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Chamisso-Preis Die Ballade vom Riesenspielzeug

Zum Ende des Adelbert-von-Chamisso-Preises, der sich doch in seinem Fokus auf deutschsprachige Autoren mit Migrationshintergrund keineswegs erledigt hat.

23.09.2016 17:10
Artur Becker
Schriftsteller Artur Becker als Chamissopreisträger des Jahres 2009. Foto: imago stock&people

Wer hätte das gedacht? Nach 75 Preisträgern und 32 Jahren beendet die Robert Bosch Stiftung den Chamisso-Preis. 2017 soll er zum letzten Mal verliehen werden – unglaublich! In der offiziellen Pressemitteilung heißt es, der Preis habe seine Zielsetzung erreicht, denn die Werke der ausgezeichneten Autoren – auf Deutsch schreibende Schriftsteller mit Migrationsgeschichte – seien heute selbstverständlicher und unverzichtbarer Bestandteil deutscher Gegenwartsliteratur. Geschäftsführerin Uta-Micaela Dürig konstatiert, viele dieser Autoren würden heute nur für ihre literarischen Leistungen gewürdigt werden wollen, nicht wegen ihres biografischen Hintergrunds. So weit, so gut.

Natürlich muss man die Stuttgarter Stiftung erst einmal loben: Sie hat dazu beigetragen, dass man heute von der sogenannten Chamisso-Literatur spricht. Und das umfangreiche Begleitprogramm, zum Beispiel Schullesungen und Schulwerkstätten mit den Preisträgern, das man selbstverständlich fortsetzen und sogar erweitern werde, so die Stiftung, muss ebenso gelobt werden, da hier seit Jahren eine exzellente Integrationsarbeit nach dem Motto geleistet wird: „Seht, Migranten, seht Deutsche, wenn unsere Autoren es geschafft haben, könnt ihr es auch schaffen!“

Der eigentliche Vater des Chamisso-Preises ist der renommierte Romanist und Autor Harald Weinrich, der schon zu Zeiten der sogenannten „Gastarbeiterliteratur“ wusste, welches Potenzial in dieser Literatur steckt. Folgerichtig entstand dann dieser Preis, und 1985 war mit den ersten Preisträgern Aras Ören und Rafik Schami der erste Schritt in Richtung einer deutschsprachigen Gegenwartsliteratur mit Migrationshintergrund getan. Punkt.

Ich erinnere mich genau an die Anfänge der Chamisso-Literatur, so zum Beispiel an meine Gespräche mit dem Lyriker und Essayisten José Oliver, die 1990 oder 1991 nach einer gemeinsamen Lesung zustande kamen. Unser Ziel lag klar auf der Hand: die von der Kritik auferlegten Ketten („Gastarbeiterliteratur“) müsse man endgültig sprengen, man sei doch kein stigmatisierter Exot, der sich bloß in der Fremde nach einer Heimat sehnen würde. Damals haben wir allerdings nicht gewusst, wie schwierig es werden würde, unser Vorhaben zu realisieren.

In den 90ern galt José Oliver in den Kreisen der Migrationsautoren als Kultfigur: Vor jeder Lesung, an der er teilnehmen sollte, ging ein sakrales Raunen durchs Publikum – kommt er wirklich?, wird er wieder singen und hat er ein neues Poem auf Lager? Es war dann klar, dass der Lyriker aus Hausach im Schwarzwald 1997 mit dem Chamisso-Preis ausgezeichnet und später von Rainer Weiss zum Suhrkamp Verlag geholt wurde. Ich erinnere mich an die große Freude unter uns Migrationsautoren und auch an die Bewunderung für José, dass er es – wie man so sagt – geschafft hatte. Es war also doch möglich, trotz der eigenen Migrationsgeschichte ein ganz „normaler“ Autor zu werden!

Und jeder der Schreiber, auch wenn er es nicht zugab, wollte plötzlich in die Chamisso-Familie aufgenommen werden, denn da war endlich was los, da gab es ein Zuhause, eine Bleibe in einem „W:ort“, wie es José Oliver schreiben würde. Das war natürlich eine durch und durch romantische Vorstellung, die aber dem Namensgeber des Preises absolut gerecht wurde. Da hatte Professor Weinrich einfach eine gute Nase bewiesen, als er ausgerechnet den Dichter Adelbert von Chamisso zum Paten der schreibenden Migrationszunft machte.

Der bittere Nachgeschmack

Aber die eigentliche Frage lautet: Warum hinterlässt die Abschaffung des Chamisso-Preises einen bitteren Nachgeschmack? Man denkt an Chamissos Ballade „Das Riesenspielzeug“, in der es darum geht, dass ein Fräulein aus dem Volk der Riesen auf Geheiß seines Vaters den in der Menschenwelt gestohlenen Bauern mitsamt Pflug und Gespann – für sie bloß Spielzeug – zurückgeben muss. Um es deutlich zu sagen: Nach 32 Jahren hat es sich also ausgespielt, die Migrationsautoren haben der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur mit ihren Büchern alles, was sie nur stehlen konnten – Sprache, Identität usw. –, zurückgegeben.

Man wird den Eindruck nicht los, dass die Entscheidung der Robert Bosch Stiftung eine technokratische sei, denn kann überhaupt irgendeine Institution beschließen, die Hausaufgaben seien erledigt und das „Klassenziel“ der Migrationsliteratur sei erreicht? Sind nun der deutschsprachigen Literatur die Migrationsautoren wirklich ausgegangen? Und was ist mit der Sonderstellung des Chamisso-Preises innerhalb der zahlreichen anderen Literaturpreise? Hat er eine solche wirklich nie gehabt?

Es reicht nicht, von einem falschen politischen Signal zu sprechen, das da angesichts der bundesrepublikanischen Flüchtlingsproblematik ausgesendet wird. Vielmehr geht es darum, dass der Chamisso-Preis gerettet werden muss, weil sein Potenzial für die Erweiterung unserer europäischen und globalisierten Identitätssuche riesig ist. Die letzten Preisträgerinnen Esther Kinsky und Uljana Wolf sind dafür ein ausgezeichnetes Beispiel.

Der Chamisso-Preis verdient eine würdige Zukunft, denn seine europäischen Wurzeln sind seine eigentliche Stärke, mag sich auch Europas Gesicht im 21. Jahrhundert aufgrund der technologischen Revolution, der Krise der Werte und der globalen Völkerwanderung grundlegend wandeln.

Artur Becker, 1968 in Polen geboren, lebt seit 1985 in Deutschland. Den Chamisso-Preis bekam er 2009.

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