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Christoph Hein Der Seismograf

Christoph Hein begibt sich mit seinen Büchern immer wieder in die Geschichte, um die Gegenwart zu verstehen – ein Hausbesuch beim Schriftsteller in Havelberg.

Christoph Hein
Autor vor Havellandschaft. Foto: Markus Wächter

Hinter seinem Haus in Havelberg liegt eine weite, flache, wasserdurchzogene Landschaft. Christoph Hein aber lenkt den Blick der Besucher zu den Hügeln am Horizont: „Dort hat Otto Lilienthal seine ersten Flugversuche unternommen und ist später tödlich verunglückt.“ Vielleicht kann man, wenn man sich hineinversetzt in diese Art zu schauen, verstehen, was diesen Schriftsteller ausmacht. Warum seine Bücher einem nahegehen, auch wenn sie von längst Vergangenem handeln. Oder von Menschen, die ganz anderes erlebt haben als man selbst. 

„Verwirrnis“, der neue Roman von Christoph Hein (FR v. 11. August), beginnt in einer Gegenwart wie der unseren. Sein Held Friedeward Ringeling wird von anderen als Sonderling wahrgenommen. Er hat altmodische Manieren, erkundigt sich zum Beispiel, ob es erlaubt sei, dass er sein Jackett ablege. Dann erzählt Christoph Hein die lange Geschichte der Demütigungen, die dieser Friedeward durchlitten hat: Er ist schwul und hat sich sein Leben lang versteckt. Noch als Jugendlicher vom Vater geprügelt, durch Gottesfurcht klein gehalten, an der Universität belauert, als Reisekader in der DDR erpressbar. 

Der erste Satz gibt die Stimmung vor: „Daran will ich mich später erinnern.“ Will man das nicht lieber vergessen? Christoph Hein, der im Gespräch meistens eine kleine Pause vor eine Antwort legt, hat hier sein „Nein“ sofort parat: „Ich halte es für fatal, sich nur an die guten Sachen zu erinnern. Das Schlechte gehört zum Leben dazu.“ Dieser Friedeward sei gefangen in seinen Prägungen, „er bekommt sie nicht aus seinem Kopf heraus, auch nicht aus dem Körper.“ Und er ist ein Außenseiter, was Hein vor allem interessierte: „Es gibt dieses schöne Wort von Marx, dass der Fortschritt einer Gesellschaft sich exakt messen lässt an der Stellung des schönen Geschlechts – in Klammern: die Hässlichen eingeschlossen.“ Damals waren die Frauen Außenseiter. „Heute gibt es andere, die nicht so richtig dazugehören: die Farbigen, die Behinderten, die Schwulen. Eine Gesellschaft misst sich am Umgang mit den Außenseitern. Wir erleben das in Europa gerade mit den Migranten.“ 

Der Roman erzählt zwar von einem Schicksal, als würde es für sich genommen betrachtet. Der Leser kann dem Weg Friedewards in allen Lebensetappen folgen. Dahinter aber, verknüpft mit dem Weg der Figur, erzählt Christoph Hein ein Stück deutsche Geschichte. Er geht vom Ende des Zweiten Weltkriegs über den Neuaufbau der Strukturen in der Sowjetischen Besatzungszone, reicht von der Gründung der DDR über den Mauerbau bis zum Zusammenbruch des Staates und der Neuorganisation des Bildungswesens im Freistaat Sachsen, der mit einem Kahlschlag der Mitarbeiterstellen an der Universität Leipzig einherging. 

Seinen ersten Roman „Horns Ende“ begann Christoph Hein mit den Worten: „Erinnere dich.“ Er erschien 1985, drei Jahre nach seinem Welterfolg, der Novelle „Der fremde Freund“. Warum ist ihm das Erinnern so wichtig? „Weil ich meine: Nur wenn man sich wirklich genau erinnert, kann man das Leben richtig führen. Die schlechten Erfahrungen gehören zum menschlichen Zusammenleben dazu. Wenn Sie einen neuen Partner kennenlernen, wollen Sie nicht nur von seinen Urlaubsreisen hören. Die Katastrophen prägen mehr als das Schöne.“ 

Da drängt sich der Gedanke auf, warum er jetzt in Havelberg lebt. Christoph Hein hat einige Jahre nach dem Tod seiner Frau, der Filmemacherin Christiane Hein, noch einmal geheiratet, die Opernsängerin und Regisseurin Maria Husmann. Sie hat das Haus hier in Havelberg gefunden. Wir sitzen draußen, das Wetter ist schön. Abwechselnd kommen die Katzen Lotte und Lottchen vorbei. 

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