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Christoph Hein Der Seismograf

Christoph Hein begibt sich mit seinen Büchern immer wieder in die Geschichte, um die Gegenwart zu verstehen – ein Hausbesuch beim Schriftsteller in Havelberg.

Christoph Hein
Autor vor Havellandschaft. Foto: Markus Wächter

Im selben Buch ist ein Text von 1991 enthalten, ein „Brief an (fast alle) Ausländer – wider das Gerede vom Fremdenhass der Deutschen“. Da heißt es: „Es ist keine Ausländerfeindlichkeit, die uns zu Gewalt gegen Euch treibt, es ist unser Hass gegen die Armut. Wir wollen unseren durchaus bescheidenen Wohlstand behalten und müssen ihn gegen Euch verteidigen. Ihr habt – ohne es zu wissen – den Krieg begonnen. Eure Welt hat unsere Welt angegriffen, und wenn wir uns nicht wehren, wird unsere so kostbare und unaufgebbare erste Welt in Eurer dritten Welt versinken.“ 

Das liest sich wie ein Kommentar zur Gegenwart, auf die Abwehr der Flüchtlinge. Als wäre er nicht Chronist, sondern Prophet. Hein verweist im Gespräch auf die Ereignisse von damals, die Anschläge gegen Ausländer von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda. Und er schaut nun wirklich in die Zukunft, sieht in den Migranten von heute nur die Vorboten der Klimaflüchtlinge. „Und die können wir nicht zurückschicken, wenn kein Land mehr da ist.“ Was jetzt passiere, dass Mauern gebaut würden „nach dem erfolgreichsten DDR-Modell von Walter Ulbricht“, das helfe nicht. 

Die Unzufriedenheit in Deutschland heute, wo der Wohlstand ja eigentlich gewachsen ist in den vergangenen 25 Jahren, führt er auf Stimmungen zurück, die angeheizt wurden. „Eine Partei konnte damit Wähler gewinnen, dann ist die zweite Partei aufgesprungen“, sagt er, und wird konkreter: „Die CSU weiß ja nicht so ganz, ob sie sich gegen die AfD stellen will oder die AfD-Wähler mit den gleichen Parolen zu sich holen.“ Christoph Hein überlegt beim Sprechen: „Vielleicht war der Gedanke der Europäisierung zu schnell und zu heftig, dass deshalb jetzt als Nationalismus zurückkommt. Das sehen wir beim Brexit.“

Liest man den Roman „Verwirrnis“, der in der Vergangenheit spielt, bleiben Gedanken über Moral, die so gern propagiert wird, aber nicht gelebt. Es bleibt das Nachdenken über eine Geschichtsvergessenheit, vor allem mit Blick auf den radikalen Umbruch nach dem Mauerbau. Es bleibt für die Gegenwart das Bild, dass man einen Schein wahren muss, wenn man nicht als Außenseiter angesehen werden will.

Christoph Hein sagt, wenn man zu DDR-Zeiten jemanden fragte, habe er häufig unheimlich geklagt, über die Arbeit, über alles. „Von den Niederlagen zu erzählen, war üblich, nicht, weil man ehrlicher war, sondern man hatte immer einen Schuldigen, der Staat war schuld. Aber heute geht es darum, dass nur gut ist, wer sich als toll beschreibt, wie beim Vorstellungsgespräch.“

Christoph Hein hat sich mit seinen Romanen – und nicht zu übersehen: den Stücken! – wiederholt als Seismograf gesellschaftlicher Zustände gezeigt. Er goss die Vereinzelung in eine Novelle („Der fremde Freund“), er beobachtete Karrieren nach der Vereinigung („Willenbrock“), er erfand eine Geschichte um einen Wissenschaftler in prekären Verhältnissen („Weiskerns Nachlass“), folgte den Spuren des RAF-Terrorismus („In seiner frühen Kindheit ein Garten“). 

Seine Leser wissen das und erwarten das von ihm. Er wurde in der DDR geliebt für seine Bücher und dafür, wie er sich mit der Zensur anlegte. Dass er weiterhin verehrt wird, zeigte sich vor anderthalb Jahren, als er seinen Roman „Trutz“ vorstellte. Da musste die Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg ihren großen Saal nach zwei Seiten hin öffnen, so groß war der Andrang. Am Sonntag der kommenden Woche liest er in der Berliner Volksbühne. Mal sehen, wie dort das Publikum untergebracht werden kann. 

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