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Christoph Hein Der Seismograf

Christoph Hein begibt sich mit seinen Büchern immer wieder in die Geschichte, um die Gegenwart zu verstehen – ein Hausbesuch beim Schriftsteller in Havelberg.

Christoph Hein
Autor vor Havellandschaft. Foto: Markus Wächter

Christoph Hein wird fast seit Beginn seines Schreibens als Chronist der deutschen Verhältnisse bezeichnet. Er habe nichts dagegen, würde sich aber selbst nicht so nennen, sagt er. „Mit großer Mühe könnte ich aus dieser Kiste rauskommen, aber dann würde ich in die nächste gesteckt.“

Dass man einige seiner Romane wie eine Art der Geschichtsschreibung lesen könne, nennt er schlicht eine Eigenschaft der Literatur. Er verweist auf Brecht, der lobte, wenn man Homers „Odyssee“ lese, könnte man ein antikes Gastmahl nachstellen. „Ich finde, wenn ich eine Geschichte erzähle, die zu einer bestimmten Zeit spielt, muss das, was im Hintergrund stattfindet, ganz genau stimmen. Ein Fehler wäre mir sehr peinlich.“

Christoph Hein ist 1944 in Heinzendorf in Schlesien geboren, aufgewachsen in Bad Düben nicht weit von Leipzig. Seinen Friedeward hat er elf Jahre früher zur Welt kommen lassen, in einem kleinen Ort im Norden von Thüringen. Wie war das, zu der Zeit schwul zu sein? Das musste sich der Schriftsteller verdeutlichen: „Die Generation unserer Väter hatte gar keine Ahnung von Homosexualität. Ich kann mich nicht erinnern, dass in meiner Kindheit jemals das Wort homosexuell gefallen wäre.“ 

Das Ende der Handlung in „Verwirrnis“ fällt in die Zeit, da Hape Kerkeling und Alfred Biolek geoutet wurden, Anfang der neunziger Jahre. Friedeward kann man sich gut so vorstellen wie den Talkmaster, sehr höflich, sehr gut gekleidet. Aber er war nicht das Vorbild für die Romanfigur. „Ich dachte eher an Hans Mayer, den hatte ich ganz gut gekannt. Ich bekam mit, wie er manchmal im Freundeskreis geneckt wurde: Du weißt ja gar nicht, was dir entgeht. Darauf ging er nicht ein. Er hätte nie darüber reden können.“ 

Da ist es interessant, genauer zu erfahren, wie Christoph Hein beim Schreiben vorgeht. „Am Anfang habe ich nur ein paar Striche in der Figurenskizze, da habe ich noch alle Freiheiten. Doch je weiter ich beim Schreiben bin, desto mehr muss ich dem Gemälde oder der Zeichnung gehorchen. Ich kann nicht dem bärtigen Mann den Körper einer Frau geben. Die Figur zwingt mich in eine bestimmte Richtung.“ 

In die erzählte Zeit und die Figuren fließen Erfahrungen ein. Der alte deutsche Paragraf 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, wurde in der DDR zwar Ende der sechziger Jahre abgeschafft, aber ausgegrenzt wurden Schwule und Lesben weiterhin. Hein erzählt von einem Mitarbeiter des Aufbau-Verlags, wo er selbst damals veröffentlichte, der musste einmal zu einem Vortrag über Ehe und Familie, zusammen mit anderen Schwulen und Lesben. „Dann wurden sie gebeten, es doch bitte einmal zu lassen, mit dieser Formulierung: Könnt ihr das nicht mal lassen?“ 

Der Roman lebt auch von kleinen konkreten Details. Friedeward und sein Bruder wurden vom Vater nicht einfach nur geschlagen, sondern „mit dem Siebenstriemer gezüchtigt, einem kurzen Holzstück, an dem sieben je achtzig Zentimeter lange Lederstreifen befestigt waren“. Wie findet man ein solches Folterinstrument? Ein Schulkamerad Christoph Heins hat solche Bestrafung durch den eigenen Vater erlitten. „Er hat mir den Siebenstriemer mal gezeigt. Und ich weiß auch, dass die Abschaffung der Prügelstrafe im Jahr 1946 nicht sehr große Zustimmung in der Bevölkerung gefunden hatte.“ Ein Klaps hat noch keinem geschadet, das war die gängige Meinung noch über Jahrzehnte. „Aber das hat sich heute gedreht“, sagt Christoph Hein, „heute werden ja die Lehrer von den Schülern verprügelt.“ 

Das denkt er sich nicht aus, sondern liest es in der Zeitung. Und wenn er den Zustand des Schulwesens heute kritisiert, meint er nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen, die vergessen haben zu investieren, zu planen. Er ist nicht der Griesgram, der verbittert auf die Jüngeren schaut, hat er doch solche eine Position selbst karikiert, als er 2009 in einem Gymnasium auftrat. Das kann man nachlesen, in der Edition Suhrkamp: „Über die Schädlichkeit des Tabaks – oder: Ein älterer Herr hält eine Rede vor Abiturienten“. Der Redner greift darin die eigene Generation an, die so bedenkenlos die Ressourcen der Erde verspielt.

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