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César Aira - Der Literaturkongress Der Messi der lateinamerikanischen Literatur

In seinem neuen Roman "Der Literaturkongress" vollbringt César Aira Dinge, von denen andere nur träumen. Die neue Geschichte ist, zugegeben, höchst abstrus und zur einen Hälfte Pulp-Fiction, zur anderen literarisches Spiel.

24.10.2012 19:27
Mathias Schnitzler
Für den argentinischen Autor César Aira ist Schreiben eine Flucht nach vorn. Foto: Interfoto

Borges wollen wir gar nicht erwähnen. Zu oft schon wurde César Aira in einem Atemzug mit seinem übergroßen Landsmann genannt. Vergleiche aber sind Krücken für diejenigen, die nicht weiterwissen. Und das passiert einem bei Aira dauernd. Es gehört sozusagen zu seiner Erzählkunst, die sich neben der Schilderung sozialer Realitäten und Milieus aus Zufällen und Improvisationen, aus Brüchen, Ungereimtheiten, Absurditäten und genialem Blödsinn speist. Und den Leser vor die Frage stellt, wie er damit umgehen soll. Man sucht und sucht nach dem Sinn, nach dem Geheimnis, und sicher gibt es auch ein Geheimnis, aber ob der Autor uns auf die Sprünge hilft? Ob nicht vielleicht die Suche viel schöner ist?

Eine stetig wachsende Fangemeinde hat César Aira weltweit, in Argentinien und Lateinamerika aber wird er von vielen Schriftstellerkollegen, Intellektuellen und Künstlern geradezu vergöttert. Auch der früh verstorbene Roberto Bolano, der ja selbst als Jahrhunderttalent galt, hielt ihn für einen der Allerbesten. „Mir würde es besser gefallen“, sagt Aira dazu, „ein normales Publikum zu erreichen. Aber nein, es sind Professoren, Akademiker“. Immerhin, die kaufen wenigstens noch Bücher.

„Flucht nach vorn“

Schreiben, dieses Motto trifft man bei Aira immer wieder, sieht er als eine „Flucht nach vorn“. Eher würde er etwas Neues zu Papier bringen, als etwas Bestehendes zu bearbeiten. Mehr als 60?Bücher scheinen diese Aussage zu belegen. Nebenwerke sind nicht darunter, denn alle Bücher Airas, meist nur 100 Seiten lang, kommen äußerlich daher wie Nebenwerke und sind somit keine mehr. „Scheinromane“ nennt der Autor seine Prosa, weil er die Kürze und Unmittelbarkeit des Entwurfs dem großen Werk vorzieht. Einem Plan folge er beim Verfassen seiner Texte nie, er schreibe einfach drauflos. Aber das mag natürlich auch nur ein weiterer Trick sein, eine poetologische Windung, ein Teil seiner umtriebigen Fiktionen.

Aira, der 1949 in einem Kaff namens Coronel Pringles geboren wurde und seit 1967 in Buenos Aires lebt, ist einer der schrägsten Vögel der Gegenwartsliteratur. In Argentinien gibt es, wie früher in Russland, davon besonders viele, aber selbst hier sticht Aira noch hervor. Die Lektüren seiner Werke sind reine Abenteuer. Man kann sie an einem Abend lesen, so wie man früher einen guten Groschenroman oder als Kind einen abgedrehten Marvel-Comic las, in dem ein verrückter Professor die Welt bedrohte.

Wer zwischen Proust und Pulp partout einen unüberbrückbaren Abgrund sieht, wer Selbstreferenzialität nicht ausstehen kann, wer die Literatur für eine ernste Sache hält und Räuberpistolen allenfalls im Sonntagskrimi erlaubt, der sei eindringlich vor Aira gewarnt. Auf Deutsch waren bisher sechs Bücher des Argentiniers erschienen, die meisten sind schon wieder vergriffen. Nicht so die herrlich irre Erzählung von der „Nächtlichen Erleuchtung des Staatsdieners Varamao“ (2006), in der Aira hinter die Kulissen seiner Poetologie des Zufalls führt.

Rätsel als Spezialität

Es geht um einen Beamten in Panama, der niemals gedichtet hat und auch später niemals wieder dichten wird. Eines Nachts aber, als Folge einer Kette von Ereignissen, bringt er das Versepos „Der Gesang des jungfräulichen Kindes“ hervor, das flugs zum Meisterwerk der mittelamerikanischen Lyrik wird – sämtliche Kritiker und Literaturwissenschaftler aber vor unüberwindliche Schwierigkeiten stellt. Wie und warum dieses Epos entstand, darüber klärt uns Aira Stück für Stück mit den Mitteln der Deduktion auf wie einst Sherlock Holmes.

Airas bisher aberwitzigstes in einer Reihe von verrückten Büchern ist „Der Literaturkongress“, übersetzt von Klaus Laabs, der schon die genialen „Gespenster“ (2010) in ein wunderbar nonchalantes Deutsch übertrug. Lässigere Spukgestalten hat man noch nicht gesehen. Die neue Geschichte ist, zugegeben, höchst abstrus und zur einen Hälfte Pulp-Fiction, zur anderen literarisches Spiel. Der Held des Buches, ein Schriftsteller namens César, ist zugleich ein genialer Wissenschaftler.

Unlängst konnte er in Venezuela ein jahrhundertealtes Rätsel lösen und einen prächtigen Schatz heben. Rätsel sind eine Spezialität von Aira. Mit Geld ausgestattet, strebt César, man denke an die Marvel-Comics, nun die Weltherrschaft an. Dazu will er auf einem Literaturkongress den legendären mexikanischen Schriftsteller Carlos Fuentes klonen. Das Experiment misslingt jedoch. Gigantische Klonwürmer, die das Herz jedes Lovecraft-Fans höherschlagen lassen, kriechen von den Bergen und bedrohen das Land. Was tun?

Diverse Ebenen

Denjenigen Lesern, die sich nun verabschieden von dieser Rezension und von Aira, sei hiermit Verständnis versichert. Andererseits, warum hat der Autor so viele smarte Fans? Vielleicht, weil Aira immer mindestens einen Schritt weiter geht als andere und die Postulate des Verstandes, der Wahrscheinlichkeit und des guten Geschmacks für obsolet erklärt. Das hat etwas Befreiendes.

Und natürlich haben Airas Texte nicht nur eine oder zwei, sondern stets diverse Ebenen. Im „Literaturkongress“, der in Argentinien bereits 1997 erschien, gibt es einige höchst inspirierende Einfälle zum Thema von Original und Kopie, ausgehend von der Rippenfabel der Genesis. Des Weiteren eine Apologie der Hyperaktivität, die Überführung des Heisenberg-Prinzips in die Literatur sowie wunderschöne Reflexionen zum Glück des Reisens, das für Aira auf dem Gefühl der Straflosigkeit beruht. Sex ist auch im Spiel.

Der in diesem Jahr verstorbene Fuentes, ein ausgesprochener Gentleman, hatte sich übrigens bei Aira revanchiert. In seinem noch nicht ins Deutsche übersetzten Zukunftsroman „La silla del águila“ (Der Thron des Adlers) erhält Aira den Nobelpreis: im Jahr 2020. Man könnte César Aira, dieser Vergleich sei vielleicht erlaubt, als Messi der lateinamerikanischen Literatur bezeichnen. Ein Künstler, dem man die Arbeit nicht ansieht, aber das pure Vergnügen am Spiel. Wussten Sie, dass in Wirklichkeit noch nie ein Argentinier den Literaturnobelpreis bekam? Eine Frechheit!

César Aira: Der Literaturkongress. Aus dem Spanischen von Klaus Laabs. Ullstein, Berlin 2012. 110 S., 18 Euro.

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