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Christentum Alles noch einmal

Eilert Herms wagt sich ans Ganze: Drei grundlegende Bände zum „Wesen des Christentums“.

Paris
Die Kathedrale Notre Dame in Paris. Foto: afp

Wann hat es ein solches Werk zuletzt gegeben? Von dem großen Theologen Paul Tillich gibt es so etwas, erschienen vor mehr als sechzig Jahren, auch von Wolfhart Pannenberg vor knapp dreißig Jahren. Aber das 21. Jahrhundert schien nicht gemacht für 3500 Seiten von einem einzelnen Autor zu einem Großthema, dem „Wesen des Christentums“. Bis jetzt.

Denn jetzt hat Eilert Herms, bis zu seiner Emeritierung vor neun Jahren evangelischer Theologieprofessor in Tübingen, ein Werk vorgelegt, mit dem das gesamte Themenfeld noch einmal neu aufgerollt werden soll: „Systematische Theologie“ heißen die drei Bände, die in 100 Paragrafen erörtern, was es aus protestantischer Sicht bedeutet, „in Wahrheit und aus Gnade (zu) leben“.

Von der Ethik bis zum Schriftverständnis, von der grundlegenden Spannung zwischen Offenbarung und Vernunft bis zum Gottesbegriff: Eilert Herms lässt nichts aus. Jeder Paragraf beginnt mit einer These, die eingehend kommentiert wird – man spürt stets, dass hier ein Theologe mit ausgeprägtem Systematisierungswillen (und Kenntnisreichtum) gearbeitet hat.

Gibt es jemanden, der diese drei Bände samt und sonders gelesen hat, außer dem Autor, seinen Mitarbeitern und den Verlagslektoren? Fragen können einem bei der Lektüre schon kommen und lohnen die Diskussion. Im Paragraf 24, Band 1, schreibt Herms zum Beispiel, „die Tätigkeit des Glaubens“ vollziehe sich „im Ganzen“ des Lebens, das als solches immer auch öffentliches Bekenntnis des Glaubens sei, und zwar, so erläutert er, „als der leibhafte Ausdruck dieses seines Motiviert- und Orientiertseins“. Hier wüsste man doch gern, was Herms’ Rede von einem „Identitätskern“ dann überhaupt bedeuten soll, zumal dieser Kern für den Glauben (lediglich) im „Wortbekenntnis“ verankert wird.

Und ist die Rede von einem „Ganzen“ des Lebens und einem „Identitätskern“ des Glaubens nicht zumindest missverständlich? Redet man sich so nicht an den Rand einer bloßen Abgrenzungsideologie, die im Widerspruch zur „schaffenden Liebe des Schöpfers“ steht?

Im Zusammenhang seiner ethischen Überlegungen betont Herms zu Recht die grundlegende Sozialität und „Bildungsbedürftigkeit“ des Menschen, nämlich seine Unvollkommenheit, sein Angewiesensein auf ein Gegenüber. „Ganz“ ist der Mensch aus christlicher Sicht gerade nicht, kann sich der Glaube entsprechend überhaupt „im Ganzen“ vollziehen? Was mag das konkret heißen?

Man muss nicht, wie derzeit häufig betrieben, Spiritualität und Theologie, Glaubenspraxis und akademisches Forschen gegeneinander ausspielen, um zu fragen, ob hier nicht theoretische Fragen entweder zu Scheinproblemen oder Fragen aus der Praxis unter abstrakten Gebilden zum (scheinbaren) Verschwinden gebracht werden. Man muss auch kein Verächter des intellektuellen Diskurses sein, um mit Luther festzustellen, dass es ja nichts nütze, die vielen Bücher zu lesen, die es gebe, es seien ja nicht diejenigen Christen die besten, die „vielerlei lesen und ein reiches Schrifttum hervorbringen“, sondern jene, „die völlig ungezwungen das tun, was jene nur in den Büchern lesen und die anderen lehren“, nämlich Taten der Liebe. Aber man sollte es im Sinn behalten: Liebe ist nie theoretisch, oder keine Liebe. Ist nicht auch das, so simpel es klingt, eine zentrale Botschaft des Neuen Testaments?

So werfen diese drei Bände vor allem Fragen auf. Das sollte allerdings nicht abschrecken: Das Wesen des Christentums findet sich so oder so im gelebten Glauben selbst. Und dieser erweist sich in der Gegenwart so fraglich wie zuvor.

Eilert Herms: Systematische Theologie. Drei Bände. Mohr Siebeck,. Tübingen 2017, 3468 S., 149 Euro.

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