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Christian Kracht: "Die Toten" Krachts deutschnationaler Mythenmuff

Das Kino, die kulturelle Hegemonie und die Nazis: Schriftsteller Christian Kracht spielt weiter im deutschem Mythenmuffsandkasten. Das ist völlig überflüssig.

07.09.2016 16:43
Von Sabine Vogel
Auch Charlie Chaplin, hier in seinem Film „Der große Diktator“, bekommt in Christian Krachts Welt des Machtübernahme-Jahres 1933 seinen Auftritt. Foto: imago stock&people

Christian Kracht hat einen neunen Roman geschrieben. Der ist vom heutigen Donnerstag an im Handel, vorher durfte man eigentlich nicht drüber berichten. Um den Hype vorzuglühen, gab Kracht vorab zwei Interviews, eines fürs Denis Schecks Fernsehsendung „Druckfrisch“, eines für die „Zeit“. Man erfuhr darin, dass Kracht gerne Rindertartar isst und seine Krawatte locker trägt, in katholischen Kirchen schon mal niederkniet, und mit Frau (der Filmregisseurin Frauke Finsterwalder) und Kind jetzt in Hollywood lebt.

Der Feuilletonchef der FAZ monierte daraufhin den Sittenverfall der Literaturkritik, die sich zum Vasallen der Verlagsvermarktung mache. Worauf dann, Sperrfrist hin oder her, dort (am Samstag und am Sonntag) gleich zwei Besprechungen des Romans hintereinander erschienen. Überschwänglich gepriesen wird Krachts „eleganter“ Stil, seine „exzentrische Virtuosität“, seine „Thomas Mann“-artige Altmodischkeit, seine feine Ironie und noch feinere Empfindsamkeit. Und weil Kracht ja so ein exorbitanter Stilist ist, wird noch der misslungenste Satz als Demonstration für das Scheitern der Sprache interpretiert. Sätzen, die sich in der eigenen Manieriertheit geradezu krawattenknotig selbst strangulieren, wird Ironie und tiefere Bedeutung zugesprochen.

Christian Krachts neuer Roman spielt zur Zeit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933, er heißt „Die Toten“ und beginnt auch mit einem: Ein japanischer Offizier begeht Harakiri vor laufender Kamera. Diesen brombeerblutigen Dokumentarfilm schickt Masahiko Amakasu, der schon als Dreijähriger Heine im Original lesen konnte, zum Chef der Ufa nach Berlin. Man bitte, einen renommierten deutschen Filmregisseur zu entsenden, damit parallel zur faschistoiden eine „zelluloide Achse“ zwischen Berlin und Tokio geschmiedet werde, um dem amerikanischen Kulturimperialismus Paroli zu bieten. Der ist allerdings mit Charlie Chaplin auf Japanbesuch schon da.

In Berlin trifft der Schweizer Avantgarde-Regisseur Emil Nägeli den Opportunisten Heinz Rühmann und den Hitler-Adjutanten Putzi Hanfstaengel. Im Auftrag der Deutschen und mit viel Ufa-Geld soll Nägeli, wie Kracht quasi ein Ersatz-Deutscher, in Japan einen Vampirfilm drehen, „Schießpulver für die Augen“.

Am Ende geht es nach Hollywood

Nägelis sommersprossig blonde Freundin Ida von Üxküll ist zufällig schon in Tokio und könnte die Rolle des arischen Opfers spielen. Weil Ida es aber da bereits mit jenem Amakasu treibt, wird es nichts mit der Komödie von den asiatischen Blutsaugern. Nägeli verliert sich derweil in „dunkelgesättigten“ und „sanft gezackten“ Hügeln und begeistert sich an den von der „Augenblicklichkeit des Universums durchdrungenen“ Bauern. Gegen die asiatischen Meister der edlen Einfalt sind ihm die Bergzausel seiner Schweizer Kindheit ranzige Grobiane.

Am Ende geht es dann doch nach Hollywood, wo die deutsche Ida es statt zu Filmstarglamour nur zur spektakulär grässlichen Leiche bringt. Klappe.

Davor lässt Kracht abwechselnd – weil’s um Kino geht, heißt das Parallelmontage – seine beiden Protagonisten sich ihrer problematischen Vaterlieben und der unbarmherzigen Familien erinnern. Dem weißen Hasen des kleinen Emil wurde das Fell abgezogen und jetzt ist sein greiser Vater gestorben. Wirklich traurig. Masahiko wurde in ein superautoritäres Kadetteninternat gesteckt. Ohne Zucht keine Herrenreiterkultur. Als Nägeli mit dem Schiff in Japan angekommen ist, macht er mit einem standesgemäß weit unter ihm stehenden Assistenten Konversation über den Zusammenhang von Hochkultur und nordisch gemäßigtem Klima, weshalb es in den Tropen ja nur Trägheit gebe und keine imperialistischen Ambitionen. Sein Gesprächspartner kontert mit den Hochkulturen der Khmer, der Javanesen, den Pyramiden.

Aber was will uns Kracht damit sagen? Dass deutscher identitärer Nationalstolz und kulturelle Hegemonie Humbug sind? Weil Hitler sowieso nur ein „drogensüchtiger vulgärer Hanswurst“ war, wie er Putzi Hanfstaengel sagen lässt, als dem im Lager am Rande der kanadischen Arktis der große Zeh abfault? Warum reitet Kracht dann unentwegt auf dem Deutschtum herum?

„Drei Deutsche ohne Deutschland“ heißt eine der irrsten Schlüsselpassagen in den „Toten“. Der jüdische Filmkritiker Siegfried Kracauer, Lotte Eisner und Fritz Lang fahren im Nachtzug aus dem „gräßlichen, blutigen, von Fleisch (und im spezifischen von Wurst) morphologisch geprägten Berlin“ heraus. Sie betrinken sich im Speisewagen. Vor den Fenstern huschen Dörfer vorbei, „wie vom Rauschen der Eisenbahn lediglich im Vorüberfahren befruchtete Bienenstöcke“. Kracht lässt – ist das nun ironisch oder schiere Perfidie? – ausgerechnet die vor den Nazis ins Exil flüchtende Lotte grottig pathetisch über das „magische Raunen“ des deutschen Waldes herziehen. Sie schwelgt – ex-negativo – von der „druidischen, heidnischen Kraft“, von „Hirschkönigs Siegeskraft, welche die Dekadenz der Lateiner überwinden könne“, dem „moosiger Druck der Erdkrume Germaniens und dessen Urwäldern aus Eiche“. Dagegen sei der französische Wald „frei vom teutonischen Gestammel um den deutschen Boden“.

Ist das, frei nach Martin Kippenbergers „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“, ironischer Nazi-Asterix? Oder einfach mit ein wenig No-Theater verquirlter deutschnationaler Mythenmuff? Für mich ist das ärgerlicher und total überflüssiger Stuss.

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