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Charles Baudelaire „Der übers Leben schwebt“

Zum 150. Todestag von Charles Baudelaire liegt eine neue Übersetzung von „Les Fleurs du Mal“ vor. Die Gedichte hatten die moderne europäische Lyrik miteingeleitet.

Charles Baudelaire
Charles Baudelaire war bei diesem Porträt aus den 1860er Jahren durchaus an einer Pose gelegen. Foto: imago

Charles Baudelaires großes Gedichtbuch gilt in mancherlei Hinsicht als Paukenschlag, der die moderne europäische Lyrik einleitet. Dementsprechend sind die Versuche sehr zahlreich, es auch in deutscher Sprache wiederzugeben. Nennen wir bloß Stefan George, Wolf von Kalckreuth, Rainer Maria Rilke, Walter Benjamin, Friedhelm Kemp und Monika Fahrenbach-Wachendorff. Nun hat auch Simon Werle sich mit seiner Übersetzung in diese illustre Folge eingereiht.

Der Romanist Werle, selbst Autor, hat Übertragungen u.a. von Racine und Molière vorgelegt und mehrere Auszeichnungen erhalten. In seinem Nachwort charakterisiert er die Leistungen seiner Vorgänger, stellt den von ihm gewählten Umgang mit den Alexandrinern des Franzosen vor, denen er mit einer gewissen prosodischen Freiheit, aber auch möglichst treuer Bewahrung der Reimstruktur begegnen will. Er möchte die Klanggestalt des Originals reproduzieren und zugleich semantische Treue erreichen. Umsichtig weist er darauf hin, dass Baudelaire, der heute vor 150 Jahren im Alter von 46 Jahren in Paris starb, selbst bereits klassische Formvorgaben durchbrochen und provokatorische Bildbrüche vorgenommen hat. Interessant ist, dass Werle auch von der sonst kaum beachteten Übertragung Sigmar Löfflers (Leipzig 1973) Anregungen empfangen zu haben bekennt.

Jeder, der selbst einmal übersetzt hat, weiß, wie unbefriedigend das Geschäft ist, und dass es dabei niemals ohne Patzer und weniger Geglücktes abgeht. Es kann immer nur um eine Annäherung gehen. Fangen wir also damit an – wir werden dabei aber nicht stehenbleiben –, auf ein paar gelegentliche Schnitzer oder unzureichende Formulierungen hinzuweisen. Lesen wir zum Beispiel in der dem Leser gewidmeten Vorrede Baudelaires, wie Werle einen der Verse wiedergibt: „Der Überdruss! – Vom Lid verkniffene Tränen streichend, / Erträumt er sich Schafotte…“. Es geht im Original freilich nicht darum, dass der personifizierte „Ennui“ sich Tränen verkneift und vom Augenlid wischt, sondern dass er sich ein nicht vom Bewusstsein zu steuerndes, unwillkürliches Weinen gestattet.

Wenn die Rede in den Strophen von „Aufschwung“ auf die Rolle des Dichters kommt, die Baudelaire ja auch im Bild des Albatros gefasst hat, der stolze Höhen quert, aber am Boden unbeholfen ist, heißt es bei Werle: „Der übers Leben schwebt“. Stefan George, zu dem wir gleich noch etwas sagen wollen, schreibt: „Er fasst die welt“. Es geht doch um den sicheren poetischen Zugriff, nicht um ein diffuses Dasein im Elfenbeinturm.

Manchmal wird unser Übersetzer salopp. Er lässt sich verleiten etwa zu: „Vetteln vorm Spiegel, nackt bestrumpfte Gören, / Die Masche straffend, dass sie die Dämonen lädt“. Bei Baudelaire sind es einfach alte Frauen und Kinder, die ihre Strümpfe hochziehen, um damit die Dämonen zu verführen. Der Lyriker selbst bleibt beherrscht, Werle wird dagegen deftig und möchte am liebsten den Mädels selbst in den Hintern kneifen.

Die Kritik darf sich sicherlich die Freiheit herausnehmen, bei diesem gerade erschienenen Buch sich zu der erwähnten Verdeutschung durch Stefan George zurückzusehnen. Sie wollte keine treue Version bieten, Baudelaire nicht etwa dem deutschen Publikum als solchen präsentieren, sondern der eigenen Lust am Formen nachgehen und mit dieser Arbeit etwas dem eigenen Werk hinzufügen. Das ist sicherlich das Schönste: die eigene Stimme im Übertragenen vernehmbar werden zu lassen und – in der Gewissheit, dass es das Originäre vielleicht selbst gar nicht gibt – eine beherzte Verschiebung zu vollziehen. Auf diese Weise ist George paradoxerweise herrlich präzise, denn wo Sicherheit über das Gemeinte herrscht, darf jeder Autor getrost knapp werden.

Werle ist halt selbst kein Dichter, seine Fassung kann keine eigene Diktion deutlich machen. Aber wir sollten ihm keinesfalls Unrecht tun. Seine Erfahrung als Romanist zahlt sich aus. Es kann nämlich durchaus auch sein, dass George einmal schwächelt. In zwei bedeutenden Zeilen aus dem zweiten Teil des „Herbstgesang“ schreibt der Binger Dichter: „Nicht deine liebe nicht kamin und zimmer / Ersezt das sonnenlicht aufs meer verstreut“. Hören wir Werle dagegen: „Und nichts, nicht deine Liebe noch was Herd, Boudoir mir gönnte, / Wiegt mir die Sonne auf, die hell das Meer erstrahlen ließ“. Das ist bedeutend genauer: die Freuden des Essens und der sexuellen Lust werden beibehalten (hat der Homoerotiker George davor zurückgescheut, Baudelaires Hinwendung zu einem weiblichen Wesen ganz zu entsprechen?). Last but not least darf hier die Sonne richtig strahlen. Der von Baudelaire ersehnten Unendlichkeit wird derlei semantische Treue eher gerecht, während das Sonnenlicht bei George in seiner Verstreuung auf das Meer tendenziell zu verblassen droht.

Dichtertum und strenge Philologie zu kombinieren – das wär’s doch, ist aber wohl kaum einem Einzelnen vergönnt. Darum ist Werles beindruckendes Unternehmen äußerst verdienstvoll. Seine Übersetzung sei dem Leser gern empfohlen, weil er hier einem der maßgeblichen Lyriker der Weltliteratur wiederbegegnen kann.

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