Lade Inhalte...

Christoph Ransmayr Der Kaiser will kein Spielzeug

Leben und Kunst hängen stets am seidenen Faden: Christoph Ransmayrs großer Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“.

Niemand darf in der verbotenen Stadt des Kaises Qiánlóng anders sich bewegen, als das Regelwerk es von ihm verlangt. Foto: REUTERS

Mehr als dreißig Jahre nach seinem Nordpol-Expeditions-Roman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ entsendet der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr erneut eine fast historische Figur auf große Fahrt. Alistair Cox, der Londoner Uhrmacher, hieß James mit Vornamen, wurde 1723 geboren, starb wohl 1800 und reiste nie auf Einladung des Kaisers von China nach Fernost. Es gelang ihm zudem trotz seiner Bemühungen nicht, ein Uhrwerk herzustellen, das als Perpetuum mobile funktionierte.

Sein Roman-Alter-Ego ist sich darüber im Klaren, wie ausgreifend diese Erfindung ist, eine Mechanik, die über die menschliche Zeit hinaus in die Ewigkeit reicht. Das heißt: Wie ausgreifend und buchstäblich anmaßend eine solche Erfindung wäre, wenn sie gelänge. Kaiser Qiánlóng scheint das ebenfalls zu wissen, der gut gelaunt von der „zeitlosen Uhr“ spricht – Mandarine berichten davon, die Ausländer treffen den Kaiser selten und verstehen ohnehin kein Wort, wenn der wunderliche zarte Mann (42, wir wären demnach im Jahre 1753) spricht.

Ransmayr und der Kaiser von China lassen Alistair Cox, der mit einem Mitarbeiter und zwei Gehilfen angereist ist, über Monate daran arbeiten. Der Kaiser von China hält dafür die Zeit an, damit die Ausländer durch die Rückkehr von der paradiesischen Sommerresidenz nach Peking nicht bei der Arbeit unterbrochen werden. Das Quecksilber-Flusssystem eines riesigen Modells wird leergepumpt, um das erforderliche Material schnell beizuschaffen. Ja, der Kaiser von China kann die Zeit anhalten, auch wenn er nicht verhindern kann, dass es im Sommer zu schneien beginnt und sein Hofstaat jammervoll friert. Was kümmert’s ihn, wenn doch Sommer ist. Und, ja, er kann Meere austrocknen, das ohnehin, das macht er mit der linken Hand.

Seit dem Gedicht „Kubla Khan“ des englischen Romantikers Samuel Coleridge (dessen Lebensdaten sich mit denen von James Cox noch ordentlich überschneiden) wurden nicht so rasch und widerstandslos derartige Luftschlösser wirklich erbaut. Und dies allein durch die Worte eines allmächtigen (bei Coleridge dazu offensichtlich berauschten) Dichters, der es ja erst ist, der den Herrscher ermächtigt. Auch wenn Qiánlóng (1711-1799), der vierte Kaiser der Qing-Dynastie, als großer Bauherr und Kulturförderer gilt, muss sein Werk hinter dem zurückbleiben, was Ransmayr schildert. Auch wenn Cox, der historische, ein trefflicher Uhr- und Automatenerfinder war, sind die Uhren, die Ransmayr beschreibt, von einer anderen Welt als der des Menschenmachbaren.

Es ist ein fantastisches, luftiges, höchst fremdartiges Abenteuer, in das die Leser von „Cox oder Der Lauf der Zeit“ hineingeraten, aber es ist eines aus Fleisch und Blut. So lautet der erste Satz und entwirft den Spannungsbogen zwischen Tuschezeichnung und beinharten Gegebenheiten: „Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qiánlóng, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ.“
Cox bekommt davon noch nichts mit – der Leser schon, vieles, ganz vieles fällt hier in die Kategorie der Szenen, die man nicht vergisst –, nachher werden ihm die Schrecken der Allmacht und der menschlichen Grausamkeiten durchaus vorgeführt. Er bringt so viel gesunden Menschenverstand mit, wie es einem Engländer einst gebührte. Als er im ausdrücklichen Auftrag des Kaisers an einer Uhr arbeitet, die die Zeit für Todgeweihte anzeigen soll – schon werkeln Cox und seine Leute an den herrlichsten Ideen –, sorgt der Kaiser dafür, dass der Ausländer mit zwei zum Tode verurteilten Ärzten sprechen kann.

Also muss, natürlich. „Er brauche solche Besuche nicht, sagte Cox, schließlich würden auch in London Menschen gehängt, geköpft, verbrannt und ertränkt und müssten erdulden wie die Zeit bis zu ihrer letzten Qual zerrann. Er kenne die Unerbittlichkeit der Gesetze gut genug … .“ Natürlich ist es in der Verbotenen Stadt aber auch ganz egal, was ein Engländer braucht. Außer er braucht es, um dem Kaiser von China etwas zu bauen. Dann ist es spätestens am nächsten Tag da. „Weißgold, Platin, Silber, Blei, blaue Saphire, Granate, Rubine.“

Ransmayrs Cox kennt die Gewalt schon, auch den Tod. Mit aussichtslosem Kummer reist er an, seine fünfjährige Tochter ist gestorben, seine junge Frau, die sich ihn nicht ausgesucht hat, daraufhin endgültig verstummt – dass sie, die offenbar ihre eigene Geschichte des Schreckens erlebt, wieder mit ihm sprechen könnte, ist vielleicht überhaupt der einzige Grund, weshalb er sich eine Rückkehr nach England vorstellen kann. Zwangs- und Kinderehen sind hier kein Privileg ferner Lande, wie Ransmayr sich zwar auf die Exotik, aber nicht auf überlieferte Kontraste einlässt. Das macht vor allem die ruhige Perspektive des Uhren- und Automatenspezialisten, der mit kühler Selbstbeobachtung feststellt, dass er doch zittert, als er erstmals dem Kaiser begegnet (Wochen nach der Ankunft, denn so wichtig sind Engländer in Peking nicht). Das sei wohl nicht anders möglich, wenn man einem Menschen gegenübertrete, „der über Leben und Tod bestimmen konnte, ohne jemals von einem Einspruch behindert werden zu können“.

Es zeigt sich: „Der Kaiser will kein Spielzeug.“ Cox, der sich bereits die köstlichsten Apparate für den unfassbar reichen neuen Auftraggeber überlegt hat, erfährt, dass es Qiánlóng vielmehr um den Kopf der Fremden geht. Das Zweideutige einer solchen Formulierung entgeht einem Mann nicht, der schon aus dem Schädel des berüchtigten Oliver Cromwell eine Uhr hergestellt hat – eine Auftragsarbeit, die ihm nicht behagte, aber er macht seinen Job, und er macht ihn gut.

Die west-fernöstliche Begegnung wird von Ransmayr nicht plakatiert, sondern in zarten Bildern ausgestellt. Nicht hinausschauen, rät Dolmetscher Kiang, solle Cox, als dort ein Sänftenzug vorübergeht, ein Träger stürzt, Blut spuckt und sterbend liegenbleibt. Der Zug geht weiter. „Denn wer von den Sänftenträgern und wer von den unsichtbaren Passagieren wollte den Frevel wagen, eine bis auf Fingerbreiten vermessene und vorgeschriebene Route zu verlassen, um einem Sterbenden beizustehen.“ Cox ist nicht moralisch empört, auch kann ihn das Uhrwerk des Palast-Lebens nicht überraschen. Nur das Aufheben wundert ihn. „Menschen stürzen im Schnee, fallen unter ihren Lasten, sagte Cox, Menschen sterben. Ist der Anblick des Lebens in dieser Stadt verboten? Ein gestürzter Diener soll ein verbotener Anblick sein? Er habe nicht erkennen können, ob jemand gestürzt, was dort draußen geschehen und wer in diesen Sänften getragen worden sei, sagte Kiang, aber was immer es war, die englischen Gäste sollten ihm glauben: Es konnte ihren Augen nur schaden.“ Keine Redensart, Blendungsarten werden Cox aufgezählt. Cox passt auf. Am Rande des Reiches bricht – historisch sattelfest – Unruhe aus, aber im Inneren ist der Wille des Kaisers unaufhaltsam. Man kommt gelegentlich schier um vor Sorge um Cox und seine Leute.

Christoph Ransmayr erzählt vom Leben am seidenen Faden, von der Relativität der Zeit, vom kleinen Menschen in der großen Welt, von der lächerlichen Verwundbarkeit, vor der alle Macht nicht schützen kann. In einer spektakulären Szene an der Großen Mauer schützen kaiserliche Krieger die Engländer bei einem unerwarteten Angriff mit ihren eigenen Körpern. „So warm, so sicher und gleichzeitig verstörend war es auch in den Armen seiner Mutter gewesen.“

„Cox“ ist keine Parabel, sondern der Blick auf einige Menschen in bestimmten Situationen. Das Schreiben, ein allmächtiges Schreiben, schließt die Relativität der Zeit mit ein. Der Rhythmus des Schreibens richtet sich nach dem natürlichen Gang der Dinge. Der Herzschlag beim Lesen wird das voraussichtlich ebenfalls tun. Und die Relativität der Zeit erweist sich in diesem Meisterwerk als extrem präzise Affäre.

Der Autor liest am Mo., 5. Dezember, 19.30 Uhr, im Literaturhaus Frankfurt. www.literaturhaus-frankfurt.de

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen