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Christian Döring "Das ist ein Popanz"

Christian Döring spricht im FR-Interview über die Entlassung der Herausgeber Klaus Harpprecht und Michael Naumann bei Eichborn.

27.03.2010 00:03
Christian Döring lektoriert für Eichborn die "Andere Bibliothek". Foto: worring

Herr Döring, warum verzichtet die "Andere Bibliothek" künftig auf einen Herausgeber?

Die "Andere Bibliothek" braucht eine ökonomische Standfestigkeit, die diese luxuriöse Doppelherausgeberschaft mit gehobenem Honorar nicht bieten kann. Die Herausgeberschaft ist für die "Andere Bibliothek" von nicht so großer Bedeutung - jedenfalls hat sie die in der Nach-Enzensberger-Ära nicht mehr. Leser und Buchhändler wünschen sich die Originalität der einzelnen Bände und ihrer Autoren. Das muss wieder im Mittelpunkt stehen.

Können Sie den Unmut von Michael Naumann und Klaus Harpprecht nachvollziehen?

Ich wünsche mir mehr Einsichtsfähigkeit der beiden altersweise gewordenen Herausgeber. Die "Andere Bibliothek" ist keine Pfründe. Zwei bedeutsame Kulturmenschen sind Herausgeber geworden vor zweieinhalb Jahren. Sie werden bis Ende 2011 vierzig Bände herausgegeben haben, und sie sind gewissermaßen Angestellte des Verlages, mit einem Vertrag, der Aufgaben, Rechte, Pflichten klärt. Nun ist der Verlag der Meinung, dass es wieder einer neuen Etappe für die "Andere Bibliothek" bedarf, einer Erneuerung. Also trennt er sich von den beiden. In anderen Zusammenhängen wäre das ein normaler Vorgang, der hier wie ein Kulturskandal behandelt wird. Ich finde schon, es wäre etwas mehr Bescheidenheit am Platze.

Es gab den Vorwurf, die Entlassung sei nicht ausreichend begründet worden.

Formell und vertraglich geregelt bedarf es überhaupt keiner Begründung. Also ist der Vorwurf unbegründet. Aber die Herausgeber sind selbstverständlich von Anfang an immer im Gespräch mit dem Vorstand des Eichborn Verlages gewesen. Sie wussten immer um die wirtschaftlichen Probleme, die eine solche Reihe mit sich bringt. Das sind wunderbare luxuriöse Bücher, die aber auch den Weg zum Leser finden müssen.

Vorgestern fielen Begriffe wie "modernes Marketing".

Die Begriffe "Marketing" und "neue Zielgruppen" haben die Herausgeber in die Welt gesetzt. Hier wird etwas sinnlos gegeneinander ausgespielt. Einerseits der bildungsbürgerliche Anspruch, den die "Andere Bibliothek" erfüllen soll. Andererseits etwas scheinbar Verdammenswürdiges wie Marketing. Warum soll das Bildungsbürgertum nicht mit bestmöglichem Marketing bedient werden? Jeder Autor muss sich das wünschen. Nehmen Sie das Beispiel der Wochenzeitung Die Zeit, die neue Leserkreise erschlossen und das Durchschnittsalter der Leser verjüngt hat. Der ehemalige Herausgeber dieser Zeitung sollte das eigentlich wissen. Das ist unproduktiver Konservativismus, das ist ein Popanz, das überzeugt mich nicht.

Es muss einen auch nicht überzeugen, sofern die Existenz der "Anderen Bibliothek" gesichert ist. Und das ist sie?

Der Verlag weiß um die Bedeutung dieser gewiss schönsten Buchreihe im deutschen Sprachraum, die für Eichborn das Flaggschiff darstellt.

Muss man aber um die Handschrift fürchten? Allerdings: Gab es überhaupt noch eine Handschrift nach Enzensberger?

Schauen Sie sich die Programme durch mit Blick auf die Frage, ob sich das Spektrum in den letzten Jahren nicht verengt hat. Und ob sich beispielsweise die Entdeckungen aus anderen Sprachen nicht vornehmlich auf Übersetzungen aus dem Englischen beschränkt haben, vom Fehlen der Entdeckungen deutschsprachiger Autoren ganz zu schweigen.

Der größte wirtschaftliche Erfolg unter Naumann und Harpprecht dürfte die Grimmelshausen-Übertragung gewesen sein.

Die Wiederentdeckung von Georg Forster durch Klaus Harpprecht und den Band "Die Vögel Mitteleuropas" dürfen Sie bitte nicht vergessen. Und dann der von Reinhard Kaiser wiederentdeckte und übersetzte Grimmelshausen, das haben Sie recht. Allerdings ging die Initiative da von dem Übersetzer aus.

Wie muss man sich das Zustandekommen solche Bände überhaupt vorstellen? Wirken Sie als Lektor programmatisch mit?

Das Herausgebermodell der "Anderen Bibliothek" war und ist bis Dezember noch so gestaltet, dass die Herausgeber eine vollkommene Programmautonomie haben. Es ist wünschenswert, dass der Verlag diese wieder in die eigenen Hände zurückbekommt.

Wie wird es jetzt weitergehen?

Ich bin der Meinung, dass eine Reihe wie die "Andere Bibliothek" gleichsam kosmopolitische Spezialisten braucht, Kenner aus allen Wissensbereichen, Berater, Übersetzer, Autoren, Freundeskreise und auch die hochgebildete Lesegesellschaft der "Anderen Bibliothek". Und natürlich muss ein Ziel sein, auch immer wieder neue, jüngere Leserkreise zu erschließen. Jede Generation bringt ihre neuen Erfahrungen und Wahrnehmungen mit.

Ab 2011 werden Sie das Programm machen. Sie werden das nicht delegieren, Herausgeber wird es nicht mehr geben.

Lassen Sie uns doch nichts ausschließen. Aber so, wie ich es eben skizziert habe, wünsche ich es mir.

(Interview: Judith von Sternburg)

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