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Comic Allerschönste Machwerke

Comics von Blutch und Charles Berberian sind eine glühende Hommage an die Kinokunst.

Blutch auf den Filmspuren von Burt Lancaster. Foto: Blutch/Reprodukt Verlag

Nach all den Comic-Verfilmungen, die uns in den letzten Jahrzehnten heimgesucht haben, ist es auch mal ganz schön, wenn sich umgekehrt der Comic mit dem Kino beschäftigt. Denn anders als bei den effektreichen Superheldengeschichten, um die es ja zumeist geht, und ihrem totalen Machbarkeitsillusionismus auf der Leinwand, zeigen die papierenen Bildergeschichten stets das fragile Gemacht- und Gewordensein dieser Illusion.

Das ist enorm aufschlussreich, zumindest bei guten Comics, und weckt sofort Erwartungen, wenn sich dann einer von ihnen auch noch „Ein letztes Wort zum Kino“ nennt und ein anderer mit dem Titel „Cinerama“ den Fachterminus für ein extremes Breitwand-Filmformat in Erinnerung ruft. Hier muss es doch etwas zu lernen geben!

Der französische Zeichner Blutch begründet seine Begeisterung für den Film ganz unumwunden so: mit Frauen und Sex. Sein „Letztes Wort zum Kino“ feiert das männliche Begehren als die eigentliche Triebkraft des europäischen Kunst- und Autorenkinos. Fein säuberlich unterscheidet er zwischen Objekt und Subjekt der Begierde und behandelt in kurzen Geschichten so illustre Figuren wie Claudia Cardinale, Jean-Luc Godard, Burt Lancaster, Luchino Visconti, Michel Piccoli, Paul Verlaine, Brigitte Bardot…

Säftelnde Greise, lüsterne Mädchen, verlassene Macker, virile Kraftbolzen: In den sehr anspielungs- und damit auch voraussetzungsreichen Episoden legt Blutch den triebhaften Untergrund des erbaulichen Kunstgehabes frei und begeht doch keinen Verrat an der von ihm so verehrten Filmkunst.

Der 1967 in Straßburg geborene Christian Hincker, wie Blutch mit bürgerlichem Namen heißt, verfügt über ein profundes Kinowissen, und seine Betrachtungen etwa zur animalischen Kraft des jungen Burt Lancaster, die erst in Luchino Viscontis „Leopard“ (1963) gezähmt wurde, sind klug und treffend zu nennen.

Rätselhaft bleibt nur, warum er die alten, längst vor seiner Zeit berühmten Kino-Ikonen als Vorbild so sehr verehrt – wie übrigens schon in seinem autobiografischen Comic „Der kleine Christian“ (2009). Vollkommen überzeugend ist der Franzose allerdings als Zeichner, sein Strich ist alles andere als gefällig und fordert die Augen zum genauen Hinsehen heraus. Das und sein surrealer Humor offenbaren größte Könnerschaft. In seinem Heimatland ist er längst ein gefeierter Star.

Großer Beliebtheit erfreut sich auch Charles Berberian, spätestens seit seiner gemeinsam mit Philippe Dupuy geschaffenen, mehrbändigen Junggesellen-Odyssee „Monsieur Jean“, von der allein in Frankreich über 120 000 Alben verkauft wurden. Berberians Ton als Zeichner wie als Erzähler ist eher leicht, allerdings hat der 1959 in Bagdad geborene, seit Mitte der siebziger Jahre in Paris lebende Künstler einen guten Sinn für das Abgründige.

In „Cinerama“ stellt er uns seine „Auswahl der schlechtesten Filme der Welt“ vor, ein Versprechen, das er mühelos hält, das ihn allerdings ebenso wenig wie Blutch dazu verleitet, Verrat an der Kunst zu begehen. Und um die handelt es sich zweifellos, wie uns der glühende Cineast an einigen großartigen Beispielen erläutert, Machwerke vom Allerschönsten!

Zum Beispiel „Dünyayi Kurtaran Adam“ (Der Mann, der die Welt rettet, 1982), ein türkischer Science-Fiction-Film, auch bekannt als „Turkish Star Wars“, weil er die beiden Helden Murat und Ali in ihrem Raumschiff als zwei motorradbehelmte Krieger vor einer Leinwand zeigt, auf der Szenen aus „Star Wars“ und „Flash Gordon“ laufen. Murat und Ali stürzen auf einem Wüstenplaneten ab und müssen von da an gegen allerlei Feinde kämpfen – ein Höhepunkt sind dabei in wehendes Toilettenpapier gewickelte Killermumien. Der Film war allerdings nicht als Witz gedacht und verfolgt, wie Charles Berberian zeigt, eine ernsthafte Mission: Schließlich werden die Türken auch von fiesen Armeniern angegriffen und bieten in der ansonsten sinnfreien Handlung einen trefflichen Anlass für ein gar fürchterliches Gemetzel.

Allein dass uns Berberian an „Dünyayi Kurtaran Adam“ erinnert, lohnt schon den ganzen Comic. Obwohl der Film ausschließlich in türkischer Sprache lief, gilt er bei Cineasten in aller Welt als unerreichte Ikone des Trash – die sich übrigens in voller Länge immer noch auf Youtube finden lässt.

Die Filmgeschichte ist voll von solchem Schund, dessen Wert indes darin liegt, uns die Illusion nahtloser Perfektion für ausnahmslos jeden Film zu nehmen und stattdessen das Konstruierte erkennen zu lassen – eben das Toilettenpapier und nicht die Mumie. In dieser Hinsicht erweist sich der Comic als Schule des Sehens, die nicht nur, aber vor allem auch Cineasten zu schätzen wissen sollten.

Butch: Ein letztes Wort zum Kino. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Reprodukt 2016. 88 S., 24 Euro.

Charles Berberian: Cinerama. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Reprodukt 2016. 56 S., 14 Euro.

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