sache mit Sorge“ (2008) verfolgt Kreitz eine Art Bleistift-Projekt, das vor allem durch seine detailversessene Akkuratesse besticht.

In genau dieser Hinsicht stellt der jetzt erschienene Comic „Haarmann“ eine Fortsetzung dar. Die Geschichte dürfte bekannt sein. Fritz Haarmann erlangte Berühmtheit als einer der brutalsten Serienmörder Europas. Dabei ist sein Fall auch ein Justizskandal: Weil er als Spitzel für die hannoversche Polizei arbeitete, bleib er lange Zeit unbehelligt. So streifte er Nacht für Nacht durch die Wartesäle des Bahnhofs auf der Suche nach allein reisenden jungen Männern, deren Vertrauen er sich mit Hilfe eines Polizeiausweises erschlich und die er dann in seine Wohnung lockte, um ihnen im Sexualrausch die Kehle durchzubeißen.

Haarmann wurde 1924 eher durch einen Zufall gefasst und am 19. Dezember desselben Jahres wegen Mordes in 24 Fällen zum Tode verurteilt. Kreitz zeichnet die letzten Monate des Serienmörders bis zu seiner Verhaftung nach. Erstaunlicherweise findet sie dafür aber keine düsteren Bilder, was bei dieser grausig-beklemmenden Geschichte nahe gelegen hätte. Vielmehr verlegt sich die Künstlerin ganz auf ihre Stärke: Während die Bleistiftzeichnung traditionell eher für das Skizzenhafte, Vorläufige und Unfertige steht, avanciert sie bei Kreitz zu einem penibel geführten Protokoll der historisch überlieferten Ereignisse.

Und so entsteht im Comic die beklemmende Atmosphäre im Hannover des Jahres 1924 gerade nicht durch starke Hell-Dunkel-Kontraste oder eine bedrohliche, entweder das Grauen ankündigende oder alles Lebendige verschlingende Düsternis. Vielmehr ist es die unerbittliche Genauigkeit des Bleistiftstrichs, die uns Lesern kein Detail erspart. Die in kunstvoll gesetzten Grautönen erzeugte Oberflächigkeit – der Fassaden und Gesichter – zeigt alles. Es gibt kein bedrohliches Dahinter, kein Versteck, kein Dunkel: Haarmann lebt nicht im Verborgenen, sondern mitten unter uns, und zwar als Profiteur des Elends wie viele andere auch.

Dieses Jahr ist mit „Gift“ bereits ein Comic erschienen, der sich einem Serienmord widmet (FR v. 13. März), in düsterem Schwarz-Weiß gezeichnet von Barbara Yelin und in Zusammenarbeit mit dem Worpsweder Schriftsteller Peer Meter. Als Szenarist hat Meter hat nun auch bei „Haarmann“ mitgewirkt. Angekündigt ist mit „Vasmers Bruder“ und den Zeichnungen David von Bassewitz’ bereits der nächste Fall... Es scheint so, dass sich gerade der Comic als historiografisches Medium bewährt. Er vermag sogar, noch genauer und eindringlicher als jene Wirklichkeit zu sein, die uns nur als Datensammlung überliefert ist. Das ist die Arbeit der Fantasie.

Isabel Kreitz hat mit ihrer peniblen Bleistiftarbeit diesen Freiraum ihres Mediums, des Comics, voll genutzt. Man lasse sich also nicht von der Akkuratesse täuschen. In ihr findet die ästhetische Einbildungskraft doch erst ihre Vollendung. Dabei ist Kreitz zusammen mit Peer Meter gelungen, ein Kapitel deutsche Kriminalgeschichte in einem – was für ein Wort! – Comicroman zu verdichten.

Isabel Kreitz, Peer Meter: „Haarmann“, Carlsen Verlag, Hamburg 2010, 192 Seiten, 19,90 Euro.

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