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Colson Whitehead Die Wahrheit erzählen, nicht die Fakten

Colson Whitehead widmet sich in seinem gefeierten Roman „Underground Railroad“ dem Schicksal einer jungen Sklavin im Amerika des 19. Jahrhunderts.

Radierung
Historische Abbildung einer Sklavenjagd um 1850. Foto: imago

Nein, das ist kein Roman, der erziehen will oder aufrütteln. Den explizit pädagogischen Ansatz hat „Underground Railroad“ nicht nötig. Die Geschichte spricht für sich; die Einzelbilder sprechen für sich. Es gibt Szenen von höchster Grausamkeit und Brutalität in diesem Roman; Passagen, in denen abtrünnige oder ungehorsame Sklaven mit Methoden, aus denen eine widerliche Fantasie spricht, gefoltert und zu Tode gebracht werden, während die feinen Herrschaften auf der Veranda sitzen und einen Drink nehmen. All das gibt es, weil es dazu gehört. Doch es ist nicht das Entscheidende.

Colson Whitehead, 1969 in New York geboren, ist für seinen neuen Roman, den fünften, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden, völlig zurecht. Whitehead hat (mit der rätselhaften Ausnahme des Vorgängers „Zone One“) schon immer sehr gute Bücher geschrieben; jetzt ist er offenbar auf dem Höhepunkt seines Könnens angekommen. Die Geschichte beginnt mit Ajarry, die auf einem Sklavenschiff von der Goldküste, der damaligen britischen Kolonie, nach Amerika verschifft wird. Zweimal versucht sie während der Überfahrt, sich das Leben zu nehmen; beide Versuche werden von der Besatzung vereitelt. Menschen sind Waren, nichts anderes. Ajarry wird verkauft und weiter verkauft, bis sie schließlich in Georgia auf der Baumwollplantage der Randalls landet. Dort stirbt sie während der Arbeit.

Legende als Kontrastfigur

Whitehead eröffnet seinen Roman mit dieser Episode, weil er Ajarry als Kontrastfigur benötigt: Ihre Tochter Mabel wird zur Legende auf der Plantage, weil ihr ein Fluchtversuch gelingt. Jedenfalls ist sie eines Tages verschwunden und taucht nie mehr auf. Selbst der berühmt-berüchtigte Sklavenjäger Ridgeway vermag nicht, sie aufzuspüren. Mabels Tochter Cora ist die Protagonistin des Romans. Eine störrische Einzelgängerin, die ihre wenigen Rechte gegenüber den anderen Sklaven zur Not auch mit Gewalt verteidigt. Mit ihrer Geschichte, die in den 20er- und 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts angesiedelt sein dürfte, nimmt der Roman Fahrt auf. Man ist sofort gefangen in diesem Universum aus Unmenschlichkeit, Ungerechtigkeit und Gewalt.

Colson Whitehead hat in Interviews betont, dass er keinen historischen Roman habe schreiben wollen. Nicht um die Fakten, sondern um die Wahrheit sei es ihm gegangen. Trotzdem braucht der Roman einen profunden und soliden historischen Unterbau. Whitehead hat vor allem in den so genannten „Slave Narratives“, in den zeitgenössischen Erfahrungsberichten der Sklaven recherchiert. Unter anderem daraus, und aus dem Tonfall, den Whitehead gefunden hat, bezieht der Roman seine Wucht. Whitehead schreibt nicht mit Wut, nicht mit Empörung; er bleibt der elegante Stilist, der er schon immer war, und trotzdem spricht aus seinem Roman eine sarkastisch angehauchte Bitterkeit.

Cora beschließt, nicht dem Beispiel ihrer Großmutter, sondern dem ihrer Mutter zu folgen. Gemeinsam mit ihrem Mitsklaven Caesar wählt sie eine dunkle Nacht und schlägt sich durch das Gelände. Und an dieser Stelle kommt die Underground Railroad ins Spiel; ein Netzwerk von Gegnern der Sklaverei aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen, das entflohenen Sklaven zur Freiheit verhalf. Sie bedienten sich des Codes der Eisenbahn: Es gab Schaffner, Bahnhofsvorsteher und Anteilseigner, die gemeinsam daran arbeiteten, die Passagiere, so der Begriff für die Geflohenen, an ein sicheres Ziel zu bringen. Colson Whitehead hat in bislang jeden seiner Romane eine surreale Ebene eingebaut, so auch jetzt: Er nimmt den Eisenbahner-Code wörtlich. Unter den Südstaaten der USA existiert im Roman ein weitverzweigtes Schienennetz mit unterirdischen Bahnhöfen, deren Eingänge sich gut getarnt in unscheinbaren Scheunen oder auch in einem Minenstollen befindet. Die Züge transportieren die Geflohenen in Richtung Norden. Wer dieses Netz ausgebaut hat? „Ihr wisst doch, wer in diesem Land die Arbeit macht“, ist die Standardantwort auf diese Frage. Es ist eine zynische, zumindest ironische Pointe.

Großartige Charaktere, lehrreiche Geschichte

Colson Whitehead wurde für seinen Kunstgriff durchaus auch kritisiert. Doch diese Kritik basiert auf einem realistischen Verständnis von historischem Erzählen, das der Intention Whiteheads zuwiderläuft. Dadurch, dass er sich dem Zwang entzieht, die exakten logistischen Umstände der Flucht beschreiben zu müssen, eröffnet er sich die Möglichkeit zur psychologischen Genauigkeit. Und in ihr liegt die erzählerische Wahrheit, die Whitehead anstrebt.

„Underground Railroad“ ist trotzdem ein lehr-, vor allem aber ein erkenntnisreiches und ungemein spannendes Buch, voll von großartig gezeichneten Charakteren. Für Cora beginnt eine Odyssee durch South Carolina, North Carolina, Tennessee und Indiana. Niemals darf sie sich sicher sein; stets sind die Umstände trügerisch. In South Carolina baut man Wohnheime für die Schwarzen. Es scheint hier menschlich zuzugehen. Bis nach und nach ans Licht kommt, dass der Staat ein Sterilisationsprogramm für schwarze Frauen gestartet hat und mit schwarzen Männern Syphilisexperimente durchführt. In North Carolina haust Cora über Monate auf einem Dachboden, mit Blick auf den Platz, an dem wöchentlich öffentliche Hinrichtungen durchgeführt werden. Sklavenpatrouillen durchstreifen die Straßen, durchsuchen Häuser, misshandeln deren Bewohner. Die Menschen geben bereitwillig ihre Freiheit auf, weil es ihrer vermeintlichen Sicherheit dient. Wer da keine Gegenwartsbezüge sieht, dem ist nicht zu helfen. Und während all dessen durchstreift der Sklavenjäger Ridgeway weiterhin die Lande auf der Suche nach Cora. Begleitet wird er von einem Kutscher im Kindesalter; einem schwarzen Jungen, dem die Freiheit geschenkt wurde und der damit nichts anzufangen weiß. Eine Gestalt, fast teuflischer als sein Herr.

Die schnelllebige Literaturwelt ist rasch mit Superlativen zur Hand. In diesem Fall allerdings sind sie angebracht. „Underground Railroad“ ist eindeutig große Literatur, die ins Jetzt hineinragt: Wer verstehen will, wie es zu Auswüchsen wie jüngst in Charlottesville kommen konnte, greife zu diesem Buch.

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