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Charlotte-von-Stein-Ausstellung „Ich fühl’s, wir werden niemals Freunde“

Eine Charlotte-von-Stein-Ausstellung in Frankfurt zu Goethes 269. Geburtstag.

Freies Deutsches Hochstift
Charlotte von Stein mit der Büste ihres jüngsten und liebsten Sohnes Friedrich (Fritz). Foto: Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethemuseum

Hier spiegelt sich eins im anderen, buchstäblich und sinnbildlich. Buchstäblich: Porträts betrachten Scherenschnitte, Scherenschnitte betrachten Büsten. Das Frankfurter Goethe-Gemälde von Georg Melchior Kraus ist eine Kopie von Johann Ehrenfried Schumann und wurde für die Ausstellung zudem noch reproduziert und gekontert. Goethe wird dadurch zum Linkshänder, die Besucher können ihre Wahrnehmung testen (wann merken sie, dass etwas nicht stimmt?) und vermutlich war es auch eine ästhetische Entscheidung. Der linkshändige Goethe sieht uns nun entgegen. 

Sinnbildlich: Noch bevor er ein Wort mit ihr gewechselt, sie leibhaftig gesehen hat, charakterisiert Goethe die im nur noch wenige Monate entfernten Weimar lebende Frau von Stein wie folgt und nicht mehr loszuwerden: „Festigkeit / Gefälliges unverändertes Wohnen des Gegenstands / Behagen in sich selbst. / Liebevolle Gefälligkeit / Naivität und Güte, selbstfliesende Rede / Nachgiebige Festigkeit. / Wohlwollen. / Treubleibend / Siegt mit Nezzen“. Die Anmaßung des klassischsten aller Vorurteile, nämlich des wahrlich vorab getroffenen, das man sich also per se verbitten müsste, gehörte zum beliebten, mit „wissenschaftlichen“ Ambitionen unterfütterten Gesellschaftsspiel und Konversationsgegenstand der Physiognomik. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat sie die Reste ihrer schon zuvor windigen Unschuld verloren. Goethe fasste sein Urteil angesichts einer von dem Philosophen und Pfarrer Lavater veröffentlichten Silhouette. 

Gleich daneben stellte er im selben Brief an Lavater seine Charakterisierung der berühmten Braunschweiger Fürstenmätresse Branconi (die er ebenfalls später persönlich kennenlernte und mochte): „Scharf nicht tiefsinn“, „Reine Eitelkeit“, „Siegt mit Pfeilen“. Auch wenn Goethes Wortwahl eigen und unspießig ist und ins Geflügelte tendiert – so kam es auch, bis zum Ende des Bildungsbürgertums siegten Damen mit Netzen oder Pfeilen –, waren es natürlich Stereotype der sittsamen und der sittlich anfechtbaren Frau, die er zur Anwendung brachte. Zumal er wusste, wen er vor sich hatte. 

Für Frau von Stein, der dies selbstverständlich zugetragen wurde – alles, worum es hier geht, spielte sich in einer Mixed Zone von Privatem und interessierter Öffentlichkeit ab –, waren das Festlegungen, die auf ihr Leben und ihren Nachruhm zurückwirkten. Und sei es nur, indem sie anders als Käthchen, Lotte, Friederike, Christiane, Ulrike oder Marianne stets ihren Nachnamen behielt. Unangenehm wird ihr das nicht gewesen sein, auch wenn sie den sieben Jahre jüngeren Neuankömmling Goethe in Weimar dann vorerst mied. „Ich fühl’s, Goethe und ich werden niemals Freunde.“ 

Freilich blieb es so nicht lang. Die „seraphisch entnervende Leidenschaft“ (Thomas Mann), die sich anschloss, führte, man weiß nicht genau, wohin, und außerdem zu bedeutenden Briefen des Dichters (ihre haben sich nicht erhalten, nachdem sie sie verärgert zurückgefordert hatte). Auf seiner Italienreise war Charlotte von Stein – ihrerseits sehr gekränkt von der unangekündigten Abreise – eine Art Depot für den Dichter, der sich seine Berichte anschließend wiedergeben ließ, um sie publizistisch zu verwerten. Er redigierte souverän am Original, unkleinliche Striche für die „Italienische Reise“ kann man sich in Vitrinen anschauen. 

Eigentlich soll es hier aber nicht um Goethe gehen. Im Gegenteil. Die von der Klassik Stiftung Weimar 2017 für den 275. Geburtstag Charlotte von Steins konzipierte, für das Frankfurter Goethemuseum nun zum heutigen 269. Geburtstag Goethes unter Federführung von Bibliotheksleiter Joachim Seng frisch aufbereitete Ausstellung möchte ihn sogar gerne ausschließen. Im Arkadensaal gibt es einen luftigen Vorhang, der nach der gespiegelten Dichterporträtkopie in die Sphäre Charlotte von Steins führen soll (in der Goethe dann natürlich doch allgegenwärtig ist). In der Frankfurter Version heißt die Schau „Nie standen die Frauen an ihrem gehörigen Platze ...“, eine Zeile aus dem Stück „Die zwey Emilien“: Frau von Stein soll hier im Idealfall nicht nur als eigenständige Persönlichkeit, sondern auch als zeittypisch behinderte, aber von der näheren Umgebung auch interessiert und klatschig-tratschig wahrgenommene Autorin zur Geltung kommen. „Die zwey Emilien“ (1800) ist die (deutlich abgewandelte, wie man hier lernt) Adaption eines englischen Romans und das einzige ihrer Werke, das zu Lebzeiten erschien. 

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