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Christa Wolfs letzter Roman "Stadt der Engel" Wahrheit und Wahn

Eine Flucht, die sich als Suche ausgibt: Christa Wolfs "Stadt der Engel" ist ein Roman der den Entscheidungswillen des Leser herausfordert. Von Arno Widmann

Die Schriftstellerin Christa Wolf bei der Präsentation ihres neuen Buches "Stadt der Engel" in der Akademie der Schönen Künste in Berlin. Foto: dpa

Es ist ein ungenießbares Buch. Auf jeden Fall für alle jene Leser, die sich aufgehoben wissen wollen in dem Räderwerk eines Genres. Der Verlag hat unter den rätselhaften Titel "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" die Bezeichnung Roman gesetzt. Das grenzt nur darum nicht an Irreführung, weil niemand die Grenzen abzustecken weiß, innerhalb derer ein Roman sich zu bewegen hat.

Die Autorin selbst spricht freilich lieber als von einem Roman "von einem Gewebe, in das Bestandteile erfahrener Realität eingewoben sind". Der gemeine Leser dagegen wird den umgekehrten Eindruck haben: eine Schilderung der Realität, in die romaneske Züge eingewebt sind. Ungenießbar ist dieses Buch aber auch, weil es vollgestopft ist mit Meinung. Es scheint um nichts anderes zu gehen. Die Meinung der Ich-Erzählerin, hinter der selbst professionelle Leser nur schwer jemand anderen als die Autorin entdecken werden. Die Meinungen ihrer Gesprächspartner, am Ende des Buches auch die Meinung des sie begleitenden Engels.

Man wird es niemandem verdenken können, der das Buch nach einer halben Stunde stöhnend beiseite legt und der Autorin wütend klarzumachen versucht, sie hätte doch lieber erzählen statt leitartikeln sollen. Oder aber eben leitartikeln und auf das gar zu fadenscheinige Gewand der Erzählung verzichten. Das romaneske Element besteht ja weniger in den erfundenen Details als in der von der Autorin mühsam hergestellten Unklarheit. Das betrifft die elementarsten Dinge. Gut, das Buch spielt - spielte es doch! - in Los Angeles. Aber wann? Als Christa Wolf dort wohnte und von dort aus die in Deutschland aufbrechende Debatte über ihre Stasi-Tätigkeit erlebte.

Im ganzen Buch kommt kein Datum vor. Es kommen Hinweise, denen der pedantische Leser mit Hilfe des Internets nachgeht. "Am Morgen war das Urteil im Rodney-King-Prozess bekannt geworden" Gemeint ist der zweite, bei dem zwei der Polizisten, die den Afroamerikaner Rodney King zusammengeschlagen hatten, am 4. August 1993 verurteilt wurden. Der recherchierende Leser atmet auf. Er hat für einen Augenblick das Gefühl festen Bodens. Dann liest er weiter in "Stadt der Engel" und wieder telefoniert die Erzählerin mit einem Freund in Berlin. Es sind die Telefonate mit ihrem Mann, denkt der Leser. Was soll diese Geheimnistuerei? Wozu braucht sie die Mystifikation? Was wird mit ihr gewonnen?

Das sind Fragen, die sich der Leser stellt. Sie gehen ihm immer wieder durch den Kopf, wenn Autoren gewissermaßen raunend zitiert werden, wenn die Erzählerin vor einfachen Sätzen ausweicht ins Vage. Der Leser wird aggressiv.

Jetzt tut er gut daran, das Buch erst einmal beiseite zu legen und sich zu entscheiden, ob er weiterlesen möchte oder nicht. Wenn der Leser sich entscheiden kann, so ist das in den meisten Fällen schon ein Argument gegen das Buch. Aber manchmal sorgt ein Perspektivwechsel für Klarheit. Cecilia Bartoli hat einmal in einem Interview erklärt: Ich weiß selbst, dass ich keine sehr starke Stimme habe. Warum bedauern das die Kritiker? Warum freuen sie sich nicht an dem, was ich habe und ihnen zeige?

Gehen wir davon aus, dass es müßig ist, bei einem Autor einzuklagen, was wir lesen wollen. Er wird nicht anders können als er konnte. Was also kann Christa Wolf in "Stadt der Engel"? Sie kann ungenießbar sein. Das hört sich nach einem Verdikt an. Aber wer sagt denn, dass ein Buch genießbar sein muss? Warum kann ein Buch nicht gegen den Genuss geschrieben sein? Besteht die Qualität eines Autors nicht auch darin, sich der Forderung nach Genießbarkeit zu entziehen - um der Wahrheit willen? Ja, zum Beispiel. Aber besteht die Ungenießbarkeit des Buches von Christa Wolf nicht auch gerade darin, dass sie sich der Wahrheit entzieht? Diese Ich-Erzählerin hätte doch einfach erst einmal klar sagen können, dass sie vor vielen Jahrzehnten der Staatssicherheit der DDR drei kleine Berichte geliefert hat, in denen nicht ein negatives Wort über die, über die sie berichtete, vorkam. Dass sie danach aber jahrelang - das ist in meterlangen Akten dokumentiert - von eben jener Behörde observiert und als Staatsfeind betrachtet wurde.

Die Ich-Erzählerin berichtet, dass sie ihre eigenen Berichte - ihre so genannte Täterakte also - regelwidrig hatte einsehen können. Aber sie sagt nicht, ja sie erwägt nicht einmal, dass sie die Einladung des Getty-Instituts nach Los Angeles wohl auch deshalb angenommen hatte, um die deutsche Aufregung über ihre Stasi-Tätigkeit nicht im heimatlichen Berlin erleben zu müssen. Diese einfachen Wahrheiten werden nicht angesprochen in dem Buch.

Aber wir müssen begreifen. Das sind unsere Wahrheiten. Die Wahrheit der Ich-Erzählerin ist, dass sie auf der Flucht ist vor der Wahrheit. Das Buch ist eine Flucht, die sich als Suche ausgibt. Man kann das, man muss das vielleicht sogar verdammen. Aber es wäre dumm, nicht zu begreifen, wie viel Wahrheit darin liegt. Die Ich-Erzählerin ist nicht mehr fähig zur Wahrnehmung der Wirklichkeit. Sie ist besessen von dem Gefühl, in einem entscheidenden Moment für einen kurzen Zeitraum versagt zu haben. Sie hat diese Erfahrung eingekapselt und in den Papierkorb des Vergessens geworfen. Aber auf der Festplatte hat sie ihn nicht löschen können. So schwankt sie zwischen Schuldgefühlen und dem Trotz, nichts Schlimmes getan zu haben.

Beides ist wahr. Sie hat - blickt man auf die Berichte - nichts Schlimmes getan. Aber sie hat recht, sich schuldig zu fühlen: Sie hätte nicht berichten sollen. Aber von welcher "sie" spreche ich? Die Berichte der Christa Wolf kennen wir. Die der Ich-Erzählerin kennen wir nicht. Die Ich-Erzählerin setzt unsere Kenntnisse über Christa Wolf voraus. Auch das ist das Fadenscheinige des erzählerischen Mantels von "Stadt der Engel". Das Bewegende an diesem Buch - o ja, es gibt allerhand Bewegendes darin - ist, zu beobachten, wie die Ich-Erzählerin alles, was ihr begegnet, als einen Spiegel nimmt, durch den sie sich und ihr Verhältnis zur DDR betrachtet.

Gerade dieses Wahnhafte, das das Buch ungenießbar macht, ist das Wahre daran. Es wird - wenn Wahrheit denn steigerbar wäre - noch wahrer dadurch, dass die Autorin sich nicht distanziert von diesem Wahn ihrer Ich-Erzählerin, sondern ihn mitzuleben scheint. All die vernichtenden Urteile über das politische und gesellschaftliche Leben der USA sind weniger Teile eines Entschuldungsprozesses der Ich-Erzählerin als vielmehr Dokumente einer Wahrnehmung, die fokussiert ist auf die eigene Geschichte, das "eigene Land".

Die Stadt der Engel, das sonnige Kalifornien, die kurz aufblühende, dann wieder verschwundene Kultur der Anasazi, ja die ganze weite Welt nichts als Spiegelkabinett. Überall sieht die Ich-Erzählerin nur sich selbst und ihr Problem. Man mag ihr das vorwerfen. Aber so reagiert ein Mensch, der unter Druck geraten ist, der nirgends mehr einen Ausweg, stattdessen überall dieselbe Mauer sieht. Der Ich-Erzählerin wird von einer Freundin gesagt, ihr "Urwunsch sei, kenntlich zu sein, sich kenntlich zu machen durch schreiben". Das ist ihr gelungen. Nicht zu unserer Freude, aber das wäre eben nicht die Wahrheit gewesen. Und schon gar nicht die Wahrheit, für die Christa Wolf sich interessiert.

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