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China Der dicke Li von der Inneren Sicherheit

Liao Yiwu schildert detailliert und intensiv seine „lange Flucht aus China“ und einen Alptraum, der nicht wirklich endet.

Chinese writer Liao Yiwu stands behind a cage symbolising his political imprisonment as he delivers his speech after receiving the Peace Prize of the German Book Trade during a ceremony in Frankfurt
2012 in Frankfurt: Liao Yiwu bedankt sich hinter symbolischen Gittern für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Foto: rtr

Der Ruhm kam über Nacht. Und dann irgendwann auch die Rettung. Im Jahre 2009 wusste Liao Yiwu zunächst nur wenig von dem, was sich außerhalb Chinas tat. Der Schriftsteller war für die kommunistische Diktatur ein notorischer Fall. Sein Gedicht „Massaker“, das er 1989 nach der Zerschlagung des Protestes auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking verfasst hatte, brachte ihm eine vieljährige Gefängnisstrafe ein. Wie er in dieser Vorhölle überlebt hat, ist nachzulesen in dem hochdramatischen Buch „Für ein Lied und hundert Lieder: Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen“, das 2011 erschienen ist. Das war das Jahr der Rettung, von dem nun die neueste Veröffentlichung des Autors handelt: „Drei wertlose Visa und ein toter Reisepass. Meine lange Flucht aus China“.

Die ausführliche, bewegende, erstaunliche, spannende Schilderung setzt so richtig ein mit der Frankfurter Buchmesse von 2009, als China das Gastland dieses auf Meinungsfreiheit setzenden Welttreffens der Literatur war. Die Messe hatte ausdrücklich auch Liao Yiwu eingeladen. Denn just in jenem Jahr war im S. Fischer Verlag der Band „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten“ herausgekommen. Liao Yiwu schildert darin seine Irrfahrten nach der Entlassung aus dem Gefängnis – da war er nämlich völlig mittellos, von Ehefrau und Kind getrennt, am Boden der Gesellschaft angekommen.

„Schönfärberische Reden“

Dieses Buch sollte sein Autor – so wollte es der chinesische Staat – nicht im Westen präsentieren. Nach Darstellung von Liao Yiwu wurden damals stattdessen „über hundert systemkonforme Schriftsteller“ nach Frankfurt geschickt. Und bei der Eröffnungsfeier der Messe seien „schönfärberische Reden“ gehalten worden, auch von Mo Yan, dem späteren Literatur-Nobelpreisträger, der die Ansicht vertreten habe, „Zensur sei wie die Sicherheitskontrollen auf den Flughäfen, man muss sie nicht mögen, muss sie aber akzeptieren“.

Liao Yiwu allerdings ist keiner, der Unterdrückung akzeptieren will. Daher kommt ihm die Einladung zur lit.Cologne für das Jahr 2010 sehr zupass. Plötzlich meldet sich auch die deutsche Botschaft bei ihm. Doch große Hoffnung auf eine Reiseerlaubnis gibt es nicht. Da ist es ausgerechnet einer seiner Überwacher, „der dicke Li von der Inneren Sicherheit“, der Liao Yiwu auf die Idee bringt, einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel zu schicken. Darin appelliert er nicht nur an die einflussreiche Politikerin, sondern auch an die ehemalige Bürgerin der DDR, die wisse, was eine Diktatur bedeute: „Ich bitte Sie inständig, schenken Sie der Tatsache Ihre Aufmerksamkeit, dass ich daran gehindert werde, in Ihr Land zu reisen.“ Eine chinesische Raubkopie des Films „Das Leben der Anderen“ fügt er dem Schreiben bei.

Bald wird er erfahren, dass die Kanzlerin mit seinem Werk und seiner Lage vertraut ist. Und es tut sich was. Im März 2010 besteigt er ein Flugzeug, um nach Köln zu fliegen, wird „willkommen“ geheißen, sitzt schon auf seinem Platz – als sich eine Stewardess ihm zuwendet: „Sie werden gesucht.“ Dann führen Polizisten ihn ab. Einige Monate später darf er doch noch ausreisen – zum Berliner Literaturfestival. Aber zurück in China gerät er wieder in die alte Mühle aus Bedrohung und Verhinderung. Schließlich entscheidet er sich zur Flucht nach Deutschland, die ihm über Vietnam gelingt.

All das schildert Liao Yiwu, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, detailliert und intensiv. Viele Menschen, die den Autor unterstützten, werden erwähnt: vor allem der Korrespondent Bernhard Bartsch, einige Verantwortliche bei S. Fischer und die Übersetzerin Tienchi Martin-Liao.

Liao Yiwu schildert den Schmerz nicht mit Schaum vor dem Mund, vielmehr sehr persönlich und gelegentlich sarkastisch. Der Alptraum scheint nie so recht zu enden. Nicht für den Exilanten Liao Yiwu, der weiß, dass die Verfolgung in der Heimat anhält: „Heute bin ich in Berlin, in einem ruhigen und sicheren Zuhause, und denke an Li Bifeng, an sein unruhiges und unsicheres Zuhause, was mich einigermaßen beklemmt.“ Dem Dichter und Freund ist das Buch gewidmet. Li Bifeng war 2011 wegen des Verdachts der Fluchthilfe für Liao Yiwu verhaftet worden. Seitdem sitzt er wegen eines angeblichen Wirtschaftsvergehens in Haft.

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